Johann Michael Petzinger

Vor 250 Jahren in Pirmasens geboren: Johann Michael Petzinger – Grenadier, Soldaten- und Hofmaler und Bauingenieur

Johann Michael Petzinger: Pirmasenser Rathaus (Stadarchiv Pirmasens)

Im Jahr 2013 hat die Stadt Pirmasens allen Grund zu feiern. Vor 250 Jahren, im Jahr 1763 nämlich, wurde das Gemeinwesen, das aus einem unbedeutenden Dorf binnen gut 20 Jahren zu einem respektablen Residenzort erwuchs, durch Erbprinz Ludwig von Hessen-Darmstadt, den nachmaligen Landgrafen Ludwig IX., zur Stadt geadelt. Höfisches Leben hatte, jedoch gänzlich ohne den großen Glanz und Prunk anderer Residenzstädte zu erreichen, in der einstigen Hirtensiedlung an der Wedequelle Einzug gehalten. In der aufstrebenden Residenz- und Garnisonsstadt exerzierten fortan Grenadiere in prächtigen Uniformen zu Märschen aus des Erbprinzen Feder. Im Taumel der durchaus berechtigten Freude anlässlich des Stadtjubiläums, sollte aber ein weiterer, für Pirmasens bedeutender Jahrestag nicht in Vergessenheit geraten.

Ebenfalls vor 250 Jahren, am 5. Mai 1763 nämlich, wurde in Pirmasens ein Mann geboren, dessen Bildnisse und Gemälde noch heute ganz besondere geschichtliche Zeugnisse einer vergangenen Zeit darstellen: der Hof- und Soldatenmaler Johann Michael Petzinger. Seine Werke sind derart überzeugend, dass der renommierte Kunsthistoriker Dr. Ernst Emmerling ihn als einzigen unter den Soldatenmalern am hessischen Hof mit dem Prädikat „Künstler“ ausgezeichnet hat, da Petzinger nach seinem Dafürhalten einen „Sinn für eine bildmäßige Auffassung“ besaß.

Petzingers Eltern waren der aus Langenhain in Hessen-Darmstadt stammende Korporal Johann Friedrich Petzinger und Maria Margaretha Knerr, Tochter des Darmstädter Bäckers Johann Nikolaus Knerr. Leider ist über Johann Michael Petzingers Leben in Pirmasens wenig bekannt. Er erblickte an einem Ort das Licht der Welt, der im Jahr 1763 nach Schätzungen ungefähr 4500 Einwohner zählte. Die Truppenstärke der Garnison betrug zu dieser Zeit 1493 Grenadiere, eine Zahl die sich letztlich in den nächsten 27 Jahren bis zum Tod des Landgrafen im Jahr 1790 nur noch unwesentlich nach oben korrigieren sollte (im Jahr 1789 standen 1576 Männer in Sold). Petzinger wurde also in eine Zeit geboren, in der bedingt durch den Aufschwung eine gewisse Euphorie herrschte, an einem Ort, an dem allerdings auch militärischer Drill und Gehorsam an der Tagesordnung waren. In Ermangelung wirklicher Alternativen war der berufliche Werdegang eines Pirmasenser Knaben damals gewissermaßen schon in der Wiege vorbestimmt – es war sehr naheliegend die militärische Laufbahn einzuschlagen. Insbesondere dann, wenn das familiäre Umfeld entsprechende Vorgaben lieferte. Ein Blick in das Pirmasenser Sippenbuch von Walter Wittmer und in die Grenadierliste der „Soldatenstadt Pirmasens“ (Kampfmann/Schäfer) zeigt auf, dass die dort aufgelisteten Mitglieder der Familie Petzinger allesamt als Grenadiere dienten. Nicht ganz unerwartet lässt sich auch Johann Michael Petzinger die imposante Uniform eines Grenadiers anpassen. Im Jahr 1781 tritt er im Alter von 18 Jahren in das Regiment Landgraf ein. Er dient im Rang eines Sergeanten in diesem Zug bis 1783, versieht von 1784 bis 1790 seinen Dienst im Regiment Erbprinz und danach im Regiment Hanau-Lichtenberg. Diese Einheit war noch von 1790 bis 1791 in Pirmasens stationiert. So sah sein militärisches Leben aus. In Bezug auf seine künstlerische Tätigkeit muss allerdings einer der brennendsten Fragen bislang eine Antwort geschuldet werden: zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und von welchem Künstler hat Johann Michael Petzinger die Malkunst erlernt?

