Zum 25. Todestag: Elisabeth „Els“ Schröder, Turnerin und Frauenturnwartin

Els Schöder: Bericht Pfälzisches Kreisturnfest 15.-17. Juni 1932, Neustadt a. d. Haardt (Zeitbilder Nr. 29, Jg. 36, 1932, S. 114/Fotosammlung: Stadtarchiv Neustadt a. d. Weinstraße)

„Eine Neuerung bedeutet die Einführung eines regelmässigen Turnunterrichts für die Mädchen. Der Unterricht wurde vom Staatsministerium Fräulein Elisabeth Schröder, Hauptlehrerin an der Lehrerinnenbildungsanstalt, übertragen.“

Diese Meldung des Humanistischen Gymnasiums Kaiserslautern, dem Vorläufer des heutigen Albert-Schweitzer-Gymnasiums, stammt aus dem Bericht über den Jahrgang 1928-29. Drei Informationen daraus sind bemerkenswert: Mit dem erstmals eingeführten Turnunterricht für Mädchen folgte das Kaiserslauterer Gymnasium einem Trend, der mit einer steigenden Wertschätzung des Mädchenturnens in den 1880er Jahren begann.[1] Heute ist Turnen bzw. Sportunterricht für Mädchen und Frauen, ja auch für Seniorinnen eine Selbstverständlichkeit und erst der Blick in die historischen Quellen zeigt, dass dies in Kaiserslautern noch nicht einmal 100 Jahre der Fall ist.

Das zweite Bemerkenswerte ist, dass der Turnunterricht Fräulein Elisabeth Schröder übertragen wurde. Die Anrede „Fräulein“ hat sich aus unserem Wortschatz verflüchtigt, war aber noch bis in die 70er Jahre hinein für unverheiratete Frauen üblich. 1928 war die Tatsache „Fräulein“ zu sein insofern wichtig, als es das sogenannte Lehrerinnen-Zölibat[2] gab, das vorschrieb, dass nur „Fräuleins“ Lehrerin sein konnten. Heiratete eine Frau, musste sie ihren Lehrerinnen-Beruf aufgeben.[3] Was wundert es, dass Els Schröder, die  „Fräulein“ blieb und ihre ganze Energie und Leidenschaft in ihren Beruf setzte, auch nach dem Zweiten Weltkrieg von ihren Schülern im Gymnasium am Rittersberg verlangte, mit „Fräulein Schröder“ angeredet zu werden. Bemerkenswert ist drittens vor allem, dass der neu eingeführte Turnunterricht für Mädchen mit dem Namen Els Schröder verbunden ist. Sie war seit 1925 Dozentin an der Lehrerinnenbildungsanstalt in Kaiserslautern und bildete hier Lehrerinnen aus. Am 9. Juni 1899 in Fürth geboren und dort bereits als Turnerin und Turnwartin im Regnitz-Turngau aktiv, war sie nach ihrem Studium in München an die Kaiserslauterer Ausbildungsstätte berufen worden.

Die Ausbildung von Frauen zu Turnlehrerinnen sah sie durchaus als ihren Beitrag zur Emanzipation der Frau, führte doch „der Weg vom häuslichen Herd ins Leben, in die Selbstständigkeit“.[4] Mit dieser Einstellung ließ sich Els Schröder auch nicht vom später verbreiteten nationalsozialistischen Frauenbild vereinnahmen, das Frauen auf die Hausfrauen- und Mutterrolle festlegen wollte. Darüber hinaus begeisterte sie die zukünftigen Lehrerinnen so sehr für das Mädchen- und Frauenturnen, dass diese sich auch in Vereinen engagierten. Im Turnverein 1861, in dem Els Schröder die Frauenturnabteilung leitete, entstanden innerhalb von drei Jahren zahlreiche Turngruppen für Frauen und Jugendliche sowie Abteilungen für Vorturnerinnen. Els Schröder stellte fest: „Der Turnverein 1861 war bald in aller Munde.“[5] Auf diese Leistung konnte sie also bereits zurückblicken, als sie den Turnunterricht am Humanistischen Gymnasium übernahm. Dieses lag wie das damalige Turnerheim des Turnvereins 1861 – die heutige Cafeteria der Meisterschule – in ihrem engeren Wohnumfeld, denn sie wohnte Am Vogelgesang 27.


