Vor 100 Jahren: Kriegsende, Revolution und französische Besatzung

Protestzug zur Kaserne des 23er Regiments, Kaiserslautern, 10. November 1918 (Stadtarchiv Kaiserslautern)

Desolate Lage im letzten Kriegsjahr

Im Herbst 1918 hatten die Menschen in der Pfalz wie dem übrigen Kaiserreich endgültig die Hoffnung verloren, der vier Jahre zuvor begonnene Erste Weltkrieg könne noch siegreich oder für Deutschland zumindest gesichtswahrend beendet werden. Von oben verordnete Rationierung und Zwangswirtschaft hatten den allgemeinen Mangel über die Grenzen des Erträglichen hinaus anwachsen lassen – es fehlte an allem: Lebensmitteln, Brenn- und Rohstoffen. Bereits im Januar war es in Ludwigshafen und Frankenthal zu Streiks der Arbeiter unter der Parole Frieden, Brot und Freiheit! gekommen, um dem Unmut über die Zustände Luft zu machen. Die im Frühjahr von der Obersten Heeresleitung angekündigte Großoffensive im Westen hatte an der „Heimatfront“ noch ein letztes Mal die kollektive Illusion geschürt, eine Wende im Kampf gegen die Entente sei doch noch möglich. Entgegen der zu Hause verbreiteten Propaganda war diese Offensive nach ersten Erfolgen jedoch zunächst steckengeblieben und schließlich im Zuge des alliierten Gegenschlages gescheitert. Anfang Oktober sahen sich die Generäle Ludendorff und Hindenburg, die den längst nicht mehr zu gewinnenden Krieg wider alle Vernunft immer weitergeführt hatten, schließlich gezwungen, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Dieser wurde am 11. Oktober 1918 in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnet und erlegte den Verlierern harte Bedingungen auf: Abzug aus allen eroberten Gebieten, Demilitarisierung und alliierte Besatzung des linken Rheinufers – die Pfalz sollte zur französischen Zone gehören – außerdem den Rückfall von Elsass-Lothringen an Frankreich. Letzteres bedeutete für unsere Region, dass sie nach 47 Jahren nun wieder direktes Grenzland werden würde.

Speyerer „Feldgraue“ am 11. November 1918, dem Tag des Waffenstillstands (Stadtarchiv Kaiserslautern)

 

November 1918: Das Ende einer Ära

Hatte die bisherige Entwicklung die politische Stimmung der deutschen Bevölkerung bereits an einen kritischen Punkt geführt, ließ der Anfang November vom Kieler Marineoberkommando erteilte Flottenauslaufbefehl zu einer letzten Schlacht gegen die Royal Navy das Fass endgültig überlaufen: Matrosen und Arbeiter meuterten, und der Aufstand griff von Kiel schnell auf das ganze Reich über. Am 7. November verkündete der Sozialist Kurt Eisner auf der Münchner Theresienwiese die Gründung des Freistaats Bayern und damit das Ende des auch über die Pfalz herrschenden Hauses Wittelsbach. In der Hauptstadt Berlin „dankte“ Prinz Max von Baden als letzter Reichskanzler unter dem Druck von Militär und Straße quasi seinen Kaiser Wilhelm II. ab – am 9. November rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann schließlich vom Reichstagsbalkon die Republik aus. Damit nicht genug, verkündete der als Interimsregierung eingesetzte Rat der Volksbeauftragten um Friedrich Ebert am 12. November neben dem Ende der Zensur und der garantierten Meinungsfreiheit für die Wahl einer neuen Nationalversammlung die Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Frauenwahlrechts. Dieser Schritt stellte einen gesellschaftspolitischen Meilenstein dar, welche der erst wenige Tage alten deutschen Republik einen Modernitätsvorsprung vor Frankreich und Großbritannien brachte – dort dauerte es bis zu einer Regelung gleichen Umfangs wesentlich länger.

Zwar bildeten die Städte der Pfalz keine wirklichen Zentren der Novemberrevolution wie etwa Kiel oder München, auch blieben größere Gewaltexzesse glücklicherweise aus. Nichtsdestotrotz fanden die reichsweiten Umbrüche auch hier ihren Niederschlag. Arbeiter- und Soldatenräte traten zusammen, der erste davon noch am Abend des 9. November in Kaiserslautern, bestehend aus SPD-Vorständen, Gewerkschaftsvertretern und Angehörigen der lokalen Garnison. Am nächsten Tag wurde auf einer Kundgebung öffentlich die Republikgründung begrüßt, danach marschierte ein Protestzug unter der roten Fahne, mit angeführt vom SPD-Landtagsabgeordneten Eduard Klement in die Kasernen des 23er Regiments. Dort wollte der garnisonsälteste Offizier zwar keinen Eid auf die neue Ordnung schwören, übergab Klement aber seinen Degen. In Ludwigshafen nahmen ebenfalls am 10. November Tausende an entsprechenden Kundgebungen teil, die sozialdemokratisch orientierte Zeitung „Pfälzische Post“ pries dies als ein wirkliches Volksurteil […] gegen den völkermordenden Krieg, für den Völkerfrieden, gegen die Herrschsucht bevorrechtigter Cliquen und machtgieriger Potentaten, für volles Selbstbestimmungs- und Verwaltungsrecht des seiner drückenden Fesseln ledigen, freien und mündigen Volkes!

