Vor 400 Jahren: Das „böhmische Abenteuer“ Friedrichs V. endet in der Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620

Pieter Snayers: Die Schlacht am Weißen Berg, Öl auf Leinwand, 1620 (Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Königtum mit Hindernissen

„Glaubt mir, dass ich nicht wünsche, dass Ihr nach Prag geht, wenn es nicht notwendig ist, aber es kann nicht schaden, vorbereitet zu sein. Glaubt mir, dass ich Euch so sehr liebe, dass mich nichts mehr bekümmern würde, als wenn Euch das Geringste zustieße. Wir sind immer noch hart am Feinde dran, ich hoffe, Gott möge uns nicht verlassen.“[1]

So schrieb Friedrich V., König von Böhmen und Kurfürst von der Pfalz, am 1. November 1620 aus dem Feldlager bei Rakovník an seine Frau Elisabeth Stuart – sieben Tage vor der entscheidenden Schlacht seines Heeres. Die mögliche Unsicherheit, die sich hier, gepaart mit Zweckoptimismus, zwischen den Zeilen lesen lässt, verweist auf eine wenig beeindruckende Regierungsbilanz, auf die Friedrich nach einem knappen Jahr seiner Herrschaft zurückblicken musste. Ursprünglich in politischer Opposition zum katholischen Habsburger Kaiserhof nach Prag gezogen, um seine Hausmacht im Reich auszubauen, hatte er sich beim Bestreben, die neue Regentschaft zu festigen mit mannigfaltigen Problemen konfrontiert gesehen. Der anfängliche Versuch, eine rigide calvinistische Konfessionspolitik im Stil seiner Stammlande auch im Osten durchzusetzen, war im weihnachtlichen Bildersturm des Prager Veitsdoms und der Karlsbrücke 1619 gefährlich eskaliert. (vgl. hierzu https://www.pfalzgeschichte.de/vor-400-jahren-friedrich-v-von-der-pfalz-wird-zum-winterkoenig-boehmens-gekroent/) Diese kurzsichtige Maßnahme erwies sich als katastrophaler Fehler, welcher Friedrichs Ansehen bei vielen seiner böhmischen Untertanen sogleich ruinierte. Zur effektiven Kontrolle seiner neuen Kronländer – neben Böhmen noch die Markgrafschaft Mähren, das Fürstentum Schlesien sowie die Markgrafschaften Ober- und Niederlausitz – brauchte der junge Monarch im folgenden Jahr also mehr als bloßes Gottvertrauen und Optimismus.

Das erworbene Königreich mit circa vier Millionen Untertanen erstreckte sich flächenmäßig  mindestens über das Fünffache der Kurpfalz mit ihren rund 250.000 Einwohnern. Böhmen war in seiner konfessionellen Mehrheit der hussitischen Glaubensrichtung des Utraquismus, in seiner Minderheit dem Luthertum anhängig und verfügte außerdem über eine gleichermaßen selbstbewusste wie in ihren konkurrierenden Einzelinteressen höchst heterogene Ständeopposition. Diese beanspruchte verfassungsrechtlich umfangreiche Mitsprache bei der Gesetzgebung und Rechtsprechung, ein Umstand, der Friedrich bisher allenfalls aus der Ober-, nicht aus der Unterpfalz vertraut war. Nicht gerade integrationsfördernd war zudem, dass weder er noch Königin Elisabeth ein Wort Tschechisch sprachen, was fast ausnahmslos auch für ihren pfälzisch-englischen Hofstaat gegolten haben dürfte. Dies erregte unter den Böhmen einigen Unmut, und der isoliert agierende Beraterstab aus Fürst Christian von Anhalt und den Heidelberger Räten, dem der junge König politisch primär vertraute, machte die Sache nicht besser. Dazu traten kulturelle Differenzen über religiöses Brauchtum und allgemeine Sittlichkeitsvorstellungen. Auch Friedrichs im Februar 1620 angetretene Huldigungsreise durch seine Lande – so besuchte er demonstrativ den Breslauer Dom, um den Bildersturm vergessen zu machen – blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Einzelne Vertreter des Adels, der Beamten- oder der urbanen Bürgerschaft tauchten zur Eidesleistung gar nicht erst auf – so ließ sich die Abordnung der Stadt Eger lapidar mit kollektiver Krankheit entschuldigen.

