Impressionen der Pfalz: Zum 150. Geburtstag von Max Slevogt

Max Slevogt: Selbstbildnis, um 1899 (© mpk, Graphische Sammlung).

Am 8. Oktober 2018 würde Max Slevogt seinen hundertfünfzigsten Geburtstag feiern. Zusammen mit Max Liebermann und Lovis Corinth zählt er zu den drei großen deutschen Impressionisten. Doch Slevogt beschränkte sich keineswegs nur auf klassische Porträt- oder Landschaftsmalerei, sondern gelangte unter seinen Zeitgenossen auch durch weitere künstlerische Ausdrucksformen zu Bekanntheit und Anerkennung. So entstanden eine Vielzahl von Lithografien zu literarischen Werken, politische Karikaturen, unter anderem in der Satirezeitschrift „Simplicissimus“, und außerdem Bühnenbildentwürfe für Opernaufführungen. Des Weiteren fertigte Slevogt auch Wandmalereien an, von denen jedoch – aufgrund von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg – größtenteils nur diejenigen erhalten geblieben sind, welche der Künstler zur Dekoration seines Landhofes Neukastel in seiner Wahlheimat Leinsweiler in der Pfalz schuf.

 

Die frühen Jahre

Slevogts Weg in die Pfalz führte den in Landshut Geborenen zunächst nach Würzburg, wohin er zog mit seiner Mutter Carolina und seinem neun Jahre älteren Bruder Marquard zog. 1869 hatte sich Carolina sich von ihrem Ehemann Friedrich getrennt, der ein Jahr später an einer Verletzung, welche er sich im Deutsch-Französischen Krieg zugezogen hatte, verstarb. Die alleinerziehende Mutter gab ihr künstlerisches und musikalisches Interesse an den jungen Max weiter, der nach dem Besuch der protestantischen Werktagsschule und weiterführenden Lateinschule 1884 schließlich nach München zog, um dort ein Studium an der Akademie der Künste aufzunehmen. Prägend für den Stil des jungen Slevogt waren hierbei der Besuch in der Malklasse des Wilhelm von Dietz und ein Auslandssemester an der Académie Julian in Paris. In die Pfalz führten ihn Besuche bei seiner Großtante in Landau, welche er für frühe Studien der Landschaftsmalerei nutzte. Im Jahr 1890 brach Slevogt schließlich sein Studium ab und widmete sich ganz dem eigenen Schaffen.

 

Erste Erfolge und Weggang aus München

Slevogt schloss sich direkt nach deren Entstehung 1892 der „Münchener Secession“ an. Diese Künstlervereinigung, die sich aus dem Protest gegen die konservative Kulturpolitik der wilhelminischen Zeit formiert hatte, ermöglichte ihm bei ihrer ersten Ausstellung im November 1893 die Präsentation seines Gemäldes „Ringerschule“. Dieses Exponat führte aufgrund der dargestellten Nacktheit zu erheblicher Kritik an Slevogt und brachte ihm einen negativen Ruf in der Kunstszene Münchens ein; ein Umstand, der durch den Beinamen „der Schreckliche“ Ausdruck fand. In den Folgejahren führte dies dazu, dass Slevogt mit München brach und seinen Weggang vorbereitete – immerhin hatten seine Arbeiten inzwischen sowohl in Berlin als auch international Anerkennung gefunden. Auch die Verleihung eines Professorentitels durch Prinzregent Luitpold, einen alten Freund seines Vaters, vermochte ihn nicht länger in der bayerischen Metropole zu halten. So verließ Slevogt schließlich 1901 München Richtung Berlin. Als Intermezzo auf dem Weg in die Reichshauptstadt ließ er sich für etwa zwei Monate in Frankfurt am Main nieder. Hier nutzte er als Dauergast des Zoos die Gelegenheit, eine Vielzahl von Tierstudien zu erstellen und sich in der Freilichtmalerei zu üben. Im November war er schließlich in Berlin angekommen.
Auch in den Jahren seines selbständigen Münchner Schaffens war Slevogt bereits viel gereist, um Inspiration zu finden. Den regelmäßigen Besuchen in der Pfalz kam, jenseits der künstlerischen Arbeit, auch für sein übriges Leben eine immer größere Bedeutung zu. So hatte er seit Kindertagen eine freundschaftliche Beziehung zu der aus Godramstein stammenden Industriellentochter Antonie Helene Finkler, genannt „Nini“. Aus dieser Freundschaft wurde irgendwann mehr und so heirateten die beiden am 27. März 1898.

