Ludwigshafen

Vor 150 Jahren: Geburtsstunde einer Großstadt

Historisches Ludwigshafen

Der Ursprung der Stadt Ludwigshafen am Rhein liegt in der Rheinschanze, einem Vorwerk der Festung Mannheim auf der linken Rheinseite: Nach einer wechselvollen Geschichte war dies 1816 gemeinsam mit der Pfalz an Bayern gefallen.

1820 eröffnete der Kaufmann Johann Heinrich Scharf hier ein Handelshaus und einen Hafen, die beide am 16. März 1843 durch Kauf an den Staat übergingen. Wenige Tage zuvor hatte König Ludwig I. den militärischen Charakter der Anlage aufgehoben und ihr am 25. April 1843 den Namen „Ludwigshafen“ zugebilligt. Gleichzeitig wurden „zweckdienliche Vorbereitungen“ zur Bildung einer eigenen Gemeinde angeordnet. 1845 erhielt Ludwigshafen eine Postexpedition, ab 11. Juni 1847 war die Anlage der Ausgangspunkt der ersten pfälzischen Eisenbahn nach Neustadt an der Haardt.

Während der Deutschen Revolution war Ludwigshafen 1849 Schauplatz heftiger Kämpfe, deren Schäden erst 1850 behoben werden konnten. Im Sommer des gleichen Jahres nahm die Lokalkommission – ein Honoratiorenrat mit der Aufgabe der Bildung einer selbstständigen Gemeinde – seine Tätigkeit auf. Im Februar 1851 genehmigte die Lokalkommission die Ansiedlung der chemischen Fabrik der Gebrüder Giulini in Ludwigshafen und schuf damit die Grundlage für die heutige Chemiestadt am Rhein. Schließlich erfolgte am 18. November 1852 eine Abstimmung unter der Bürgerschaft über die Bildung einer selbstständigen Gemeinde Ludwigshafen – nur elf votierten mit Nein, 132 aber mit Ja. Daraufhin genehmigte König Maximilian II. die Bildung der selbstständigen Gemeinde Ludwigshafen; als die Urkunde am 18. Januar 1853 in Ludwigshafen eintraf, war dies Anlass zur großen Freude. Es folgte die Wahl des ersten Gemeinderats aus 18 Mitgliedern am 9. März 1853; er repräsentierte rund 1.500 Einwohner. Am 15. April 1853 nahm die Gemeindeverwaltung unter dem ersten Bürgermeister Heinrich Wilhelm Lichtenberger ihre Tätigkeit auf; am 4. Juni 1853 tagte erstmals der Gemeinderat und schloss die Gemeindewerdung Ludwigshafens ab.

Ludwigshafen, als Handelsort gegründet, nahm sehr schnell den Charakter einer Fabrikstadt an. Eng verknüpft mit der wirtschaftlichen Fortentwicklung war der permanente Anstieg der Einwohnerschaft auf fast 2.500 bis Ende 1856. Die unbestreitbare Dynamik der Aufwärtsentwicklung veranlasste am 20. April 1857 das Ratsgremium dazu, einen Beschluss zu fassen, mit dem die gerade vier Jahre alte Gemeinde die Verleihung der Stadtrechte anstrebte. Es dauerte jedoch noch zwei weitere Jahre bis am 8. November 1859 König Maximilian II. die Stadterhebungsurkunde unterzeichnete.

Die größere Zäsur in der Geschichte der Stadt folgte jedoch am 21. April 1865, als der Stadtrat einstimmig dem Ansinnen der wenige Tage zuvor gegründeten BASF zur Ansiedelung auf dem Hemshof entsprach. Am 15. Mai des gleichen Jahres begann bereits der Bau der ersten Fabrikanlagen, die bis heute das Stadtbild prägen. Der nächste Schritt in die Moderne war dann die Indienststellung der ersten Eisenbahnbrücke zwischen Ludwigshafen und Mannheim am 10. August 1867, der am 20. August 1868 auch eine Straßenbrücke angeschlossen wurde. Die Folge der Industrialisierung war nicht nur ein stürmischer Zuwachs der Bevölkerung, sondern auch das Auftreten der Arbeiterbewegung. Bereits am 14. Oktober 1869 führte der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein – die erste Vorläuferorganisation der SPD – im benachbarten Oggersheim eine Zusammenkunft mit 80 Teilnehmern durch. 1871 streikten erstmals 600 Arbeiter in der Oggersheimer Samtfabrik. Noch unter dem Sozialistengesetz wurde 1889 mit Franz Josef Ehrhardt erstmals ein Sozialdemokrat in den Ludwigshafener Stadtrat gewählt; 1895 konstituierte sich das zentrale Gewerkschaftskartell.

Zum 1. Januar 1892 griff Ludwigshafen erstmals über seine Grenzen von 1853 hinaus: Mit Eingemeindung von Friesenheim (rund 4.500 Einwohner) erreichte die Einwohnerzahl der jungen Chemiestadt die 40.000er-Grenze. Zum 1. Dezember 1899 erfolgte – nach zustimmenden Bürgerversammlungen in Ludwigshafen und Mundenheim – der Anschluss dieses Rheindorfes. Allerdings behielt der neue Stadtteil mehr von seinem dörflichen Charakter bei als Friesenheim. Fortdauernd blieb seine katholische Prägung – zum Zeitpunkt der Eingemeindung waren 80 Prozent der Einwohner Katholiken. Der junge Stadtteil Mundenheim zählte 1900 8.133 Menschen – Ludwigshafen insgesamt damit aber bereits 61.914 Einwohner, um bis zum ersten Gemeindejubiläum 1903 auf 71.392 zu wachsen. Die Stadtverwaltung bemühte sich, dem Fortschritt zu folgen, beispielsweise durch den Bau von modernen Schulanlagen oder mit dem Aufbau eines alle Stadtteile umfassenden Straßenbahnnetzes 1902/03.