Diplomatische Fehlschläge, Finanzmisere und Kriegsverlauf

Auch die Bemühungen des Kurpfälzers, seine weitestgehende außenpolitische Isolation zu beenden, hatten keinen Erfolg. Abgesehen von geringer militärischer Sicherung der Kurpfalz und einer Leibkompanie für seine Tochter, weigerte Jakob I. von England, Friedrichs königlicher Schwiegervater, sich nach wie vor, die in seinen Augen böhmische Usurpation zu unterstützen. Wohl noch härter traf den Böhmenkönig der durch Frankreich vermittelte Ulmer Vertrag vom 3. Juli – ein reichspolitischer Coup für Wien und die Katholische Liga, welcher die militärische Neutralität der protestantischen Unionsfürsten im Falle eines böhmischen Krieges verbriefte! Der einzige internationale Verbündete, den Friedrich dann auch erst im Oktober, nach der Zahlung von 100.000 Gulden noch auf seine Seite ziehen konnte, war der eigensinnige Fürst Bethlen Gabor aus dem zum Königreich Ungarn gehörenden Siebenbürgen. Demgegenüber hatte Kaiser Ferdinand, unterstützt von der Römischen Kurie, eine beträchtliche Koalition gebildet – bestehend aus bayerischen, italienischen, polnischen und aufgrund seiner dynastischen Verbindung zum Thron von Madrid auch spanisch-wallonischen Truppen.  Im September 1620 eröffnete eine aus den Spanischen Niederlanden vorrückende, 20.000 Mann starke Invasion General Spinolas in die Unterpfalz den Feldzug gegen Friedrich, um ihm seinen westlichen Ressourcenfluss abzuschneiden. Angesichts unzureichender Verteidigung waren bald Rheinhessen und die gesamte Vorderpfalz den Spaniern ausgeliefert, Kreuznach, Meisenheim, Oppenheim und Frankenstein erobert!

Der Fall der Unterpfalz machte sich umso schmerzlicher bemerkbar, als die böhmische Regentschaft schon lange ihre notorisch leckende Staatskasse mit Heidelberger Steuermitteln zwangssaniert hatte. Und so konnte es Insider kaum überraschen, dass bereits im Mai der verzweifelte Großkanzler von der Grün den Konkurs anmeldete: „Die Land Commissarij in der undern Pfaltz haben innerhalb drey viertel Jahren uber die 300 000 fl. [= Gulden – C.D.] hergeschossen…und also in dieser kurzen Zeit das Land mit 15 000 fl. Jährlicher pension beschwert/so sey im Land kein oder je wenig Geld mehr zuentlehnen.“ Die explodierenden Kosten einer repräsentativen Hofhaltung, sowohl für das Heidelberger Schloss als auch den Hradschin, hatten an der katastrophalen Finanzlage im Königreich entscheidenden Anteil.

Diese Misere griff erwartungsgemäß umgehend auf den Wehretat und die Heeresverwaltung über. Schon im Winter 1620 häuften sich die Soldrückstände, was auch eine frühzeitig erhobene, in der Bevölkerung verhasste Kriegssteuer nicht änderte. Bis zum Jahresende meuterten immer wieder Regimenter der „Kriegsunternehmer“ – wie das des Grafen von Hohenlohe oder Ernst von Mansfelds. Was dessen Truppen nicht an Sold erhielten, holten sie sich kurzerhand bei der brutalen Plünderung Pilsens. Königliche Verbote wurden hier rundheraus ignoriert, ja einige Soldaten drohten Friedrich V. sogar, sich ihren gerechten Anteil in Prag statt beim Feind zu holen! Die im Sommer angeordnete landesweite Generalmobilmachung geriet zu einem Fiasko, viele der Einberufenen blieben entweder fern oder sie desertierten wenige Tage später wieder. All das waren keine guten Voraussetzungen für den kommenden Feldzug.

