Bräuche und Feste im Jahreslauf: Frühlingsbräuche in der Pfalz – früher und heute
Der vierte Teil unserer Reihe
Wenn die Tage wieder länger werden und die Temperaturen ansteigen, macht sich allmählich der Frühling bemerkbar. Schon in früheren Zeiten gab es in der Pfalz unterschiedliche Bräuche, um die anbrechende neue Jahreszeit willkommen zu heißen. Eine besondere Rolle spielt dabei der „Sonntag laetare“, der vierte Fastensonntag, drei Wochen vor Ostern. Zu den bekanntesten Bräuchen zählen bis heute vor allem in der Vorder- und der Südpfalz Umzüge und Veranstaltungen, die rund um diesen auch als „Sommertag“ bezeichneten Sonntag stattfinden, die Winterverbrennung oder das Stabausfest. Kinder und Musikgruppen ziehen durch den Ort und begleiten zwei Gestalten, die Sommer und Winter darstellen sollen. Symbolisch gewinnt der Sommer den Kampf gegen den Winter und läutet somit den Wechsel von der kalten zu der wärmeren Jahreszeit ein.
Frühe Formen des Brauchs sind schon ab dem 16. Jahrhundert dokumentiert, vermehrt finden sich dann Belege aus dem 17. und 18. Jahrhundert.* Mitte des 19. Jahrhunderts beauftragte König Maximilian II. von Bayern die Abfassung einer Beschreibung der bayerischen Landesteile, die neben den geologischen Begebenheiten vor allem die Bevölkerung, ihren Alltag und Lebensweise, aber auch Besonderheiten wie Bräuche und Feste in den Blick nehmen sollte. Den Part für die damals noch Bayern zugehörige Pfalz übernahm Ludwig Schandein (1813–1894), Historiker und Archivar in Speyer, der zahlreiche Bereiche des alltäglichen Lebens, Sitten und Bräuche im Band 4/14.2 dieser „Bavaria – Landes und Volkskunde des Königreichs Bayern“ beschrieb. In seinen Ausführungen findet sich auch ein Abschnitt zum Sommertag:
„Die Jugend hat sich versammelt und zwei Knaben oder größere Burschen erwählt, welche den Winter und Sommer vorstellen. Der Winter ist in alte Kleider oder in Stroh eingehüllt, der Sommer in Laubwerk und Blumen, mit bunten Bändern verziert, und trägt eine Blumenkrone. Beide streiten gegeneinander, zuerst mit Worten oder eigens erhaltenen Sprüchen, und dann in wirklichem Kampfe, bis nach langem Ringen zuletzt der Sommer den Sieg davonträgt. Die Jungen umschreiten dann paarweise und mehrmals den Sieger und singen den Stabaus. Er lautet in Speyer und Umgegend: Ri — ra — ro! Der Summerdag isch do!“*
In ähnlicher Form werden Sommertagszüge bis heute durchgeführt. Bei den Umzügen der Kinder durften auch schon früher die mit bunten Bändern und Eiern, Äpfeln oder Brezeln geschmückten Sommertagstecken nicht fehlen. Bis heute sind sie ein wichtiger Bestandteil bei den Umzügen. Die Lieder, die gesungen werden, gibt es ebenfalls in mehreren Varianten, in einer weiteren heißt es beispielsweise „Stabaus, Stabaus, mach’ em Winter de Gar aus!“ Der Begriff „Stabaus“ geht dabei auf das „Ausstauben“, sozusagen das Verjagen des Winters zurück.
In Beschreibungen aus dem frühen 20. Jahrhundert finden sich ebenfalls Schilderungen von Bräuchen zum Sommertag, beispielsweise bei Lukas Grünenwald (1858–1937), Historiker und Heimatforscher aus Dernbach bei Annweiler. In seiner Studie zum Kirchenjahr aus dem Jahr 1927 berichtet er von den sogenannten „Rußebutze“, die die Sommer- und Wintergestalt begleiteten und von den Dorfbewohnern Gaben einsammelten. Wer nichts gab, wurde mit Ruß beschmutzt. Grünenwalds Schilderungen zufolge trugen die Kinder neben den Sommertagstecken auch Holzsäbel bei sich, mit denen sie den Winter vertreiben wollten. Außerdem zogen jeweils vier „Singbuben“ von Haus zu Haus, die Sommertagslieder vortrugen und sich ihre Mühen mit Eiern vergelten ließen – für diesen Zweck trugen sie extra einen mit Spreu gefüllten Korb bei sich, um die Belohnung sicher transportieren zu können.*
Nachdem die Aktivitäten rund um den Sommertag im 17. und 18. Jahrhundert oft kritisch gesehen wurden, gab es Initiativen seit dem 19. Jahrhundert, die Umzüge und Bräuche wiederzubeleben. Heutzutage findet man sie in vielen Dörfern und Städten wie Speyer, Haßloch, Germersheim oder Dernbach, wo rund um den „Sonntag laetare“ ein Umzug oder eine symbolische Winterverbrennung veranstaltet wird. Eine besondere Form des Sommertags findet sich übrigens im vorderpfälzischen Forst: das Hanselfingerhut-Spiel, das dort bereits vor über 300 Jahren dokumentiert wurde und szenische Darstellungen rund um den Hansel Fingerhut und andere Protagonisten mit der abschließenden Winterverbrennung kombiniert.* 2016 wurde es in das „Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen.
Barbara Schmidt M. A.