Hauenstein

Vor 70 Jahren: Ein Ort gegen Hitler

Pfarrer Georg Sommer

Das pfälzische Dorf Hauenstein schrieb vor 70 Jahren deutsche Wahlgeschichte. Bei der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933, bald nach dem Regierungsantritt Adolf Hitlers, gaben nicht weniger als 92,6 Prozent der Hauensteiner ihre Stimme dem Zentrum und der Bayerischen Volkspartei (BVP).

Diese beiden Parteien bildeten in der Pfalz eine gemeinsame Liste. In ganz Deutschland – von Aachen bis Königsberg, von Ostfriesland bis Oberschlesien – stimmte keine Gemeinde mit mehr als 1.000 Einwohnern noch so geschlossen für einen Konkurrenten der Nationalsozialisten. Hauenstein erwies sich damit als die Hochburg des politischen Katholizismus. „Der schwarze Turm hat also sicherlich keine Risse bekommen“, stellte mit stolzem Trotz die katholische Zeitung „Rheinpfälzer“ aus Landau fest.

Reichsweit steigerte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) bei dieser letzten Mehrparteienwahl ihren Anteil auf 43,9 Prozent. Das Ergebnis besiegelte die Machtübernahme Hitlers und ebnete den Weg in die braune Diktatur. Innerhalb weniger Jahre hatte der Aufstieg des Nationalsozialismus die Weimarer Demokratie zerstört. Nur wenige Kilometer von Hauenstein entfernt, in Darstein, hatte die NSDAP schon 1930 zum ersten Mal in einer Gemeinde des Reiches volle 100 Prozent der Stimmen erhalten. Wie ist dieser extreme Gegensatz zwischen den beiden Nachbarorten zu erklären, was steckt hinter den Zahlen? Ein Blick auf die wirtschaftlichen Unterschiede liefert nicht die Antwort. Während die Menschen in Hauenstein von der Schuhindustrie lebten und als Fabrikarbeiter ihr tägliches Brot verdienten, herrschten in Darstein landwirtschaftliche Strukturen.

Die historische Wahlforschung hat hingegen ermittelt, dass kein anderer Faktor die Erfolge der Hitlerpartei so stark beeinflusste wie die Konfession. Hauenstein war katholisch geprägt und wusste mit Pfarrer Georg Sommer (s. Abb.) einen wortgewaltigen Gegner des Nationalsozialismus an der Spitze; Darstein war protestantisch, ohne allerdings einen eigenen Pastor zu besitzen. In diesem Teil der Pfalz wechselte das Glaubensbekenntnis oft von Ort zu Ort, je nach der territorialen Zugehörigkeit im Zeitalter der Reformation. Seither gab es unselige Ressentiments zwischen den Anhängern der beiden christlichen Richtungen, zwischen „Kreuzköpfen“ und „Lutherköpfen“. Das Gebetbuch bestimmte auch im 20. Jahrhundert weithin das Verhalten in der Wahlkabine. Die politische Landkarte des Kreises Bergzabern bietet dafür das beste Beispiel. In Dörfern mit vorwiegend Katholiken blieb die Partei der Hakenkreuzler noch bei der Reichstagswahl im Juni 1932 insgesamt unter 15 Prozent. Dagegen betrug nach einer Untersuchung der Anteil in den evangelischen Vergleichsorten schon nahezu 95 Prozent.

Neben der Konfession war ein zweiter Faktor für die Erfolge der NSDAP die Gemeindegröße. Je kleiner ein Ort, desto anfälliger. Das Dörfchen Darstein zählte lediglich rund 100 Wahlberechtigte. Umso umfassender wirkte der Druck auf Andersdenkende. Eine starke NSDAP-Ortsgruppe übte ihn aus. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise litten die Kleinbauern gerade in der grenznahen, bis 1930 französisch besetzten Pfalz hart unter dem Preisverfall für ihre Produkte; auch der Holzmarkt lag am Boden. Vor 1930 hatten die meisten Darsteiner Wähler für die Partei des Außenministers Gustav Stresemanns, die Deutsche Volkspartei (DVP), optiert. Sie besaß in der mehrheitlich evangelischen Pfalz eine Hochburg, wie schon ihre Vorgängerin, die nationalliberale Partei, seit der Bismarckzeit. Das Darsteiner Votum für die Hitlerpartei ab 1930 trug zudem lokalen Protestcharakter. Den Unmut über die fehlende Wasserleitung im Ort leitete der nationalsozialistische Gauleiter der Pfalz, Josef Bürckel, auf seine Mühlen. Nicht nur die Darsteiner fühlten sich hingegen von der „katholischen“ Landesregierung in München – die Pfalz gehörte zu Bayern – sträflich vernachlässigt. Hauenstein hatte mehr Glück, weil sich dank der Schuhindustrie nie mehr als 45 Einwohner arbeitslos melden mussten. Zu dem herausragenden Wahlergebnis vom März 1933 trugen übrigens die Frauen besonders bei. Sie wählten zu 96 Prozent „schwarz“, wie sich anhand der nach den Geschlechtern getrennten Wahllokale sagen lässt.

Dr. Theo Schwarzmüller