Lina Sommer

Vor 75 Jahren: Die Mundartdichtern und Schriftstellerin Lina Sommer stirbt in Karlsruhe

Lina Sommer 1922 in ihrem Garten in Jockgrim

Noch vor zehn Jahren schien es, als ob die Mundartdichterin Lina Sommer bald endgültig vergessen sein würde. Ihre Fan-Gemeinde war alt geworden und Jüngere fragten achselzuckend: „Lina wer?“ Inzwischen hat sich das – zu Recht – geändert. Das Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde brachte 2004 ihre Biographie auf den Markt, deren erste Auflage bald vergriffen war; ein Mannheimer Verlag hat zwei ihrer Bücher neu aufgelegt. Die Grundschule in Jockgrim heißt seit 2003 nach ihr.

Zu ihren Lebzeiten war Lina Sommer eine bekannte Autorin nicht nur in der Pfalz, sondern in ganz Deutschland und im deutschsprachigen Ausland. Es waren allerdings nicht nur ihre Mundartdichtung und prosa, die sie weit über die Grenzen der Pfalz hinaus bekannt gemacht hatten, sondern ihr genauso reichhaltiges hochdeutsches Repertoire, das akkurat den bürgerlichen Zeitgeist in Kaiserzeit und Weimarer Republik widerspiegelt.

Lina Sommer wurde am 8. Juli 1862 als älteste von fünf Geschwistern in Speyer geboren. Eine alteingesessene Pfälzer Bürgerfamilie, protestantisch und deutschnational, prägte das Weltbild des kleinen Mädchens. Der Vater, Jacob Wilhelm Müller, Tabak- und Weinhändler von Beruf, wachte als pater familias über seine kleine Herde, von ihr gefürchtet, verehrt und – belächelt. Man nahm sein autoritäres Gehabe nicht ganz ernst, wusste man doch, dass er seine Kinder über alles liebte. Lina Sommer demonstrierte später in amüsanten Mundart-Prosastücken die Erziehungsprinzipien des Vaters. Eine unbeschwerte Kindheit erlebte die kleine Lina im Elternhaus in Speyer und bei den Antz-Großeltern in Edenkoben, wo sie Jahr für Jahr die Sommerferien verbrachte.

 

Die Mutter, die auch Lina hieß, eine geborene Antz, muss eine stille, bescheidene Frau gewesen sein, in der Erinnerung ihrer Kinder eine Heilige, zumal sie schon mit 34 Jahren starb. Über die schreckliche Todesursache breitete die Familie den Mantel des Schweigens. Mit 25 Jahren heiratete Lina Müller den angeblich wohlhabenden Witwer Adolph Sommer, der in Blankenburg am Harz ein Baugeschäft und eine Sägemühle besaß. Lina landete in einer privaten Katastrophe, die sie später stets zu verbergen suchte. Der Mann war so alt wie Linas Vater und brachte vier Stiefkinder mit in die Ehe, die die Stiefmutter hassten. Die Firma war hoch verschuldet, und nach wenigen Ehemonaten wurde alles versteigert.

Sechs Kinder kamen in der Ehe zur Welt; drei Söhne wurden erwachsen. Eine Odyssee durch Deutschland begann, immer auf der Suche nach einer Beschäftigung für den Ehemann, der in seinen schnell wechselnden Anstellungen als Buchhalter mehr schlecht als recht verdiente. Lina Sommer half mit, das Familieneinkommen aufzubessern. Sie stickte für ein Geschäft Monogramme in Aussteuerwäsche, schrieb für eine Firma Adressen. Sie gab Nachhilfeunterricht. Sie erarbeitete so auch das Schulgeld für ihre drei Buben. Jedem ermöglichte sie eine ausgezeichnete Schulbildung und ein Studium.

Lina Sommer 1899 mit ihren drei Söhnen

 

Um die Jahrhundertwende zog die Familie schließlich nach Köln. Der Ehemann erkrankte an Tuberkulose und starb 1904. Völlig mittellos, ohne Rente und Pension, stand die 42-jährige Witwe mit den drei Buben da, der jüngste Sohn noch nicht eingeschult. Zu der großen materiellen Not kamen weitere Sorgen. Lina Sommer wurde schwer krank. Die jahrelangen Entbehrungen forderten ihren Preis. Schließlich machten Familienquerelen es notwendig, dass Lina Sommer sich auf eigene Füße stellte, um ihren Kindern die Familie zu erhalten. In den folgenden Jahren lebte sie in Mannheim, Nürnberg, München, Weinheim, Jockgrim und Karlsruhe.