Ludwigshafen war bereits während des Ersten Weltkriegs häufig das Angriffsziel alliierter Luftangriffe. Allein beim ersten Luftangriff am 15. Mai 1915 starben zwölf Menschen. 1916 zog die BASF daraus ihre Konsequenz und verlegte einen Teil der Produktion nach Leuna. Hingegen blieb der am 8. November 1918 in Ludwigshafen gebildete Arbeiter- und Soldatenrat nur eine kurze Episode, da bereits ab 6. Dezember 1918 Ludwigshafen von französischen Truppen besetzt war. Die ersten Stadtratswahlen in der Weimarer Republik am 18. April 1920 erbrachten eine klare sozialistische Mehrheit für MSPD und USPD. Da man sich jedoch über keinen gemeinsamen Kandidaten bei der Oberbürgermeisterwahl einigen konnte, machte am 5. Mai 1920 der Nationalliberale Dr. Weiß das Rennen bei der ersten Direktwahl eines Ludwigshafener Oberbürgermeister und bestimmte bis 1930 die Geschicke der Stadt. Sein Nachfolger Dr. Ecarius entstammte der gleichen politischen Heimat, kooperierte jedoch ab 1933 eng mit den Nationalsozialisten. Dieser hatte zuvor in der Arbeiterstadt Ludwigshafen einen schweren Stand gehabt; selbst bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 waren SPD und katholisches Zentrum (42 Prozent) stärker als die Nationalsozialisten mit 34,7 Prozent.

Da auch Sozialdemokraten und Kommunisten 1933 zusammen mit 40 Prozent noch stärker als die NSDAP abschnitten, waren die Drangsalierungen der politischen Gegner in Ludwigshafen besonders heftig. Bis 1937 war die Stadt jedoch soweit gleichgeschaltet, dass mit Dr. Ecarius der letzte noch demokratisch gewählte Repräsentant durch den Nationalsozialisten Dr. Stolleis ersetzt wurde. 1938 erreichte Ludwigshafen durch die Eingemeindung von Oggersheim, Oppau-Edigheim, Rheingönheim und Maudach fast seine heutigen Grenzen. Gleichzeitig stieg die Einwohnerzahl auf 135.503 an. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte die Stadt mit 124 Luftangriffen gleich hinter Berlin und Braunschweig zu den am meisten bombardierten Metropolen. Die Innenstadt wurde zu 71 Prozent zerstört.

Als die Amerikaner am 23. März 1945 die vollziehende Gewalt übernahmen, waren nur noch 61.372 Einwohner in der Stadt. Am 10. Juli 1945 wurden die amerikanischen Soldaten von der französischen Besatzungsmacht abgelöst. Die Franzosen beriefen am 5. September 1945 den Sozialdemokraten Valentin Bauer zum Oberbürgermeister, der bis 1955 den Wiederaufbau der Chemiestadt leitete. Nach dem KPD-Verbot 1956 erreichten die Sozialdemokraten erstmals die absolute Mehrheit im Stadtrat, die sie unter den Oberbürgermeistern Böckelmann, Dr. Klüber und Dr. Ludwig bis 1994 verteidigten. Während sich mit Dr. Klüber vor allem die Neugestaltung der Innenstadt und der Aufbau des noch heute Ludwigshafen kennzeichnenden Hochstraßensystems verbindet, steht Dr. Werner Ludwig insbesondere für den Neubau des Bahnhofs, für die zweite Rheinbrücke nach Mannheim, für die Errichtung der Trabantenstadt Pfingstweide und des ersten zentralen Rathauses sowie für die Eingemeindung von Ruchheim 1974, womit Ludwigshafen mit 7.767 Hektar seine heute noch gültigen Ausmaße erreicht hat. Schärfster politischer Kritiker von Dr. Werner Ludwig im Ludwigshafener Stadtrat war übrigens der spätere rheinland-pfälzische Ministerpräsident und Bundeskanzler, Dr. Helmut Kohl, der die Ludwigshafener CDU-Fraktion ab 1960 führte und erst 1970 aus dem Stadtrat ausschied.

1993 wählte der Stadtrat Dr. Wolfgang Schulte zum neuen Ludwigshafener Oberbürgermeister. Er verfolgte die Absicht, durch die Verlegung des Hafens und die Ausweisung neuer Bau- und Gewerbegebiete am Rheinufer und begleitender Kultureinrichtungen, wie das Ernst-Bloch-Zentrum, die Stadt als Wohnort attraktiv zu erhalten und als überregionalen Klinikstandort weiter auszubauen. Doch konnten nicht im gleichen Umfang Investoren gewonnen werden, wie Arbeitsplätze in der Ludwigshafener Industrie abgebaut wurden. Entsprechend ging 1999 die CDU als stärkste Fraktion im Stadtrat aus den Kommunalwahlen hervor; 2001 wurde mit Dr. Eva Lohse erstmals ein CDU-Mitglied von der Bürgerschaft direkt an die Spitze der Stadt Ludwigshafen gewählt. Diese zählt heute rund 166.000 Einwohner, davon sind rund 33.000 ausländische Mitbürger. Mit 173.000 sozialpflichtig Beschäftigten ist Ludwighafen am Rhein noch immer das pfälzische Oberzentrum.

Dr. Klaus J. Becker