Kronprinz Rupprecht

Vor 50 Jahren: Abschied vom letzten Kronprinzen

Kronprinz Ruppert

„Bayern und Pfalz – Gott erhalt’s!“ Vor 50 Jahren, am 2. August 1955, starb mit dem Kronprinzen Rupprecht der letzte große Repräsentant des Hauses Wittelsbach, das seit dem Mittelalter die pfälzische und die bayerische Geschichte geprägt hatte. Schon der Name Rupprechts erinnerte an die Herkunft der Dynastie, hatten doch mehrere Pfälzer Kurfürsten und ein deutscher König diesen Namen getragen. Als Rupprecht 1869 in München zur Welt kam, war das Königreich Bayern einschließlich der linksrheinischen Pfalz noch eine souveräne Monarchie. Den Taufpaten für den neuen Prinzen spielte Ludwig II., der „Märchenkönig“. Nach dessen bis heute nicht ganz geklärten Tod im Starnberger See 1886 übernahm Luitpold, der Großvater Rupprechts, die Regentschaft. Im Jahr 1913 schließlich erlangte Rupprechts Vater als König Ludwig III. die Krone.

Der Kronprinz, der als erster Wittelsbacher eine öffentliche Schule besucht hatte, erweiterte auf Fernreisen seinen geistigen Horizont. Er durchlief zwar die militärische Laufbahn, was im wilhelminischen Deutschland üblich war. Das besondere Engagement des Thronfolgers galt aber der Kultur und Wissenschaft. Sein Kunstsinn trug dazu bei, dass „München leuchtete“, wie man damals sagte. Doch im Sommer 1914 ging die „gute, alte Zeit“ schlagartig zu Ende. Der Weltkrieg brach aus, Rupprecht führte die bayerische Armee in Lothringen zu vorläufigen Erfolgen. Später stand er an der Spitze einer nach ihm benannte Heeresgruppe im Stellungskrieg an der Westfront.

Kronprinz Rupprecht reifte zu einem Feldherrn und Staatsmann, der den Krieg je länger je kritischer sah, die Siegesillusionen aufgab und für einen Verständigungsfrieden eintrat. Seine Warnungen waren vergeblich. Mit der Niederlage und Revolution von 1918 versank das Kaiserreich der preußischen Hohenzollern. Gleichzeitig stürzten überall in Deutschland die Throne. Das neue republikanische System war allerdings wenig beliebt. Selbst das SPD-Organ „Vorwärts“ meinte 1921: „Dass die Wittelsbacher über kurz oder lang von den Bayern wieder zurückgeholt werden, ist für jeden Kenner der bayerischen Volksseele zweifellos.“ Rupprecht, nach dem Tod seines Vaters der Chef des Hauses, hätte man sich als Monarchen in einer demokratischen Ordnung gut vorstellen können. Golo Mann meinte rückschauend sogar, Rupprecht wäre der beste aller bayerischen Könige geworden. Einen Staatsstreich lehnte der Kronprinz freilich ab, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die französisch besetzte Pfalz. Erst im Frühjahr 1933, nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten in Berlin, wäre er unter Umständen bereit gewesen, als Retter Bayerns vor Adolf Hitler einzuspringen. Dafür schien es aber schon zu spät.

Den Zweiten Weltkrieg überlebte der Kronprinz verbannt in Florenz. Seine Familie landete im Konzentrationslager, seine Ehefrau Antonie erholte sich nie mehr von diesen Leiden. Nach der Katastrophe von 1945 kehrte Rupprecht in seine Heimat zurück. Noch immer hofften viele Anhänger auf eine Restauration, wenngleich der Neuanfang in der Bundesrepublik dafür keinen Spielraum bot. Ohne Bitterkeit fand sich der greise Grandseigneur damit ab, nur noch eine ferne Vergangenheit zu verkörpern. Der Wittelsbacher Tradition entsprechend, unternahm er Jahr für Jahr eine Pfalzfahrt. Dabei hielt er sich oft in der von König Ludwig I. erbauten Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben auf. Der volkstümliche alte Herr freute sich über ein noch „sehr lebendiges Zusammengehörigkeitsgefühl“ zwischen Bayern und der Pfalz, die mittlerweile zum neuen Bundesland Rheinland-Pfalz gehörte.

Bis zu seinem Tod war Rupprecht weit mehr als ein Privatmann; er blieb dank seiner anerkannten Persönlichkeit eine Identifikationsfigur. Beim ganztägigen Staatsbegräbnis in München nahm nicht allein der Freistaat, vorneweg dessen sozialdemokratischer Ministerpräsident Wilhelm Hoegner, Abschied vom letzten Kronprinzen. Auch pfälzische Abordnungen zogen an dem schlichten Holzsarg vorbei, in dem er in der Uniform eines bayerischen Generalfeldmarschalls lag. An der Bahre stand auf einer Inschrift „Pfalzgraf bei Rhein“, also jener ererbte Titel zu lesen, den Rupprecht ebenfalls getragen hatte. Der Nachruf in der „Rheinpfalz“ würdigte den Verstorbenen als „König ohne Krone“, den politische Klugheit, eine tiefe Liebe zum ganzen Deutschland und persönliche Zurückhaltung ausgezeichnet habe: „Seine Größe lag im Verzicht.“

Die Trauer und Wehmut um den Kronprinzen setzte gleichsam einen Schlusspunkt unter die Jahrhunderte gemeinsamer pfälzischer und bayerischer Geschichte, verknüpft durch das Herrscherhaus der Wittelsbacher. Im Jahr darauf, 1956, scheiterte in der Pfalz das Volksbegehren für eine staatliche Wiederangliederung an Bayern.

Dr. Theo Schwarzmüller