Die Katastrophe an den Hängen des Weißen Berges  

Nach der westlichen Eroberung der Pfalz und vorangegangenen Kampfhandlungen kam die Hauptoffensive der kaiserlich-ligistischen Streitmacht gegen den „Winterkönig“ im Oktober 1620 durch ihren Einfall in Südböhmen ins Rollen. Die katholischen Kontingente, kommandiert von General Buquoy, Herzog Maximilian von Bayern und dessen Generalleutnant Tilly, rückten relativ ungehindert vor, mit dem ausweichenden Gegner kam es allenfalls zu kleineren Scharmützeln. Friedrich V. bemühte sich alldieweil, den Proviant seiner Söldner zu garantieren und allerorts Festungsarbeiten anzuordnen – ein letzter Verhandlungsversuch des Kurpfälzers mit seinem Verwandten Maximilian scheiterte. Kurz darauf kam es Ende Oktober zu einem ersten härteren, aber noch unentschiedenen Gefecht bei Rakovník. Im katholischen Hauptquartier drängten der Herzog  und Tilly nun zu einer schnellen Entscheidungsschlacht – der Winter und damit der sichere Kampagnenabbruch standen bevor, unter den Reichstruppen grassierten Ruhr und Typhus! Durch den direkten Zug auf Prag zwang man Friedrichs Heerführer Fürst Christian von Anhalt zur erhofften Reaktion. Um die Hauptstadt fürchtend, ließ Anhalt sein Heer in einem Gewaltmarsch auf Prag vorrücken und schaffte es schließlich sogar, den Gegner zu überholen. Am Abend des 7. Oktober kampierte das böhmische Aufgebot an den Hängen des Weißen Berges (tschech. Bilá Hora), einem damals noch circa 7 km westlich von Prag gelegenen Höhenzug mit drei Kuppen – darunter im Norden der ummauerte Wildpark mit dem Jagdschloss „Stern“ im Zentrum. Friedrich V. war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr bei seiner Armee, sondern am Nachmittag zu erneuten Verhandlungen mit den britischen Gesandten und der Inspektion der Festungsanlagen nach Prag geritten. 

Das Schlachtfeld am Weißen Berg, 8. November 1620, in: K. von Spruner/ Th. Menke: Hand-Atlas für die Geschichte des Mittelalters und der neueren Zeit, Gotha, 1880, Karte 44, Nebenkarte

Am Morgen des 8. November rückte das 26.000 Mann starke katholische Heer von Nordwesten heran, erwartet von den 20.000 Mann Anhalts in einer strategisch eigentlich äußerst günstigen Position auf den Berghängen. Fürst Christian beging allerdings den schweren taktischen Fehler, die sich langsam über die einzige Brücke des Litowitzer Bachs zwängenden Reichstruppen nicht frühzeitig unter Artilleriefeuer zu nehmen und so ihre Formation zu sprengen. Dementsprechend schlossen die Verbände ihren Aufmarsch ab, doch der Vorsicht Buquoys wegen wurde um die Mittagszeit zunächst ein heftig streitender Kriegsrat einberufen. In diesen soll dann der spanische Karmeliterpater und Feldprediger Dominicus a Jesù Maria geplatzt sein und lautstark einen unverzüglichen Angriff gefordert haben, mit Gottes Hilfe sei der Sieg gewiss! Daraufhin habe sich der Generalstab zur Attacke entschlossen. Zumindest in Teilen eine historische Legende, soll Dominicus die katholischen Truppen mit einem angeblich von den Böhmen in Strakonice geschändeten Marienbildnis in solche Wut versetzt haben, dass sie unter dem Schlachtruf „Santa Maria!“ begannen, die West- und Nordhänge des Weißen Berges zu ersteigen. Als von Anhalts Regimenter auf dem linken böhmischen Flügel in Schussweite der heranrückenden Wallonen gerieten, gaben sie eine einzige Salve ab, um danach massenhaft, mitsamt vieler Offiziere zu fliehen!  Zur eigenen Entlastung, aber auch durch Drittberichte faktisch gedeckt, schrieb der Heerführer im späteren Bericht an Friedrich V., die Hauptursache der Niederlage sei in „der überschändtlichen Zagheit und unnöthiger Furcht der Soldatesca zu Roß und Fuß entstanden.“ Brach sich schon ein mutiger Gegenangriff von Anhalts Sohn Christian II. am Widerstand von Pappenheims Reiterei, besiegelte die überstürzte Flucht der ungarischen Kavalleriereserve vor ihren polnischen Verfolgern Richtung Prag und der Moldau und das Niedermachen der letzten im „Stern“ umzingelten Verteidiger schließlich die vernichtende Niederlage der böhmischen Seite nach nur zwei Stunden.

