Theodor Heuss

Vor 125 Jahren: Deutschlands erster Bundespräsident Heuss, dessen Mutter Pfälzerin war, wird geboren

Theodor Heuss in Neustadt, 1950

Als Konrad Adenauer 1949 beim Treffen mit Parteifreunden in seinem Rhöndorfer Haus Theodor Heuss für das Amt des Staatsoberhaupts vorschlug, fügte er hinzu, dass nicht Kanzler und Präsident beide katholisch sein könnten. Auf einen Einwand, wonach der FDP-Vorsitzende „nicht gerade kirchenfreundlich eingestellt“ sei, konterte Adenauer: „Aber er hat eine sehr fromme Frau, das genügt.“ Auch in der CDU-Fraktion gab es Widerspruch: Heuss sei zwar „ein ehrenwerter Mann, aber immerhin ein, wenn auch liebenswerter Überrest des 19. Jahrhunderts“, bemerkte der Abgeordnete Kurt Georg Kiesinger. Adenauer, noch acht Jahre älter als Heuss, reagierte unwirsch. Als der junge Kiesinger sich beeilte hinzufügen, Adenauer sei ja nicht gemeint, erwiderte der: „Sie meinen, ich wäre nicht liebenswürdig!“

Der spätere Bundeskanzler Kiesinger verkannte, dass die Deutschen nach der Katastrophe des Nationalsozialismus zunächst genau jene Generation von demokratischen Gründervätern brauchten, die in den Traditionen des 19. Jahrhunderts standen. Theodor Heuss kam am 31. Januar 1884 in Brackenheim bei Heilbronn zur Welt. Er wuchs in den südwestdeutschen Erblanden des Liberalismus auf. Oft sprach er von den „Legenden des Jahres ’48“, die sein Vater in die „Seelen der jungen Söhne gegossen habe“. Die Heimat seiner Mutter war die Pfalz, und entsprechend sollte ihr Sohn in seiner Rede bei der 100-Jahrfeier des Hambacher Festes den Geist von 1832 beschwören.

In Wolfstein im Lautertal steht noch heute das Elternhaus der Mutter Elisabeth Gümbel. „Die Familie Gümbel hauste damals in vielen Forst- und Pfarrhäusern der Rheinpfalz. Der Sippensinn blühte lebhaft“, erzählt Heuss in seinen Erinnerungen. Gern verbrachte der Schwabe die Ferien im Pfälzerwald, wo ein Onkel die Forstbauschule Trippstadt leitete: „Nie zuvor habe ich im Wald mit Quellen und Bächen solches Zusammenleben erfahren, das Dunkel der grünen Dichte, dazu Kohlenmeiler und alte Erzhämmer.“

1904 feierte er in Speyer die Weihe der Gedächtniskirche mit. Seine Familie war „an dem festlichen Geläute persönlich beteiligt“. Die Mutter hatte das gesamte Zinngeschirr, aus dem ihre drei Söhne aßen, für den Glockenguss gestiftet: „Sie wusste später nicht recht, ob sie das bereuen sollte.“ Voll Sympathie schwärmte Heuss von der historischen Metropole: „Wo sonst noch in Deutschland ist man so nahe großem und leidvollem Menschenschicksal, das in das Reichsschicksal einwirkte. Was hat der Dom, was hat die Stadt alles an Geschichte gesehen!“

 

Mit Jugendfreunden wie der Speyerin Helene Ecarius korrespondierte er lebenslang. Den Maler Albert Weisgerber aus Sankt Ingbert lernte der Student bei einem Faschingsabend in München kennen. Heuss besuchte den  saarpfälzischen Künstler auch in Paris: „Das Jugendbildnis, das Weisgerber von mir gemalt hat (es war wohl im Januar 1905), ist immer mein schönster Besitz gewesen“, schrieb Heuss rückblickend. Als der Freund 1915 im Ersten Weltkrieg an der Westfront fiel,  widmete Heuss ihm einen berührenden Nachruf: „Es bleibt die Wehmut um ein Stück verlorene Hoffnung und gestorbener eigener Jugend.“

Über Parteigrenzen hinweg fühlte sich Heuss mit dem Mannheimer Juden und SPD-Reichstagsabgeordneten Ludwig Frank verbunden, der als Freiwilliger bereits nach wenigen Kriegstagen starb. Heuss leitete damals die Redaktion der „Neckar-Zeitung“ in Heilbronn. 1924 zog er für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) ins Berliner Parlament ein. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 stimmte er, wie das katholische Zentrum, widerstrebend dem Ermächtigungsgesetz zu. Dafür musste er sich nach 1945 verteidigen: diese Frage werde als „Geschichtsvorgang furchtbar überschätzt“, die „revolutionären Gewaltaktionen“ hätten sich um ein Ja oder Nein nicht gekümmert. 

„Das Jugendbildnis, das Weisgerber von mir gemalt hat (es war wohl im Januar 1905), ist immer mein schönster Besitz gewesen“, schrieb Theodor Heuss, der mit dem Künstler aus der Saarpfalz befreundet gewesen ist

Die Diktatur überlebte er, hauptsächlich als Buchautor, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Heidelberg. Dort wurde er zunächst Herausgeber der Rhein-Neckar-Zeitung, „damit das Blatt nicht zu einseitig links wird“, und bald Kultusminister in Stuttgart. Der kommende FDP-Chef favorisierte anfangs eine überkonfessionelle Sammlungspartei: „Ich würde in Berlin an der Christlich-Demokratischen Union teilgenommen haben.“

Dem Neustadter Fabrikanten August Helfferich, der von der DDP zur NSDAP übergetreten war, stellte er 1947 einen „Persilschein“ aus. Seit dem Kaiserreich war Heuss über seine Frau Elly Knapp und deren Vater, einen Straßburger Professor, mit der Familie des zeitweiligen Vizekanzlers Karl Helfferich bekannt, die im pfälzischen Nationalliberalismus eine führende Rolle spielte.

Als Bundespräsident von 1949 bis 1959 stattete Heuss der Region mehrere Besuche ab. „Ich bin ein halber Pfälzer“, äußerte dabei das erste Staatsoberhaupt der zweiten Demokratie. Der gefragte Redner und Repräsentant seufzte manchmal: „Von München, Kiel bis Neuss – keine Feier ohne Heuss!“ Die Neuauflage seiner Doktorarbeit über den Weinbau erschien 1950 beim Verlag Meininger in Neustadt.

Mit dem rheinland-pfälzischen Kultusminister Albert Finck, der aus Herxheim bei Landau stammte und in Hambach wohnte, trug Heuss die Kontroverse um die Nationalhymne aus. Beide schätzten einander aus ihrer Arbeit am Grundgesetz im Parlamentarischen Rat. Heuss, der dem Bonner Staat den Namen „Bundesrepublik Deutschland“ gegeben hatte, warb für eine neue Komposition. Finck schlug die dritte Strophe des Deutschlandliedes vor („Einigkeit und Recht und Freiheit“); der Bundespräsident lenkte schließlich ein.

Das Haus in Stuttgart, in dem er seinen Lebensabend verbrachte und 1963 starb, ist seit einigen Jahren der Sitz einer Bundesstiftung. Sie pflegt mit Ausstellung, Archiv und Forschungsbibliothek die Erinnerung an „Papa Heuss“, wie man ihn verklärend nannte.

Dr. Theo Schwarzmüller