Kriegsende in der Pfalz

Vor 60 Jahren: "Operation Undertone" - die militärische Besetzung der Pfalz im März 1945

Besetzung von Frankenstein

Nach der gelungenen Invasion der Westalliierten in der Normandie, dem raschen Vormarsch zur Reichsgrenze und dem Scheitern der letzten beiden Offensiven zur Jahreswende 1944/45 im Westen wurde die Luftbedrohung unerträglich: selbst kleine Dörfer waren das Ziel der permanenten Luftangriffe und seit Mitte Februar kam der Verkehr zum Erliegen.

Ende des Monats war nur noch der südliche Teil des heutigen Rheinland-Pfalz, das Saarland sowie das Nordelsass in deutscher Hand verblieben. Die Truppen in diesem Raum führte die Heeresgruppe G, der die 1. und 19. Armee sowie seit März zwei Korps der 7. Armee unterstanden.

Dementsprechend konzentrierten sich die Amerikaner seit Februar auf die Beseitigung dieses letzten linksrheinischen Brückenkopfes. In Lunéville erarbeiteten die alliierten Stäbe eine Planung (Codenamen: Operation Undertone), die vorsah, dass von Norden die 3. und von Süden die 7. US-Army diesen Raum angreifen und besetzen sollten. Den Alliierten standen nicht weniger als 23 Infanterie- und sieben Panzer-Divisionen, alle hervorragend ausgerüstet, zur Verfügung. Die Heeresgruppe G konnte dem nominell 23 Divisionen entgegensetzen. Doch täuscht die Zahl über deren Zustand, der mehr als erbarmungswürdig war. Es mangelte an gepanzerten Fahrzeugen, Waffen, Munition und Treibstoff, vor allem aber an Soldaten. Rekruten, HJ und Volkssturm, selbst physisch und psychisch Kranke, sollten die fehlenden Mannschaften ersetzen. Gleichwohl misslang die personelle Aufstockung; von zwei Ausnahmen abgesehen, blieben die Divisionen allenfalls Kampfgruppen in Regimentsstärke.

Trotz dieser geradezu hoffnungslosen Voraussetzungen befahl die Heeresgruppe G, die Stellungen bedingungslos zu halten und hatte bereits am 5. Dezember 1944 betont: „Der Westwall ist die letzte Linie, die unbedingt gehalten werden muss. In ihm ist zu sterben.“ Die Wiederinstandsetzung des Westwalles, der nach dem Sieg im Westen 1940 zugunsten des Atlantikwalles desarmiert worden war, spielte bei den Überlegungen der Militärs und der NS-Machthaber in der Tat eine große Rolle. Der Wille Hitlers zur Wiederherstellung der Bunkerlinie war nach dem Desaster an der Invasionsfront schon am 1. September 1944 in der Weisung über die „Herstellung der Verteidigungsbereitschaft“ und im „Befehl für die Sicherung der deutschen Weststellung“ unterstrichen worden. Doch in einer Zeit, in der es an allem zu mangeln begann, war die Ausrüstung der mittlerweile fast zehn Jahre alten Bunker sehr schwierig geworden. Es fehlte an Panzertüren, Nachrichtenmitteln, Draht… Darüber hinaus bereitete die Installierung moderner schwerer Waffen – soweit überhaupt vorhanden – Schwierigkeiten, da sie nicht in die Schartenstände einzubauen waren. Insbesondere die Panzerabwehr gab zu Sorge Anlass, denn es fehlte an Panzerabwehrkanonen und Sturmgeschützen. Letztlich konnte lediglich die Hälfte der Westwallbunker zu Beginn des Jahres 1945 wieder instand gesetzt werden. Darüber hinaus war man aus Personalmangel gezwungen, viele Bunker lediglich mit Volkssturmleuten zu bemannen oder gar unbesetzt zu lassen.

Da half es auch wenig, dass die NS-Machthaber bereits im Spätsommer 1944 erste Überlegungen zum militärischen Schutz der deutschen Westgrenze angestellt und konkrete Anordnungen zum Ausbau von Feldstellungen erlassen hatten. Am 8. September 1944 befahl der „Dienstleiter der NSDAP“, Willi Stöhr, in seiner Eigenschaft als „Bevollmächtigter des Gauleiters und Reichsverteidigungskommissar für den Stellungsbau“ den Bau neuer Stellungen. Da zum Schanzen der Wehrmacht die Arbeitskräfte fehlten, griff Stöhr auf zivile Kräfte zurück. Neben dem Reichsarbeitsdienst, der HJ, ganzen Firmenbelegschaften und sonstigen deutschen Zivilisten, wurden insbesondere Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Häftlinge zur Schanzarbeit befohlen. So wurden im Kreisgebiet der Stadt Zweibrücken nicht weniger als 3.523 Einwohner, 1.000 ehemalige Westwallarbeiter, 6.038 Fremdarbeiter, 1.300 Häftlinge – darunter politische Gefangene aus Lothringen – und entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention eine nicht genannte Anzahl von Kriegsgefangenen eingesetzt.

