Georg-Friedrich Kolb

Vor 125 Jahren: Der Altmeister der deutschen Demokratie, Georg-Friedrich Kolb, stirbt in München

Die Partei der bürgerlichen Demokratie vertrat hierzulande im 19. Jahrhundert nur eine Minorität der Zeitgenossen. Gleichwohl befanden sich in ihren Reihen einige bemerkenswerte Protagonisten, an ihrer Spitze der Herausgeber der „Neuen Speyerer Zeitung“ Georg Friedrich Kolb, dessen 125. Todestag am 15. Mai 1884 an ihn erinnern soll.

Der in Speyer geborene Zeitungsverleger, Publizist, Historiker und Statistiker war ein angesehener Journalist, dessen Urteil man schätzte und der die öffentliche Meinung in der Pfalz vor allem seit dem Hambacher Fest stark mitbestimmte. Entsprechend seiner entschiedenen liberalen Haltung unterstützte er die Hambacher Bewegung, was ihm zahlreiche Presse-Prozesse bescherte, aber gleichzeitig seine Popularität im Lande steigerte.

Auch die 1848/49er Revolution fand in ihm einen unerschrockenen Parteianhänger, der sich vornehmlich mit den sogenannten „Märzforderungen“ und den Grundrechten identifizierte und der in der Frankfurter Paulskirche auf der linken Seite neben Robert Blum saß. Den radikalen Strömungen erteilte er freilich eine klare Absage; so lehnte er es auch ab, der provisorischen Revolutionsregierung der Pfalz in Kaiserslautern 1849 beizutreten und am pfälzischen Aufstand teilzunehmen. Diese revolutionären Tendenzen hielt er für verfrüht und chancenlos. Was ihm vor allem vorschwebte, war ein allmählicher Übergang zum rechtsstaatlich-parlamentarischen System.

Die Breite seines politischen Aktionsradius war beachtlich, dies erhellt auch aus der Vielzahl seiner öffentlichen Ämter und politischen Funktionen. So war er unter anderem Stadtrat und Bürgermeister in Speyer, Mitglied des Heidelberger Vorparlaments und der Nationalversammlung in Frankfurt, bayerischer Landtagsabgeordneter, Mitglied des Stuttgarter Rumpfparlaments, des Zollparlaments, des Aufsichtsrats der pfälzischen Eisenbahnen und der Bayerischen Vereinsbank.

Als politischer Redakteur war er von der Reaktion der staatlichen Willkür sehr betroffen und hatte insbesondere unter der Zensur zu leiden. Hinzu kamen Verhaftungen, Prozesse und vielfältige Schikanen seitens der Obrigkeit, was vornehmlich der „Neuen Speyerer Zeitung“ schadete. Als die Verbote immer häufiger wurden, floh Kolb mit seiner Familie nach Zürich. In diesem Schweizer Asyl von 1853 bis 1859 widmete er sich intensiv der wissenschaftlichen und schriftstellerischen Arbeit, deren Ertrag große Resonanz fand und sein Ansehen erhöhte.

Was seine politischen Ansichten und Ziele anbetrifft, so blieb sich der prinzipienstarke Kolb zeitlebens treu. Oberstes Gebot war ihm dabei die Schaffung einer auf den Grundrechten basierenden parlamentarischen Staatsverfassung. Gleichzeitig bekannte er sich zu einem antipreußischen, großdeutsch orientierten Föderalismus. Scharfe Ablehnung erfuhren der preußische Militärstaat, die Politik Bismarcks und die kleindeutsche Reichsgründung unter preußischer Dominanz. Zugleich war er – seiner Zeit weit voraus – ein Befürworter der deutsch-französischen Aussöhnung.

Sein politisches Glaubensbekenntnis zeigt große Übereinstimmung mit dem Programm der in den 1860er Jahren entstehenden demokratischen „Deutschen Volkspartei“, die im Wahlkreis Kaiserslautern/Kirchheimbolanden einen achtungsgebietenden Anhang besaß. Auch mit ihrem führenden Kopf, dem Herausgeber der „Frankfurter Zeitung“ Leopold Sonnemann (1831-1909), fand er bald Kontakt, aus dem sich ein enges freundschaftliches Verhältnis ergab. Sonnemann, der wiederholt auch die Pfalz besuchte und der als der unbestrittene „Führer der bürgerlichen Demokratie“ galt, gewann den Pfälzer zur Mitarbeit an seinem Blatt. Kolb siedelte von 1860 bis 1866 nach Frankfurt über und wurde rasch leitender politischer Redakteur der Zeitung, der er eine eindeutig demokratische Richtung wies und die sich in kurzer Zeit zum „ersten Kampforgan der deutschen Demokratie“ entwickelte.

Zu Kolbs politischen und persönlichen Freunden zählte auch der aus Kaiserslautern stammende Adolf Kroeber (1834-1896). Der zur Volkspartei gehörende Reichstagsabgeordnete hielt auch die Gedächtnisrede auf Kolb bei der Gedenkfeier des demokratischen Vereins München, wo Kolb seit 1866 lebte. Kroebers sehr persönlicher Nachruf wurde auch in der „Pfälzischen Volkszeitung“ Kaiserslautern, dem „publizistischen Organ der bürgerlichen Demokratie in der Pfalz“, in vollem Wortlaut abgedruckt.

Was Kolbs Verbindung zu seiner pfälzischen Heimat angeht, so haben Zeitgenossen sie als „liebevolle Anhänglichkeit“ beschrieben. Auch sein Wegzug aus der Pfalz änderte daran nichts. Seine Stellung als Aufsichtsrat der pfälzischen Eisenbahnen erforderte im Übrigen „häufige“ Präsenz in der Pfalz und damit verbunden auch strapaziöse Reisen. Darüber hinaus vertrat er ja auch den Wahlkreis Kaiserslautern in der Münchner Abgeordnetenkammer. Nicht von ungefähr hat man ihm 1870 dort in Anerkennung seines demokratischen Engagements die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Sein Tod fand ein starkes Echo in der zeitgenössischen Presse. In den ihn rühmenden Würdigungen nannte man ihn unter anderem „den Altmeister der Demokratie“, den „Jacoby Süddeutschlands“ oder den „deutschen Cato uticensis“. Letzteres mit Blick auf seine Unbestechlichkeit und seine „felsenfeste Prinzipientreue“. Heute ist dieser „energischste, treueste Verteidiger der Verfassung und der Volksrechte“ so gut wie vergessen.

Dr. Erich Schneider