In Pirmasens befreite man alle inhaftierten Soldaten und der Sozialdemokrat Keidel gab vor dem Bismarckdenkmal mehr als 3.000 Zuhörern folgende Sofortmaßnahmen bekannt: Bekämpfung des Wuchers, Herausgabe der Lebensmittel an eine hungernde Bevölkerung durch die Bauern und ein an die Unternehmer gerichtetes Verbot der Betriebsstillegungen. In der Kreishauptstadt Speyer stimmte sich der gewählte Arbeiter- und Soldatenrat eng mit dem parteiübergreifenden Wohlfahrtsausschuss ab. Man rief die Mitbürger zur Ruhe und Besonnenheit auf, vorhandenen Ängsten vor einem blutigen kommunistischen Umsturz wie bei der Oktoberrevolution 1917 hielt man entgegen, keinen russischen Bolschewismus zu treiben, sondern die Revolution friedlich gestalten zu wollen. Neben den genannten Beispielen fanden Ratsbildungen u.a. auch in Germersheim, Bad Dürkheim – hier unter Beteiligung der Bauern – oder Zweibrücken statt.

Französische Truppen marschieren durch die Mannheimer Straße in Kaiserslautern, o.J. (Stadtarchiv Kaiserslautern)

 

Durchzug der Deutschen, Einzug der Franzosen

Der Waffenstillstand gab den deutschen Einheiten 30 Tage Zeit, sich über den Rhein zurückzuziehen. Wie schon 1914 bewegten sich nun erneut Truppenmassen durch die Pfalz – nur diesmal in östlicher statt westlicher Richtung. Auch die zunächst kurzen Belastungen der Einquartierungen waren der strapazierten Bevölkerung noch frisch in Erinnerung, längere sollten ihnen folgen. Nicht an allen, aber doch vielen Orten bereiteten die Menschen den heimkehrenden Soldaten einen begeisterten Empfang – trotz oder gerade wegen der erlittenen Niederlage. Jene als Tatsache anzuerkennen, weigerten sich viele immer noch. Hatte es nicht bis zuletzt geheißen, die Truppen stünden ungeschlagen im Feld? Und wenn schon Waffenstillstand, warum dann nicht in den alten Grenzen? Die Nachricht von der bevorstehenden französischen Besatzung sorgte bei einer breiten Mehrheit für Angst und Verbitterung. Die Verwüstungen des Pfälzischen Erbfolge- und Ersten Koalitionskrieges waren nicht zuletzt deshalb fest im historischen Gedächtnis verankert, weil der wilhelminische Nationalismus der vergangenen Dekaden sie zur Schaffung des kollektiven Bildes vom „Erbfeind“ instrumentalisiert hatte. Dazu kam ein gerade beendeter verlustreicher Krieg. Aus der Perspektive der einrückenden französischen Veteranen war die Pfalz dagegen Heimat derjenigen Invasoren, welche ihr Vaterland vier Jahre lang in ein Schlachthaus verwandelt hatten – symbolisiert durch die „Knochenmühle von Verdun“. Das Zusammentreffen beider Parteien stand mithin unter keinem guten Stern. Am 26. November 1918 zogen die letzten deutschen Truppen über den Rhein, am 28. November begann der Einmarsch der Franzosen, der kurz darauf am Nikolaustag abgeschlossen sein sollte. Ihr Kommandant war General Gérard, Gouverneur der künftig in der ehemaligen französischen Festungsstadt Landau residierenden Militärregierung. Sich des historischen Erbes französischer Herrschaft in der Pfalz wohlbewusst, erteilte der General seinen Truppen folgenden Befehl:

Soldaten! […] Ihr werdet jetzt ein Land besetzen, worauf vor wenig mehr als einem Jahrhundert, dank unserer großen Vorfahren, unsere drei Farben flatterten. Deren Werk werdet Ihr fortsetzen. Als Sieger werdet Ihr die Hochachtung und Ehrfurcht dieses Landes erzwingen, wie Ihr die Bewunderung der Welt erzwungen habt. Der Sieg legt Euch Pflichten auf. Großherzig im Triumph werdet Ihr diese Pflichten ohne Haß wie ohne Schwäche erfüllen. Der zerstörenden Wut der Barbaren werdet Ihr die feste und weise Gerechtigkeit unserer befreienden Rasse entgegenstellen. Parallel dazu erließ Gérard einen Aufruf an die Bevölkerung: Der kommandierende General der 8. Armee fordert die Beamten und Einwohner der durch seine Truppen besetzten Gebiete auf, sich die […] herausgegebenen Verordnungen einzuprägen. […] Im Notfall findet die Bevölkerung bei der Militärbehörde Zuflucht und Schutz gegen Ungerechtigkeit und Schaden. […] Hingegen wird gefordert, daß jeder die Verordnungen genau beobachtet, dem Gesetze streng gehorcht, den Befehlen schnell Folge leistet. Wenn es nötig wäre, würde Frankreich durch eine strenge Bestrafung seinen festen Willen zeigen, daß niemand an seine Unabhängigkeit und Ehre rührt.