Diese zusätzlichen Sperrmaßnahmen vermochten die Lage jedoch nur wenig zu verbessern. Dies war den NS-Machthabern, insbesondere Gauleiter Stöhr, keineswegs entgangen, und man versuchte durch fanatische Aufrufe in der Presse (NSZ) noch in letzter Minute die „Volksgenossen“ zu mobilisieren. Weitere Verzweiflungsmaßnahmen folgten. Da man im fernen Berlin die Zivilbevölkerung der Pfalz für die desolate Situation mitverantwortlich machte, erging gar der Befehl, das Gebiet westlich des Rheins beziehungsweise die Saarpfalz „sofort hinter dem Hauptkampffeld von sämtlichen Bewohnern zu räumen“ und den „männlichen Teil der Bevölkerung gegebenenfalls im Fußmarsch zurückzuführen“.

Die deutsche Heeresgruppe, selbst ihr Oberbefehlshaber, der SS Generaloberst Paul Hauser, waren sich der Unhaltbarkeit der militärischen Positionen durchaus bewusst, doch wurde aus ideologischen und vor allem wirtschaftlichen Gründen der gebotene Rückzug über den Rhein untersagt. So nahm das Desaster seinen vorhersehbaren Verlauf. Verheerende Bombardements auf Homburg, Landau und Pirmasens, insbesondere aber auf Zweibrücken, das dem Erdboden gleichgemacht wurde, leiteten in der zweiten Märzwoche des Jahres 1945 die alliierte Großoffensive ein. Gestützt auf den nur mangelhaft wieder instand gesetzten Westwall vermochten zwar die Soldaten der 1. Armee Amerikaner und Franzosen in der Südpfalz und Südwestpfalz zu Beginn der Großoffensive Mitte März 1945 aufzuhalten, doch mussten auch sie ihre Positionen bald räumen, denn die eigentliche Bedrohung kam von Norden, wo es US-Streitkräften rasch gelungen war, die Saar und Mosel an mehreren Stellen zu überschreiten und durch den Oosburger Hochwald und den Hunsrück bis zur Nahe vorzudringen.

Der Durchbruch der Panzer des XII. US-Corps unter Generals Eddy hatte die deutsche Heeresgruppe bereits am 17. März in eine fatale Lage gebracht, denn jeder weitere Vorstoß entlang des Rheins nach Süden drohte die Masse der beiden unterstellten Armeen abzuschneiden. Um dies zu verhindern, befahl General Felber der 7. Armee im Gegenangriff die Frontlücke bei Volxheim zu schließen. Jedoch bereitete der Gegenangriff von rasch herantransportierten deutschen Sturmgeschützen und Grenadieren am 18. März dem XII. US Corps nur wenig Schwierigkeiten, denn den taktischen US-Luftstreitkräften gelang es scheinbar mühelos, den deutschen Angriff aus der Luft zu zerschlagen.

Nördlich des Glans kam es nur einen Tag später zur endgültigen Entscheidung. US-Panzerverbände überflügelten und überrollten die Divisionen des LXXXII. und des XIII. Armee-Korps, selbst die Artillerieabteilungen und Trosse wurden vernichtet. Die Ereignisse am 18. März 1945, den Generaloberst Hauser den „schwarzen Tag der Heeresgruppe G“ nannte, hatte derart verheerende Verluste gebracht, dass sie nicht mehr ausgeglichen werden konnten. Gefangennahme oder Vernichtung schien nur noch eine Frage der Zeit. Generalfeldmarschall Kesselring befahl dennoch „das unbedingte Halten aller Stellungen“, betonte aber gleichzeitig „Einkesselungen seien zu vermeiden“. Die nachgeordneten Kommandeure interpretierten dies als verklausulierten Rückzugsbefehl und handelten dementsprechend. Vor allem den im saarpfälzischen Raum kämpfenden deutschen Truppen drohte die Einkesselung, denn der nun eingeleitete Rückmarsch nach Osten zum Rhein litt vor allem an der unzureichenden Mobilität. In fast allen von der Wehrmacht geräumten Orten beherrschten weiße Fahnen das Bild. Die Straßen waren mit zurückgelassenem Heeresgut, herrenlosen Pferden und zerstörten Fahrzeugen vollkommen verstopft, dazwischen irrten versprengte Soldaten, Volkssturm, viele Zivilisten sowie Tausende von Zwangsarbeitern, die am Westwall geschanzt hatten, umher. Bemerkenswert war für die Amerikaner die Tatsache, dass zunehmend die Zivilisten die deutschen Soldaten drängten, sich kampflos zu ergeben oder abzurücken, um so ihre Häuser und Ortschaften vor der Zerstörung zu bewahren.