 

Berlin und die Pfalz

Damit wurden Slevogts familiäre Bande zu unserer Region weiter gestärkt. Er, seine Frau und die 1907 und 1908 geborenen Kinder Nina und Wolfgang wurden zu ständigen Pendlern zwischen dem urbanen Berlin und der pastoralen Pfalz, wo er sich in den Sommermonaten aufhielt. Dabei inspirierten ihn beide Umgebungen bei seiner Arbeit und führten beispielsweise zu Werken wie dem von der Berliner Don Giovanni-Aufführung inspirierten „Champagnerlied“ im Jahr 1902 und einer Vielzahl von Landschaftsmalereien der Umgebung von Godramstein. Die Arbeiten in der Pfalz trugen hierbei maßgeblich zur Entwicklung des persönlichen Stils von Max Slevogt bei. Während sein Schaffen in Berlin in einem Atelier vonstatten ging und eher durch eine dunkle Farbpalette dominiert war, ließ ihn die Freilichtmalerei in der Pfalz zu helleren, den Lichtverhältnissen angepassten Farbtönen wechseln.

 

Max Slevogt: Bild der Familie Slevogt im Garten von Godramstein, Öl, 1911 (© mpk Gemäldesammlung).

 

1914 wurde für Slevogt – wie auch für das übrige Deutschland – ein bewegtes Jahr. Es begann mit der Ehre der Aufnahme in die Akademie der Künste Berlin und einer darauf folgenden, zwei Monate dauernden Reise nach Ägypten, welche mit 21 in ihrem Verlauf entstandenen Werken zu einem Meilenstein seines Schaffens werden sollte. Im Juni erwarb er von seinen Schwiegereltern das Landgut Neukastel, um dieses als Sommerresidenz für seine Aufenthalte abseits Berlins zu nutzen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 meldete sich der Kriegsbegeisterte freiwillig als Frontmaler. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, für dieses Vorhaben von den Behörden überhaupt eine Genehmigung zu erhalten, wurde ihm letztlich erlaubt, ab Oktober auf eigene Kosten und eigenes Risiko für Leib und Leben an die Westfront zu reisen. Slevogt musste aber nach gerade einmal einem Monat schmerzhaft erkennen, dass er der emotionalen Belastung der Kriegshandlungen und Frontbedingungen nicht gewachsen war und brach daher seine Tätigkeit Anfang November ab. Diese einschneidende Erfahrung hatte seine ursprüngliche Euphorie über den Krieg bald verstummen lassen und ihn zu einem entschiedenen Kriegsgegner gemacht. Aus jener persönlichen Entwicklung ergab sich zwei Jahre später auch sein Engagement bei der Herausgabe einer kriegskritischen Zeitschrift. Während es diese letztlich nur auf wenige Ausgaben brachte, war es in Slevogts Einstellung gegenüber der Darstellung von Gewalt zu einem dauerhaften Wandel gekommen.

Bedingt durch die prekäre Versorgungslage in Berlin beschloss der Künstler 1917 mit seiner Familie länger auf Neukastel zu verweilen als sie es in der Vergangenheit getan hatten. Aus dieser freien Wahl des Aufenthaltsorts wurde nach Kriegsende 1918 ein Zwang, da die französische Besatzungsmacht ihm das Verlassen des Landguts untersagte. So erhielt Slevogt die unfreiwillige Gelegenheit, die Landschaft seiner Wahlheimat, nach den bisherigen Sommer- und Herbstszenen, erstmals auch als winterliches Motiv zu erfassen. Erst 1920 vermochte er sich wieder frei zu bewegen. Trotz des erzwungenen Aufenthaltes in der Pfalz, war er dieser aber keineswegs überdrüssig geworden – im Gegenteil, nach kurzem Aufenthalt in der Reichshauptstadt plante er wieder die Rückkehr auf seinen Landhof im Sommer.