Erst in der Kölner Zeit hatte Lina Sommer zu dichten begonnen. Nachts, wenn die Kinder schliefen und der lungenkranke Ehemann etwas Ruhe zu finden hoffte, entstand eine kraftstrotzende, Leben sprühende Dialektdichtung, voller Humor, mal hintergründig zum Schmunzeln, mal komisch-ironisch zum laut Herauslachen. Kuriose Gestalten wurden zum Leben erweckt. Mit wenigen Worten malte sie unverwechselbare Karikaturen von Pfälzer Originalen. Diese Verbundenheit mit der Heimat war das Geheimnis ihrer Kraft in den schlechten Jahren. In ganz Deutschland bot sie Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten ihre Gedichte und Erzählungen gegen ein Honorar zum Abdruck an. „Nur nicht nachgeben, nicht den Mut verlieren“, lautete ihr Motto, „selbst wenn zwanzig Verleger ablehnen, der einundzwanzigste nimmt es vielleicht doch.“

Ihre Hartnäckigkeit lohnte sich. Überall, wo deutsch gesprochen wurde, erschienen ihre Arbeiten. 1905 druckte ein Kaiserslauterer Verlag ein erstes Mundart-Sammelbändchen mit dem Titel „Schtillvergnügt“. 1910 – Lina Sommer war 48 Jahre alt – konnte sie es sich leisten, auf die Heimarbeit zu verzichten. Hunderte von Gedichte und Erzählungen – einzeln in Zeitschriften veröffentlicht, teils in Pfälzer Mundart, teils in Hochdeutsch, Theaterstücke, zirka 40 Bücher, darunter Kinder- und Bilderbücher umfassen ihr Å’vre. Sie war feste Mitarbeiterin der berühmten „Fliegenden Blätter“ geworden, und die anderen Publikationen rissen sich um ihre Arbeiten. Zum Teil erreichten ihre Bücher Auflagen bis zu 50.000 Stück.

1920 erkrankte Lina Sommer schwer an der Ruhr. Von Jockgrim aus, wo sie bei ihrem ältesten Sohn Walter, Direktor der Ludowici-Ziegelei-Werke, lebte, kam sie ins Diakonissenhaus nach Karlsruhe. Hier verbrachte sie die weiteren Jahre ihres Lebens. Langsam erholte sie sich wieder. Immer noch flossen ihr die Gedichte aus der Feder. Verehrerpost kam reichlich. Dutzende fragten bei den Redaktionen nach, „wer isch die goldich Pälzer Krott, wu die Gedichtelscher schreibt?“

In ihren letzten Lebensjahren folgten Ehrungen auf Ehrungen. Vereine, Schulen und Gemeinden veranstalteten Lina-Sommer-Abende. In dem Dörfchen Haardt, heute zu Neustadt gehörend, wurde ein Lina-Sommer-Gedenkstein enthüllt. Jockgrim benannt einen Platz nach der Dichterin, Speyer eine Straße. Im Dichterhain in St. Martin wurde ihr Relief angebracht.

Ihr 70. Geburtstag 1932 geriet zu einer einzigen Huldigung, nicht nur in der Pfalz. Große deutsche Zeitungen würdigten die populäre Dichterin, der Bayerische Rundfunk sendete ein Porträt. Glückwünsche und Fanpost kamen aus der ganzen Welt nach Karlsruhe. 50 Bitten um Interviews und offizielle Besuche musste die kranke Frau bedauernd zurückweisen, aber ihren Humor hatte sie noch immer nicht verloren. Dem Reporter der Zeitschrift „Pfalz am Rhein“ antwortete sie in einem Schreiben: „Meim Doktor „hab ich uf Ehr un Seligkeit un in die Hand enei verschpreche müsse, kää Audienze mehr zu gewe. Liewer Himmel, was hot mer for e Kreiz un for e Lascht, wann mer e sogenanndi berühmdi Fraa is! …Warten Sie, bis ich vollends g’schtorwe bin – gratuliere Sie einfach und sagen Sie: spätere Würdigung vorbehalten.“ 19 Tage später, am 27. Juli 1932 starb Lina Sommer in Karlsruhe. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof in Jockgrim.

Dr. Wiltrud Ziegler

Zum Weiterlesen:

Wiltrud Ziegler: Lina Sommer. Erschienen in der Reihe „Pfälzische Profile“ des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Kaiserslautern 2004, 2. Auflage 2006, 14,80 Euro