Ehemaliges Turnerheim TSG 1861 Kaiserslautern, heute Cafetaria der Meisterschule für Handwerker (Foto: Christiane Stephani 2020)

Neuerung ist ein Stichwort, das für Els Schröder an vielen Stationen ihres Lebens charakteristisch ist: In Kaiserslautern setzte Els Schröder moderne Sportkleidung durch, die Arme und Beine nicht mehr bedeckte. Bei Festumzügen trugen die Turnerinnen ärmellose Kleider und kniekurze Röcke.[6] Die engagierte Els Schröder weitete ihren Wirkungskreis aus: Sie selbst hatte 1923 am Turntag in München aktiv teilgenommen, mit ihren Turnerinnen besuchte sie die regionalen Turnfeste und erreichte, dass die Zahl der Turnerinnen ständig stieg: von 800 Frauen beim Turnfest in Zweibrücken 1929 über 2.000 Turnerinnen beim Kreisturnfest 1932 in Neustadt bis zu 5.000 Frauen beim „Befreiungsturnfest“ 1935 in Saarbrücken, davon kamen allein 532 Frauen vom Turnverein 1861 Kaiserslautern.[7]


Freiübungen der Turnerinnen, Pfälzisches Kreisturnfest 1932, Neustadt a. d. Haardt (Zeitbilder 29, Jg. 36, 1932, S. 114/Fotosammlung: Stadtarchiv Neustadt a. d. Weinstraße)

Inzwischen hatte sich im Turnen durch Carl Loges, Hannover, und Hinrich Medau, München, die rhythmische Gymnastik entwickelt, die darauf abzielte, gymnastische Übungen zur Musik so zu choreographieren, dass dadurch ein einheitliches Bild entstand. Els Schröder griff diese Neuerungen auf, besuchte Fortbildungen und setzte deren Erkenntnisse begeistert um. 1928 zeigte Els Schröder auf dem Deutschen Turnfest in Köln zum ersten Mal ihre „allgemeinen Freiübungen“ für sechs- bis zehnjährige Mädchen.[8] Beim Deutschen Turnfest in Stuttgart 1933 choreographierte sie eine Darbietung von 17.000 Frauen, eine Leistung, die von ihrer großer Kreativität und ihrem beachtlichen logistischen Können zeugt.[9] Beobachter sprechen davon, dass diese Freiübungen der Turnerinnen „ein über alle Erwartungen freudiges Erlebnis“[10] und „geradezu epochemachend für die Deutsche Turnerschaft gewesen“[11] seien.

Ihr Engagement für den Frauensport wurde überregional bekannt. Den Höhepunkt ihrer Laufbahn stellte 1929 ihre Wahl zur Deutschen Turnwartin dar. Bisher hatten Männer Frauenturngruppen geleitet und hatten demzufolge auch die Funktionsämter inne. Beim Deutschen Turntag in Berlin 1929 plädierte Henni Warninghoff für die Wahl einer Frau im Amt der Deutschen Frauenturnwartin und unterstützte damit die Kandidatur von Els Schröder. Die Wahl fand am 4. Oktober 1929 im Reichstagsgebäude statt und Els Schröder löste hier mit 188 zu 148 Stimmen ihren langjährigen Vorgänger im Amt, Theodor Brodermann aus Oldenburg, ab. Sie war die erste Frau in dieser Funktion und die erste im Vorstand des Deutschen Turner-Bundes.[12] Els Schröder beschrieb die Schwierigkeiten: „Da in allen deutschen ‚Turnkreisen‘, mit Ausnahme von Ostpreußen und der Pfalz, nur Männer … als Frauenturnwarte tätig waren, war für mich der Anfang bitterschwer. Einige der Männer erklärten mir spontan, von ihrem Posten zurückzutreten.“ Aus Neid oder Missgunst stellten sich auch Frauen gegen sie. Els Schröder aber ließ sich „nicht beeindrucken, [ich] ging gerade meinen Weg und wurde dann auch anerkannt. Leicht wars nicht!“[13] Die Vereinsleitung des TSG 1861 war stolz auf die Wahl von Els Schröder, man wusste „daß sie Eigenschaften besitzt, die sie für solchen verantwortungsvollen Posten als die geeignetste Person erscheinen läßt. In unserm Turnrate hat man längst Els Schröder als tüchtige Kraft mit Führertalent erkannt; der Rest von Spießbürgern ist unterdessen eines Bessern belehrt worden. – Wir gratulieren unserer mutigen Els Schröder …“[14]