 

Lebensabend

Der Aufenthalt auf Neukastel war für Slevogt nicht nur aufgrund der Inspiration und Arbeitsatmosphäre elementar wichtig, er benötigte die Auszeit von Berlin auch hinsichtlich seines Gesundheitszustands. Bereits seit einigen Jahren litt er unter der Gicht, welche sich im Verlauf des Jahres 1922 derart verschlimmerte, dass er von lange dauernden Anfällen gequält wurde. Auch war es vielleicht eine Flucht in eine „heile Welt“, denn Slevogt sah sich in Berlin mit einer sich ständig verändernden Kunstszene konfrontiert, welche in ihm die Befürchtung weckte, neue Stilrichtungen könnten seine Arbeiten obsolet werden lassen.

Solche Ängste sollten sich indes als unbegründet herausstellen, denn seine öffentliche Reputation blieb ausgezeichnet – sogar an der alten Wirkungsstätte in München. So wurde ihm dort 1922 die Ehrenmitgliedschaft der Akademie München verliehen. Berlin ehrte ihn durch die Verleihung des „Ordens pour le Mérite für Wissenschaften und Künste“ zwei Jahre später. Ebenso fand dort 1928 anlässlich seines 60. Geburtstags eine Ausstellung seiner Werke statt, veranstaltet von der Preußischen Akademie der Künste. Weitere namhafte Ehrungen be-standen in der Ehrenmitgliedschaft der Wiener Akademie der Bildenden Künste und der Ernennung zum Ehrenpräsidenten des Deutschen Künstlerbundes.

Slevogts Ansehen schlug sich auch in einer großen Zahl von Auftragsarbeiten nieder. Neben Illustrationen – wie beispielsweise zur deutschen Ausgabe des Romanzyklus „Lederstrumpf“ von James Fenimore Cooper oder den Erzählungen „Tausendundeine Nacht“ – erhielt er den Auftrag zum Entwurf der Bühnenbilder für Mozarts „Don Giovanni“ an der Dresdner Staatsoper im Jahr 1924. Stilistisch hieran anschließend, schuf er zudem verschiedene Wand- und Deckengemälde. Aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit war er jedoch bei dieser körperlich sehr anstrengenden Arbeit auf die Hilfe seiner Schüler angewiesen. Das inzwischen nach eigenen Wünschen umgebautes Landgut dekorierte Slevogt ebenfalls mit Wand- und Deckenszenerien, die phantasievolle Motive aus Oper, Mythologie und Weltliteratur darstellten.

Auch bei seinem letzten großen Werk handelte es sich um ein Fresko. Jenes basierte auf einem bereits 1889 gemalten Bild, welches die Kreuzigung Christi zeigte. 1931 durch den Dekan Karl Kleinmann in Auftrag gegeben, entstand das Fresko „Golgatha“ ein Jahr später in der Friedenskirche Ludwigshafen und schmückte dort die Rückwand des Altarraums. Die aufgrund der enormen Fläche von 100 Quadratmetern von Slevogt scherzhaft als „Sixtina“ bezeichnete Arbeit, stellte ihn, neben der räumlichen Dimension, auch vor das Problem der richtigen Ausleuchtung. Der farbige und von den Seiten kommende Lichteinfall verhinderte die erhoffte Wirkung der verwendeten Farbpalette. Slevogt behalf sich damit, dass er einige Elemente der Kirchenfenster in unterschiedlichen Abstufungen nachdunkelte, um so die gewünschte Farbabstimmung zu gewährleisten. Bei der Darstellung der Kreuzigung verzichtete er auf den Anspruch historischer Genauigkeit, stattdessen waren die gezeigten Figuren zeitgenössisch in Szene gesetzt. Das Kreieren des Freskos, bei dem Slevogt, außer durch seinen Schüler noch durch zwei weitere professionelle Kunstmaler Unterstützung erfuhr, erreichte seinen Höhepunkt in der Abbildung des gekreuzigten Christus, welche Slevogt in einer dreizehnstündigen Marathonsitzung Ende Mai vollendete.