Im Arbeitsleben und Alltag der Pfälzer sollte sich nun einiges verändern: Zunächst wurden die Truppen dauerhaft einquartiert, in Kirchheimbolanden etwa kam auf einen Privathaushalt mindestens ein Militärangehöriger. Bereits am 1. Dezember 1918 erging eine neue Polizeiordnung. Sämtliche deutschen Behördenentscheidungen standen ab jetzt unter Vorbehalt der Militärregierung, das nicht autorisierte Verlassen der eigenen Gemeinde wurde ebenso verboten wie jede öffentliche Versammlung. Vereinsgründungen erfolgten nur noch mit französischer Genehmigung, für jegliche Druck- und Presseerzeugnisse wurde eine Vorzensur eingeführt und alle Zivilisten mussten französische Offiziere öffentlich grüßen. Letzterer Vorschrift verschaffte so mancher Offizier künftig auch mit der Reitpeitsche Nachdruck. Für regionales Gewerbe und die Industrie brachte die Besatzung das schlagartige Wegbrechen gleich dreier zentraler Absatzmärkte: Elsass-Lothringen, der Saarkohlereviere (Homburg und St. Ingbert) und des rechtsrheinischen Deutschlands. Ende 1918 kam es zur Komplettabriegelung des Rheinübergangs für Personen- und Güterverkehr.

Zu einer wirklichen Annäherung zwischen Franzosen und Pfälzern kam es während der bis 1930 dauernden Besatzung letztlich nicht. Bis 1924 hatte die Pariser Regierung entschlossen die Strategie verfolgt, ihre linksrheinisch kontrollierten Gebiete unter die eigene außenpolitische Einflusssphäre zu bringen, um Deutschland dauerhaft wirtschaftlich und militärisch zu schwächen. Hierbei setzte man im Wechsel sowohl auf die Unterstützung separatistischer Bewegungen als auch die pénétration pacifique, eine Politik, welche den Deutschen Frankreichs zivilisatorische Größe durch ein ausgefeiltes Kulturprogramm (Gastspiel der Comédie Française in Kaiserslautern) nachhaltig näherbringen sollte. Im Rückblick bleibt festzustellen, dass in der Pfalz dem ersten Ansatz keinerlei und dem zweiten kaum Erfolg beschieden war.

Christian Decker

 

Literatur

 

Christmann, Volker/Nestler, Gerhard: Frankenthal im Ersten Weltkrieg, in: Christmann, Volker/Hürkey, Edgar J./Nestler, Gerhard u.a. (Hrsg.): Frankenthal. Die Geschichte einer Stadt, Frankenthal (Pfalz) 2013, S. 623-630, hier S. 629.

Fenske, Hans: Konstitutionelle Monarchie und frühe Republik, in: Rothenberger, Karl-Heinz/ Scherer, Karl/Staab, Franz u.a. (Hrsg.): Pfälzische Geschichte. Bd. 2 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte 18,2), 3. erw. u. ergänzte Aufl., Kaiserslautern 2011, S. 9-55, hier S. 40-47.

Gräber, Gerhard/Spindler, Matthias: Revolverrepublik am Rhein. Die Pfalz und ihre Separatisten. Bd. 1: November 1918 – November 1923, Landau 1992, hier u.a. S. 26-37.

Lehna, Britta: Kirchheimbolanden. Die Geschichte der Stadt. Bd. 2, Otterbach-Kaiserslautern 1992, S. 11-34, hier S. 14.

Osmond, Jonathan: Die „Freie Bauernschaft“ und der Separatismus: Bauernpolitik, bürgerliche Parteien und französische Besatzung der Pfalz, in: Kreutz, Wilhelm/Scherer, Karl (Hrsg.): Die Pfalz unter französischer Besatzung (1918/19-1930) (Beiträge zur pfälzischen Geschichte 15), Kaiserslautern 1999, S. 123-143, hier S. 129.

Thalmann, Heinrich: Die Pfalz im Ersten Weltkrieg. Der ehemalige bayerische Regierungskreis bis zur Besetzung Anfang Dezember 1918 (Beiträge zur pfälzischen Geschichte 2), Kaiserslautern 1990, hier S. 353-363.