Für die Olympischen Spiele in Berlin 1936 entwarf sie eine Choreographie für Turnerinnen, die die Menschen begeisterte – auch den anwesenden Adolf Hitler. Als sie ihm vorgestellt wurde, grüßte sie ihn mit „Grüß Gott, Herr Hitler!“[15] Die so engagierte und erfolgreiche Turnwartin verlor 1937 alle ihre Ämter im Turnerbund, als die Turnvereine von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet wurden, und die protestantisch geprägte Els Schröder sich weigerte, der NSDAP beizutreten – ein mutiger und konsequenter Schritt in der damaligen Zeit![16] Als Landessportwartin arbeitete sie danach beim Roten Kreuz, sie war während des Zweiten Weltkrieges als DRK-Schwester auch in Frankreich eingesetzt.

Nach dem Krieg förderte Els Schröder den Wiederaufbau regionaler Turnverbände und übernahm auf Landesebene das Amt der Landesfrauenturnwartin, später Landeskulturwartin. In Kaiserslautern übergab sie im Oktober 1948 das Amt der Frauenturnwartin an Lieselotte Steingötter. Am Gymnasium am Rittersberg war sie Lehrerin für Sport und Französisch.[17]  Ein damaliger Schüler erinnert sich, dass „Fräulein Schröder“ sehr freundlich, sehr engagiert, aber auch bestimmend gewesen sei. Sie hätte ihre Standpunkte mit Autorität deutlich formuliert vertreten können. Und hätte sie bei einem Sportfest oder bei Wettkämpfen das Mikrophon in der Hand gehabt, hätte sie es auch so schnell nicht wieder abgegeben.[18]

Ihre Turn-Kolleginnen schätzten ihre außerordentliche fachliche Kompetenz, für viele war sie ein Vorbild. Emmchen Weber beschrieb sie als respektierte, aber dennoch zugängliche Persönlichkeit. „Sie habe es verstanden, mehr als 100 Turnerinnen in einer großen Turnhalle zu unterrichten und man hätte eine Stecknadel fallen hören können, wenn sie sprach. Disziplin und Korrektheit, auch bei der Turnkleidung, habe bei den von ihr erarbeiteten Vorführungen einfach dazugehört.“[19]

Bis ins hohe Alter hinein hat Els Schröder persönlich täglich Gymnastik gemacht. So blieb sie ihr Leben lang einem Wort des Pädagogen Herbart treu, das sie zitierte: „Worte bewegen, Beispiele reißen hin.“[20] Kurz vor ihrem 97. Geburtstag ist sie in einem Münchener Krankenhaus am 31. März 1996 verstorben.

Einige Ehrungen wurden Els Schröder zuteil:

1954 Ehrenmitglied des Pfälzer Turnerbundes

1974 Ehrenvorsitzende des TSG Kaiserslautern

1994 Überreichung der Ehrengabe des Deutschen Turner-Bundes.

Seit ihrem Todesjahr, das sich 2021 zum fünfundzwanzigsten Mal jährt, wird jedes Jahr vom Deutschen Turner-Bund der Els Schröder-Preis verliehen, nicht für besondere Ergebnisse im Leistungssport, sondern für das soziale Engagement von Frauen im Sport.[21] Denn Els Schröder selbst war die gesellschaftspolitische Arbeit als Frau im Turnerbund immer wichtig. „Dass Fraueninteressen von Frauen vertreten werden, war Els Schröder ein Anliegen.“[22] Dem modernen Leistungssport gegenüber hatte sie eine gewisse Skepsis. Für sie stand beim Turnen der Mensch als ein Individuum mit Körper, Seele und Geist im Mittelpunkt und sie fand, dass dies immer in Betracht gezogen werden soll und muss.[23] Els Schröder zeigte bis ins hohe Alter Interesse an den verschiedenen gymnastischen Stilen, der Vielfalt der Turnerbewegung mit ihren verschiedenen Gruppen von Kindern bis Senioren und sie freute sich über die große Zahl von Frauen im DTB.[24]

Gertrud Pfister, Professorin für Sportgeschichte, sieht in Els Schröder ein Symbol für das Können der Frauen, für ihre Führungsqualitäten, für ihren Willen Verantwortung zu übernehmen und dafür, für die Rechte anderer Frauen einzustehen.[25]


Christiane Stephani


[1]     Pfister: Frauen in der Turnbewegung, S. 55, hier auch das Zitat.

