Michel Bréal

Vor 175 Jahren: Michel Bréal, Weltbürger und Sprachwissenschaftler, wird in Landau geboren

Michel Bréal

Der aus Landau stammende Michel Bréal gehört zu den Wegbereitern der modernen Linguistik, dessen Werke zurzeit in Frankreich wieder aufgelegt werden. An den Wissenschaftler erinnert eine Tafel an seinem Geburtshause. Als Bréal zur Welt kam, demonstrierten Deutsche, Franzosen und Polen auf dem Hambacher Volksfeste für die Einheit und Freiheit Europas. Als er starb, lagen sich Deutsche und Franzosen in den Schützengräben gegenüber. Das sind die Eckpunkte im Leben eines Mannes, der aus der Pfälzer Provinz kommend in die höchsten akademischen Kreise der französischen Hauptstadt aufstieg.

Das Landauer Zivilstandsregister verzeichnet unter dem 26. März 1832 die Geburt von Michael Julius Alfred Bréal. Die Eltern waren der Anwalt am Bezirksgericht August Bréal und seine Ehefrau Karoline, geborene Worms. Als Michael sieben Jahre alt war, starb der Vater. Er war ein Mann, der durch sein Handeln und durch seine Reden alle Vorurteile gegen seine Glaubensgenossen zu widerlegen suchte, sagte der Rabbiner Elias Grünebaum in seiner Grabrede. Die Mutter zog im Jahre 1840 nach Weißenburg und später in ihre Geburtsstadt Metz. Ihr Herzenswunsch erfüllte sich, als ihr Sohn Michel in die berühmte „École Normale“ in Paris aufgenommen wurde.

Michel Bréal erhielt nach der Agrégation im Jahre 1857 ein Stipendium, mit dem er an der Berliner Universität studieren konnte. Er hörte vor allem Indogermanistik bei Franz Bopp und Indologie bei Albrecht Weber. Nach seiner Rückkehr bekam er einen Lehrstuhl für vergleichende Grammatik der indoeuropäischen Sprachen am Collège de France. Er trug zur Rezeption der deutschen Sprachwissenschaft in Frankreich bei, indem er das Boppsche Hauptwerk – die vergleichende Grammatik – ins Französische übersetzte. Bréal wurde einer der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Wahlheimat, war Mitglied des renommierten „Institut de France“ und Ehrendoktor in Bologna und in Zürich. Eine neue Disziplin der Sprachwissenschaft begründete er mit dem „Essai de Sémantique“ von 1897. Seine Schüler waren Ferdinand de Saussure wie Antoine Meillet.

Nach dem Jahre 1870 war Bréal einer der ersten, die eine Erneuerung des Bildungswesens im Geiste der Republik forderten. Er wurde dann Mitarbeiter von Jules Férry, der die großen Schulreformen in Angriff nahm. Als Modellschule gilt bis heute die „École Alsacienne“, die Bréal mit begründete. Es war auch sein Verdienst, dass eine höhere Schule für Mädchen in der Hauptstadt eröffnet wurde. Die Liste seiner Schriften über pädagogische Fragen ist so lang wie die seiner philologischen Abhandlungen.

Michel Bréal erfüllte zeit seines Lebens die Rolle eines Mittlers zwischen dem deutschen und dem französischen Geistesleben. Er trat trotz mancher persönlichen Kränkung und mancher politischen Krise für die Verständigung zwischen den Völkern ein. Unter seinen Schülern warb er für die olympische Idee. Er machte Pierre de Coubertin den Vorschlag, den Marathonlauf in das Programm der ersten Spiele der Neuzeit aufzunehmen. Dem Sieger wollte er einen Silberpokal stiften. Mit seinen Freunden trat er für die Schaffung einer europäischen Friedensordnung ein. Er war Mitglied der „Société française pour l´arbitrage entre nations“, die die Errichtung eines internationalen Gerichtshofes verlangte, der die Konflikte der Staaten friedlich und schiedlich regeln sollte. Begründer dieser Vereinigung war Frédéric Passy, der 1901 mit Henri Dunant zusammen den ersten Friedensnobelpreis bekam.

Der Gelehrte war den Angriffen einer chauvinistischen Journaille ausgesetzt, als er die Bildung eines neutralen Staates für Elsass-Lothringen vorschlug, als einziges Mittel, um den Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich aus der Welt zu schaffen. Er setzte wie sein Schwiegersohn Romain Rolland die Hoffnung auf eine europäische Republik des Geistes, die kein Gesetz als das der Brüderlichkeit kennt, wie Stefan Zweig 1926 schrieb. Diese Hoffnung hatten schon die Hambacher vor 175 Jahren.

Günther Volz

Zum Weiterlesen:

Hans W. Giessen/Heinz-Helmut Lüger/Günther Volz (Hrsg.):
Michel Bréal – Grenzüberschreitende Signaturen, Landau 2007.
(Landauer Schriften zur Kommunikations- und Kulturwissenschaft, Bd. 13).