Franz von Kobell

Vor 200 Jahren: Ein Pfälzer Mundartdichter wird in München geboren

Der Pfälzer Mundartdichter Franz von Kobell

Er war eigentlich kein Pfälzer, sondern ein echter Bayer; gleichwohl zählt er zu den Ahnherren und Wegbereitern der pfälzischen Mundartdichtung. Franz von Kobell, am 19. Juli 1803 als Sohn eines Professors und Staatsrates in München geboren, entstammte einer Mannheimer Malerfamilie, die einst von Kurfürst Karl Theodor gefördert wurde und mit den Wittelsbachern nach München übersiedelte. Franz war der Enkel des berühmten Landschaftsmalers Ferdinand von Kobell, der hernach in der bayerischen Metropole als Galeriedirektor wirkte.

Franz von Kobell studierte Jurisprudenz und Naturwissenschaften und wurde bereits 1826 an der Münchener Hochschule zum Professor für Mineralogie ernannt. Er unternahm wissenschaftliche Reisen durch alle deutschen Lande, ebenso nach Frankreich und Holland, Italien und Griechenland. Dabei entdeckte er unter anderem 19 Mineralien, von denen eines nach ihm den Namen Kobellit trägt. Der Gelehrte veröffentlichte einige wegweisende Fachbücher: eine „Charakteristik der Mineralien“, „Skizzen aus dem Steinreich“, eine „Geschichte der Mineralogie“ sowie das Werk „Galvanographie“, als deren Erfinder er gilt. Kobell wurde zum Konservator der mineralogischen Staatssammlungen bestimmt und als Mitglied in die Akademie der Wissenschaften berufen.

Der erfolgreiche Gelehrte war jedoch kein Stubenhocker, sondern schätzte als leidenschaftlicher Jäger und Bergsteiger den Aufenthalt in der Natur. Er ging gern auf die Gamsjagd und war von dem Leben und Treiben der Gebirgsbewohner angetan. König Maximilian II. lud ihn zu seinen Abendgesellschaften und als Begleiter zu seinen Jagden ein. Kobell eignete sich bei seinen Ausflügen in die Berge auch das Denken und Empfinden des einfachen Volkes an und wurde zum dichterischen Interpreten ihrer Eindrücke und Erlebnisse – in ihrer ureigensten Sprache.

Der Münchener, der den bayerischen und den pfälzischen Dialekt in gleicher Weise beherrschte, wurde zum Volksdichter, der zahlreiche Gedichte, Erzählungen und Schauspiele verfasste, von denen man nicht weiß, ob er sie nun den Einheimischen abgelauscht oder selbst erfunden hatte. Sein erster Lyrikband erschien 1839 unter dem Titel „Triphylin“ nach einem Mineral, das drei Oxyde enthält, weil das Buch hochdeutsche, oberbayerische und pfälzische Gedichte vereinigte. Zwei Jahre darauf kam beim renommierten Verlag Cotta bereits eine zweibändige Sammlung heraus, die 300 Seiten umfasste. Auch seine „Jagd- und Weinlieder“ wurden in einer Ausgabe veröffentlicht, die alle drei Idiome in gültiger Weise vorstellte.

Von den hochdeutschen Texten Kobells ist vor allem das Lehrgedicht „Urzeit der Erde“ zu nennen, ein Beispiel didaktischer Poesie, das wissenschaftliche Erkenntnisse in dichterischem Gewand vermittelt. In dem Buch „Wildanger“ bietet der Autor eine Geschichte der Jagd in Erzählungen, in den „Erinnerungsblättern an König Max II.“ huldigt er seinem großen Freund und Förderer.

Im Mittelpunkt seines literarischen Schaffens stehen indessen die epischen Gedichte und poetischen Erzählungen in bayerischer Mundart, in denen er mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln den Alltag der Jäger und Bauern beschreibt. In seinen Dichtungen bekunden sich Lebensfreude und Heimatliebe, sie zeichnen sich durch ursprünglichen Humor und treffende Darstellung aus. Am bekanntesten wurde seine Novelle „Die Gschicht vom Brandner Kasper“, die zuerst in den „Fliegenden Blättern“ zu lesen war. Brandner, ein Bauer und Büchsenmacher aus dem Tegernseer Tal, begegnet als 75-Jähriger dem Tod in Gestalt eines „Boanlkramers“ und kann ihn zunächst überlisten. Die bayerische Version des „Jedermann“ zählt zu den Perlen unserer Erzählliteratur. In einer Bühnenfassung wird sie immer wieder vom Schauspielhaus München aufgeführt; die bewegende Handlung wurde außerdem verfilmt.

Während die pfälzischen Dichtungen Kobells anfänglich noch in den „dreisprachigen“ Sammlungen enthalten waren, erschienen sie später auch in selbständigen Ausgaben: die „Gedichte in pfälzischer Mundart“ (1849) und die „Pälzische Gschichte“ (1863), jeweils Bände mit über 200 Seiten. Der bayerische Dialektdichter hatte die pfälzische Mundart durch seinen Großvater und durch ein pfälzisches Kindermädchen kennen gelernt. Der Münchener wurde auf diese Art nicht nur mit unserer einheimischen Sprechweise bekannt, sondern vertiefte sich zudem allmählich in das Wesen der bayerischen Volksgruppe links des Rheines.

Die dichterische Eigenart Kobells ist in seinen pfälzischen Arbeiten in gleicher Intensität festzustellen. Der Ausdruck seiner Verse ist innig und kraftvoll, zart und derb zugleich. Seine Lyrik und Prosa porträtieren die redselige und offenherzige Art der Pfälzer, ihre Lebenslust und ihren Witz, sie karikieren zuweilen auch den Griesgram und das Spießbürgertum der hiesigen Stadtbewohner. Über die „Pälzer Sprooch“ hat er sich mit der folgenden Strophe begeistert geäußert:

Wer kann ’n liewe Glockeklang
so schreiwe, wie er klingt.
Un wer kann schreiwe mit de Schrift,
wie schee e Amsel singt?
Des kann mit aller Müh kee Mensch,
denk nor e bißche nooch.
Un wie mit Glock un Vochelsang
is ’s mit de Pälzer Sprooch.

Franz von Kobell wandte sich schon zu einer Zeit der Mundartdichtung zu, als man unter den Gebildeten den Dialekt noch gering achtete, die kulturelle Epoche vielmehr vom Realismus und Naturalismus geprägt war. Die geschichtliche Bedeutung und das bleibende Verdienst des Schriftstellers bestehen darin, dass er den oberbayerischen und den pfälzischen Dialekt in die Literatur einführte. Von seinen Gedichten, Geschichten und Volksstücken haben einige durch ihren unverstellten Ton die Zeiten überdauert. Der Dichter und Mineraloge starb am 11. November 1882 in München. Auf seinem Grabkreuz stehen die Worte „Altmeister der bayerischen und pfälzischen Mundart“. Sein schriftlicher Nachlass befindet sich in der Staatsbibliothek in München.

Karlheinz Schauder