[2]     Das Lehrerinnenzölibat wurde 1880 eingeführt, war in der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1923 aufgehoben, dann aber wegen der hohen Arbeitslosigkeit unter den Männern wieder eingeführt worden und gültig bis es 1957 für verfassungswidrig erklärt wurde.

[3]     So beispielsweise Paula Best, geb. Guth, die Grundschullehrerin in Kaiserslautern-Erlenbach war, bis sie 1920 den Volksschullehrer Emil Best heiratete. Danach wirkte sie als freie Schriftstellerin.

[4]     Wilhelm: Interview mit Else Schröder, S. 105.

[5]     Ebd., S. 103.

[6]     Fuhrmann: Els Schröder, S. 182.

[7]     Ebd., S. 183.

[8]     Ebd., S. 182.

[9]     Vgl. Pfister: Women‘s gymnastics, S. 206.

[10]   Gärtner: Erinnerung an das Deutsche Turnfest Stuttgart 1933, S. 37.

[11]   Ebd., S. 37.

[12]   Fuhrmann: Els Schröder, S. 183.

[13]   Wilhelm: Interview mit Else Schröder,  S. 105.

[14]   Turn-Verein 1861 KL: Monatsblatt 4, 10 (1929), S. 8.

[15]   Fuhrmann: Els Schröder, S. 183.

[16]   Auf ihrem Turntag am 18. April 1936 in der Berliner Kroll-Oper, fast genau drei Jahre  nach der Sitzung des Hauptausschusses unter Neuendorff im April 1933, beschloss die Deutsche Turnerschaft ihre Selbstauflösung.

[17]   Damals war in der Französischen Zone Französisch als erste Fremdsprache verpflichtend.

[18]   Aussage eines ehemaligen Schülers in einem Interview mit der Autorin im Dezember 2020.

[19]   Anonym: Els Schröder zum Gedenken.

[20]   Wilhelm: Interview mit Else Schröder, S. 103.

[21]   DTB: Wer war Els Schröder?

[22]   Fuhrmann: Els Schröder, S. 185.

[23]   Vgl. Pfister: Women‘s gymnastics, S. 204.

[24]   Vgl. ebd., S. 208.

[25]   Vgl. ebd., S. 207.


Literatur und Quellen:


Anonym: Els Schröder zum Gedenken, in: Pfälzer Turner, Mai 1996. (Stadtarchiv Kaiserslautern)

Deutscher Turner-Bund (DTB): Wer war Els Schröder? –

URL: https://www.dtb.de/personal-frauen-und-gleichstellung/frauen-und-gleichstellung/els-schroeder-preis/  (Stand: 08.01.2021)

Gärtner, Werner (Hrsg.): Blätter der Erinnerung an das 15. Deutsche Turnfest Stuttgart 1933, Dresden 1933.

Fuhrmann, Marliese: Els Schröder. Die erste Frauenturnwartin Deutschlands, in: Dieselbe: Anna und Andere. Frauenwege in der Pfalz, Koblenz 2007, S. 182-185.

Pfister, Gertrud: Frauen in der Turnbewegung: Anfänge, Entwicklungen und Veränderungen, in: Pfister, Gertrud (Hrsg.): 200 Jahre Turnbewegung – 200 Jahre soziale Verantwortung, Frankfurt am Main 2011, S. 54-65. –

URL: http://referenzen.frehner-consulting.de/539_dtb01/#54 (Stand: 08.01.2021)

Pfister, Gertrud: Women’s Gymnastics in Women’s Hands. Els Schröder and the German Turnen and Gymnastics Movement, in: Bandy, Susan J./Hofmann, Annette R./Krüger, Arnd: Gender, body and sport in historical and transnational perspectives (Schriften zur Sportwissenschaft 72), Hamburg 2008, S. 197-211.

Turn-Verein 1861 Kaiserslautern: Monatsblatt 4, 10 (1929), S. 8.

Wilhelm, Sissi: Ein Interview mit der ersten deutschen Turnwartin Else Schröder, in: Wilhelm, Sissi (Hrsg.): Frauengeschichte – Frauengeschichten aus Kaiserslautern,  Otterberg 1994, S. 103-105.