Diese körperliche Verausgabung forderte schließlich ihren Tribut. So vermochte Slevogt aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit der Einweihung der Kirche im Juli bereits nicht mehr beizuwohnen. Seine völlige Erschöpfung war, so kann vermutet werden, zumindest mitverantwortlich für den Herzinfarkt, den er am 20. September 1932 erlitt und an dessen Folgen er im Kreise seiner Familie auf Neukastel verstarb.

 

Slevogt im Jahr 2018

Anlässlich des 150. Geburtstags von Max Slevogt fanden und finden in Rheinland-Pfalz eine Reihe verschiedener Veranstaltungen statt, die seinem Leben und Werk Tribut zollen. Während die Gemeinde Leinsweiler ein über das Jahr verteiltes Programmangebot bereithält, welches die Wahlheimat des Künstlers in den Fokus rückt, widmete das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern Max Slevogt die erst vor kurzem zu Ende gegangene Sonderausstellung „Max Slevogt: Impression und Phantasie – Zum 150. Geburtstag“. Eine weitere Sonderausstellung wird im Herbst 2018 durch das Landesmuseum Mainz unter dem Titel „Ein Tag am Meer – Slevogt, Liebermann und Cassirer“ veranstaltet werden.

Thorsten Anthes

 

Literatur

Custodis, Paul-Georg: Speyer und die Pfalz. HB-Kunstführer Nr. 18., Hamburg 1986.

Laug, Anna: Die Sehnsucht nach großen Flächen. Max Slevogts Wandbilder, in: Wedekind, Gregor (Hg.): Blick zurück nach vorn. Neue Forschungen zu Max Slevogt, Berlin/Boston 2016, S. 209-230.

Paas, Sigrun/Krischke, Roland: Max Slevogt in der Pfalz. Katalog der Max Slevogt-Galerie in der Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben, Berlin/München 2009.

Wedekind, Gregor (2016): Max Slevogt. Ein Blick zurück nach vorn, in: Ders. (Hg.): Blick zurück nach vorn. Neue Forschungen zu Max Slevogt, Berlin/Boston 2016, S. IX-XVII.

Weiterführende Literatur

Bartholomeyczik, Gesa: Im Banne der Verwüstung. Max Slevogt und der Erste Weltkrieg: Begleitheft zur Ausstellung Schloss Villa Ludwigshöhe, Edenkoben 13. 4. – 13. 7. 2014, Mainz 2014.

Direktion Landesmuseum Mainz (Hg.)/Paas, Sigrun (Bearb.): Max Slevogt. Neue Wege des Impressionismus, München 2014.

Passarge, Walter: Slevogt. Wand- und Deckengemälde auf Neukastel, Heidelberg u.a. 1961.

Links

Pfalzgalerie Kaiserslautern „Max Slevogt. Impression und Phantasie – Zum 150. Geburtstag“: http://www.mpk.de/archiv-details/events/max-slevogt.html (Stand: 18. 5. 2018)

Landesmuseums Mainz „Ein Tag am Meer. Slevogt, Liebermann und Cassirer“: http://www.landesmuseum-mainz.de/das-museum/forschungsprojekte/slevogt-forschungszentrum/jubilaeumsjahr-2018/ (Stand: 18. 5. 2018)

Leinsweiler „150 Jahre Max Slevogt“:
https://leinsweiler.de/10-leinsweiler/startseite/139-150-jahre-max-slevogt.html (Stand: 18. 5. 2018)