Dass er die Malerei kenntnisreich und nahezu perfekt beherrschte, stellt er spätestens in seinen nun folgenden hessischen Jahren unter Beweis. Er hat Pirmasens höchstwahrscheinlich irgendwann zwischen 1793 und 1799 verlassen um nach Darmstadt zu gehen, wo er in die Dienste des Prinzen Friedrich von Hessen, dem zweitgeborenen Sohn Ludwigs IX., eintrat. Für ihn fertigte er verschiedene Bilder an, insbesondere vom Pirmasenser Militär. Allerdings verstarb der Prinz bedauerlicherweise dann schon recht bald, nämlich am 11. März 1802. Petzinger hatte jedoch Glück im Unglück. Denn der Bruder des Prinzen, Landgraf Ludwig X., der spätere erste Großherzog von Hessen, muss, während Petzinger für den Prinzen Friedrich Aufträge abarbeitete, bereits auf den Maler aufmerksam geworden sein. Am 1. Juni 1802 wird Petzinger nämlich dann durch Ludwig X. zum Hofmaler bestellt. Der Landesherr beauftragt ihn sogleich damit das Hessen-Darmstädtische Militärwesen in Gemälden festzuhalten und zu verewigen. Einige Jahre später reist Petzinger mit landesherrlicher Erlaubnis zusammen mit dem Generalleutnant und Generaladjudanten Heinrich Joseph von Oyen in die Schweiz; er hat dort den Auftrag, für diesen Herrn auf dessen am Genfer See gelegenen Gütern das „angefangene Bauwesen“ in der Funktion eines Bauingenieurs zu „dirigieren“. Ohne Zweifel ist es erforderlich, dass Petzinger irgendwann einmal in seinem Leben für eine derartige Aufgabe Kenntnisse erlangt haben muss. Auf welche Weise, wann und durch wen erschließt sich uns auch hier nicht. Im Jahr 1809 soll er von seiner Exkursion in die Schweiz wieder nach Darmstadt zurückgekehrt sein.

Petzinger lebt von nun an wieder in Darmstadt und verkehrt regelmäßig im Haus des Garnisonschullehrers Ernst Ritsert. Die Ehefrau des Lehrers stammt wie Petzinger aus Pirmasens. Ihr Vater war der Grenadier Georg Bernhard Seeligmann aus Münchbrunn in Hessen. Petzinger kannte diese Familie vermutlich bereits aus Pirmasens, da Seeligmann und Petzinger schließlich zur gleichen Zeit bei den Grenadieren dienten.

Eine zeitgenössische Schilderung des Sohnes von Ernst Ritsert liefert uns ein eingehendes Bild von Person und Charakter des Malers. Petzinger wird als großer Mann mit breiten Schultern und langen Beinen beschrieben. Seinen Kopf zierte eine Glatze und im Genick trug er noch eine stark verkürzte Form eines Pirmasenser Grenadierzopfes. Der blauäugige Herr kleidete sich stets mit einem grauen Überrock, kurzen Hosen und schwarzen langen Stiefel, über die er seine weißen Strümpfe zog. Zudem galt ein mächtiges spanisches Rohr als sein ständiger Begleiter. Er wird weiter als bereitwilliger, freundlicher Mensch, geduldig, aber mit pedantischen Zügen charakterisiert. Während dieser Darmstädter Jahre malte Petzinger die völlig neuen hessischen Uniformen für seinen fürstlichen Auftraggeber.