 Alle Verteidigungslinien existierten nur noch auf dem Papier. Kaiserslautern, zum „Eckpfeiler des Widerstands“ erkoren, fiel bereits am 20. März in die Hand der US-Army, und nun bahnte sich im Pfälzerwald ein Desaster an, das einen amerikanischen Chronisten später veranlasste das Waldgebiet mit einem „Schlachthaus“ zu vergleichen, in dem sich zerstörtes und zurückgelassenes Heeresgut türmte und in dem viele Tote und Verwundete erst Tage später geborgen werden konnten. Insbesondere im Isenachtal und an der Frankensteiner Steige waren die deutschen Verluste durch die permanten Fliegerangriffe so hoch, dass die Pfälzer später vom „Tal des Todes“ sprachen. Gleichzeitig erfolgten schwere Bombenangriffe auf die strategisch wichtigen Verkehrsknoten am Haardtausgang. Dabei wurden insbesondere Bad Dürkheim und Annweiler schwer in Mitleidenschaft gezogen, denn sie galten als bedeutsamste Dreh- und Angelpunkte am Ende der Fluchtrouten in die Rheinebene.

Zerstörung von Isenachtal.

Auf den südpfälzischen Straßen flüchtete die Masse der 1. Armee, dicht gefolgt von US-Panzern, zum vermeintlich rettenden rechten Rheinufer. Zwischen nach Osten hastenden NS-Funktionären sah man aber auch Kolonnen von „Ostarbeitern“, Kriegsgefangenen und politischen Häftlingen. Geöffnete Panzersperren, weiße Fahnen, die bereits wenige Tage zuvor in der Nord- und Westpfalz die Szenerie beherrscht hatten, waren nun auch in den vorderpfälzischen Dörfern zu sehen.

Letzte Gefechte um die kleinen Brückenköpfe von Speyer, insbesondere von Germersheim und Maximiliansau markierten das Ende des Zweiten Weltkrieges, letztlich des „Dritten Reiches“ in der Pfalz. Am 26. März, nach dem fluchtartigen Abzug der letzten deutschen Soldaten vom linken Rheinufer bei Maximiliansau nach Baden, war für die Pfalz der Zweite Weltkrieg de facto zu Ende. Endlich konnten die verängstigten Menschen die Keller, Luftschutzbunker oder Bergstollen verlassen.

Die Situation war in den letzten Märztagen für die Pfälzer mehr als außergewöhnlich. Kaum jemand glaubte mehr an „Wunderwaffen“ oder den „Endsieg“, fast alle hatten in den letzten Wochen ein rasches Ende herbeigesehnt, wie es in den schlichten Worten einer Bürgerin der Stadt Bad Dürkheim zum Ausdruck kommt: „Es ist vorbei. Gott sei dank, es ist vorbei. Ganz gleich, was nun auch kommt, wie ungewiss unsere Zukunft sein wird, der Krieg ist für uns zu Ende, und das ist die Hauptsache.“ Ähnliche Gedanken bewegten auch den Pfarrer von Rieschweiler, Friedrich Barth, der damals niederschrieb, dass es in seiner Gemeinde auch „Leute gab, die weinten, als die Amerikaner kamen und weil wir den Krieg verloren hatten. Wie viel Umbesinnung war aber hier noch nötig. Wir aber hofften und glaubten, dass es keinen Krieg mehr geben würde, solange wir lebten, dafür aber Friede, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen“.

Jürgen Keddigkeit

Literatur zum Thema:

  • Frühjahr 45 – Die Stunde Null in einer pfälzischen Region. Bearbeitet von Jürgen Keddigkeit, Gerd Rauland u.a., Kaiserslautern 1995, 210 S., ISBN 3-927754-22-6, 13,80 € (Standardwerk mit Übersichtsdarstellungen, Dokumenten, Bildern und Erinnerungen, erschienen zum 50. Jahrestag 1995).
  • Die Pfalz in der Nachkriegszeit (1945-1954), Hrsg. von Gerhard Nestler und Hannes Ziegler, Kaiserslautern 2004, 506 S., ISBN 3-927754-52-8, 28,00 € (Neu erschienener Sammelband mit Beiträgen von 21 Historikern).
  • Alfred Schwerin: Von Dachau nach Basel, Kaiserslautern 2003, 208 S., ISBN 3-927754-45-5, 19,90 € (Die lesenswerten Erinnerungen eines Pfälzer Juden an die NS-Schreckenszeit).
  • Theo Schwarzmüller: Die Pfalz Eine historische Fotoreise, Kaiserslautern 2003,112 S., ISBN 3-927754-46-3, 17,50 € (Der Bestseller dokumentiert die regionale Lebenswelt vor dem Zweiten Weltkrieg).