Pieter Snayers: Prima, Aufmarsch der ligistisch-kaiserlichen Armee am Weißen Berg 1620, 17. Jahrhundert (Santa Maria della Vittoria, Rom)

Der von alldem ahnungslose Friedrich V. war gerade im Begriff, zu seinen Truppen zurückzukehren und traf im Chaos der allgemeinen Flucht schließlich den hutlosen Christian von Anhalt vor Prags Stadttor, wo ihm sein erschöpfter Generalissimus die Hiobsbotschaft überbrachte. Zunächst versteckte sich die Königsfamilie in der Altstadt. Jedoch rückte der Feind heran, Herzog Maximilian forderte ultimativ die Übergabe der Stadt und von dem „Pfalzgrafen“ die bedingungslose Kapitulation. Nicht zuletzt wegen der miserablen Stimmung der Prager Bürgerschaft floh der Geschlagene daher mit seinem Gefolge in der Nacht zum 9. November Richtung Breslau. Dies geschah derart überstürzt, dass er neben seinem Hausrat auch zwei Kanzleiwagen mit brisanten Papieren zurückließ. Sein Königtum hatte Friedrich V. am Ende kein Glück gebracht. Für Böhmen bedeutete die Katastrophe von Bilá Hora den Beginn einer bis ins 18. Jahrhundert ausstrahlenden Phase habsburgischer Repression und Zentralisierung, für das restliche Reich und besonders die Pfalz die verheerende Fortführung einer erst 1648 endenden Feldzugsserie.                 

Christian Decker

[1] „Croyés que je ne desire point que partiés de Prague, s’il n’en est de besoin, mais il ne peut nuire de faire les preparations. Croyés que je vous aime tant que rien ne me pourroit plus affliger que s’il vous arrivoit le  moindre mal. Nous sommes toujours forts prés de l’ennemy, j’espere que Dieu nous ne abandonnera pas.”, in: Aretin: Beyträge. Bd, 7, S. 169/170. 

Literatur und Quellen:

Sammlung noch ungedruckter Briefe des Churfürsten Friderichs V. von der Pfalz, nachherigen Königs von Böhmen; von den Jahren 1612-1632, in: Aretin, Johann Christoph von: Beyträge zur Geschichte und Literatur vorzüglich aus den Schätzen der pfalzbaierischen Zentralbibliothek in München. Bd. 7, München 1806, S. 140-209, hier S. 169/170. 

Bilhöfer, Peter: Nicht gegen Ehre und Gewissen. Friedrich V., Kurfürst von der Pfalz – der Winterkönig von Böhmen (1596-1632) (Rhein-Neckar-Kreis Bausteine zur Kreisgeschichte 7), Heidelberg 2004, hier S. 73-94.  

Chaline, Olivier: La bataille de la Montagne Blanche (8 Novembre 1620): Un mystique chez les guerriers, Paris 2000.    

Gindeley, Anton: Die Berichte über die Schlacht auf dem weißen Berg bei Prag, Wien 1877. 

Gründlicher vnd warhaffter Bericht von Eroberung der Stadt Praga/ Wie allda Ihre Fürstliche Durchl. aus Bäyern vnd der Bucquoy eine Schlacht gehalten…Geschehen den 7. Novemb: stylo novo,  dieses 1620 Jahrs, [S.I.], 1620.

Jocher, Wilhelm: Fürstl: Anhaltische gehaimbe Cantzley/ das ist: Gegründte anzaig/ der verdeckten/ unteutschen/nachtheiligen consilien …Allen so…auch sonst mennigklich zu beständiger nachricht/trewhertziger warnung/ und warhaffter information, Editio Tertia & Correctior, [S.I.], 1621.

Junkelmann, Markus: Das alles entscheidende Debakel: Die Schlacht am Weißen Berg, in: Der Winterkönig. Königlicher Glanz in Amberg, hrsg. von Johannes Laschinger (Beiträge zur Geschichte und Kultur der Stadt Amberg 1), Amberg 2004, S. 12-26.

Krebs, Julius: Die Schlacht am weißen Berge bei Prag (8. November 1620); im Zusammenhang der kriegerischen Ereignisse, Breslau 1879.