Allerdings litt Petzinger unter einer Art Verfolgungswahn; er fühlte sich ständig von der Polizei verfolgt. Diese Beeinträchtigung seiner Psyche soll durch ein unglückliches Liebesverhältnis hervorgerufen worden sein. Die Depressionen wurden mit der Zeit stärker und stärker und sein Zustand wurde immer bedenklicher und bedauerlicher, bis er plötzlich eines Tages aus Darmstadt verschwunden war. Einige Tage nach seinem Verschwinden entdeckte Pfarrer Baur aus Wixhausen, das nördlich von Darmstadt gelegen ist, bei einem Spaziergang durch die Auen seiner Gemarkung in einem Wassergraben eine schwer verletzte männliche Person, die sehr stark aus einer Brustwunde blutete. Der verwundete Mann, der dort lag, war der Maler Petzinger. Die Verletzung hatte er sich offensichtlich in selbstmörderischer Absicht selbst zugefügt. Die immer stärker auftretenden Depressionen hatten ihn wohl zu dieser unglücklichen Handlung verleitet. Ob die selbst beigebrachte Verletzung letztlich wirklich lebensbedrohlich war, ist nicht geklärt. Aber eine sofortige Hilfsmaßnahme seitens des Pfarrers war in dieser Situation gewiss unerlässlich. Zugetragen hat sich das verhängnisvolle Geschehen im März des Jahres 1813.

Petzinger wurde zunächst in einer nahe gelegenen Mühle versorgt und danach im Haus des Pfarrers, der ihn gerettet hatte, untergebracht. Von Reue wegen seines Handelns erfüllt, verbesserte sich aber dennoch allmählich sein Zustand.

Auf schriftliche Anordnung des Großherzogs wurden die Habseligkeiten des „Architekten“ Petzinger von Darmstadt nach Wixhausen verfrachtet. Am 2. April 1813 bereits machte sich ein Wagen damit auf den Weg. Äußerst interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass Petzingers Beruf durch den Großherzog in dessen Schreiben mit „Architekt“ angegeben wird.

Petzinger gefiel es bei der Pfarrfamilie und er hatte auch kein echtes Bestreben nach Darmstadt zurückkehren zu wollen. Er hegte vielmehr den Wunsch im Hause des Pfarrers verbleiben zu dürfen. Der Geistliche führte mit dem Künstler unter anderem Fachgespräche über die Malerei. Petzinger nahm wieder am Leben teil; er besuchte den Gottesdienst und unterhielt sich mit Freunden und Verwandten des Pfarrers, die in dessen Haus verkehrten. Der Künstler hatte inzwischen die ganze Familie des Pfarrers in Pastell gemalt. In der Folge brachte Petzinger die Familie des Verwalters Rheinwald in Gräfenhausen auf die Leinwand.

Pfarrer Baur wurde von Wixhausen nach Beedenkirchen im vorderen Odenwald, einem reizenden Dörflein in der ländlichen Stille, versetzt und musste im Juni 1814 umziehen. Petzinger ging mit ihm. Zehn Jahre später, im Jahr 1824, übersiedelte der Geistliche nach Messel, nördlich von Darmstadt gelegen. Höchstwahrscheinlich wurde er auch bei diesem Umzug von Petzinger begleitet. Jedenfalls fand der Hofmaler im gleichen Jahr nochmals eine künstlerische Betätigung. Nach einer Aktennotiz erhielt er eine Gratifikation für das Anfertigen von zehn militärischen Gemälden. Vermutlich gehörten acht Bilder von Pirmasenser Ansichten auch noch zu diesem Auftrag. Zu sehen darauf sind das Exerzierhaus von innen und außen, zweimal das Schloss, zwei Feldlagerszenen, eine Parade und das Rathaus.

Ein weiterer harter Eingriff in Petzingers Leben war sicher der Tod seines Retters, Wohltäters und Freundes Pfarrer Baur am 7. April 1828. Wahrscheinlich verlebte der Maler die nun folgenden Jahre seines Lebens einsam und verlassen in Darmstadt.

Vor 180 Jahren dann, am 27. Januar 1833, schlossen sich in Darmstadt für immer die Augen des Grenadiers, Bauingenieurs und Soldaten- und Hofmalers Johann Michael Petzinger. Leider sind viele Gemälde von ihm untergegangen. Diejenigen allerdings, die wir noch heute im Original oder wenigstens auf alten Fotografien und Drucken bewundern können, zeigen uns, von welch immanenter Bedeutung der Hofmaler und Sohn der Stadt Pirmasens, Johann Michael Petzinger, der vor 250 Jahren das Licht der Welt erblickte, für uns und seine Heimatstadt war und nach wie vor ist.

Ralph Martin Wilhelm