Franz Josef Ehrhart

Vor 150 Jahren: Der "rote Pfalzgraf" wird in der Südpfalz geboren

Der "Gründungsvater" der pfälzischen Sozialdemokratie Franz Josef Ehrhart.

Am 6. Februar 1853, also vor nunmehr 150 Jahren, wurde in Eschbach am Fuße der Madenburg Franz Josef Ehrhart (1853-1908), der spätere „Gründungsvater“ der pfälzischen Sozialdemokratie, geboren.

Der „bereits zu seinen Lebzeiten legendäre“ Arbeiterführer, in dessen Lebensgang „sich ein großes und bedeutendes Stück sozialdemokratischer Parteigeschichte“ der wilhelminischen Ära spiegelt, wuchs in höchst ärmlichen Verhältnissen auf. Als uneheliches Kind einer Dienstmagd fiel das so genannte Pflegekind der Gemeinde zur Last und verlebte eine überaus triste Kindheit. Nach einer dürftigen Schulausbildung erlernte Ehrhart ab 1866 in Fürth, wohin man ihn abgeschoben hatte, den Beruf des Tapezierers.

Während seiner Lehre kam er mit sozialistischem Gedankengut in Berührung und besuchte heimlich Parteiveranstaltungen. Die Begegnung mit revolutionären Ideen bestimmte unwiderruflich seinen weiteren Lebensweg, der ihn nach der Wanderschaft zurück in die bayerische Pfalz, seine Heimat, führte. Hier wirkte er fortan als sozialdemokratischer Agitator und zusammen mit anderen Gesinnungsfreunden am zunächst mühsamen Aufbau einer entsprechenden Parteiorganisation. Zugleich entwickelte er sich allmählich zum führenden Parteifunktionär. Gleichwohl hielt es ihn fürs Erste nicht auf Dauer in der Pfalz; er begab sich von 1877 bis 1880 vielmehr erneut auf Wanderschaft mit Aufenthalt unter anderem in London und Paris. Diese stark politisch motivierten Wanderjahre fielen genau in die Zeit der Anfänge des Sozialistengesetzes (1878-1890) und der damit zusammenhängenden rigiden Verfolgung der Sozialdemokratie. In London wurde der junge Pfälzer Sekretär des traditionsreichen, 1840 gegründeten „Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins“ und Mitbegründer der Zeitung „Freiheit“, die unter den Auswirkungen des Ausnahmegesetzes einen zunehmend radikalen Kurs steuerte und auch mit anarchistischen Aktionen sympathisierte. Ehrhart selbst war unter anderem für die geheime Verbreitung des Blattes verantwortlich. Bei dieser ‚illegalen‘ Tätigkeit wurde er im August 1880 in Mannheim verhaftet und anschließend zu einer Gefängnisstrafe verurteilt; es war dies nicht das erste und letzte Mal, dass er in Haft geriet.

1884 verlegte Ehrhart, dessen politische Haltung anfangs stark von den bitteren Erfahrungen des repressiven Sozialistengesetzes bestimmt war, seinen Wohnsitz nach Ludwigshafen, wo er ein Möbelgeschäft eröffnete. In der rasch wachsenden Industriestadt wurde er 1889 als einziger Sozialdemokrat in den Stadtrat gewählt. In diesem sehr von der BASF beeinflussten Gremium machte er sich bald als rühriger Kommunalpolitiker einen Namen. 1893 zog der Pfälzer sodann in den bayerischen Landtag ein, und 1898 errang er schließlich im Wahlkreis Speyer-Ludwigshafen-Frankenthal das ersehnte Reichstagsmandat, das er aufgrund seiner wachsenden Popularität bis zu seinem frühen Tode behaupten und ausbauen konnte. Darüber hinaus wurde er 1899 in die Kontrollkommission und damit in den Vorstand der Gesamtpartei gewählt – fürwahr eine außergewöhnliche Karriere!

Der Schwerpunkt seiner parlamentarischen Arbeit lag nun nicht in Berlin, sondern in München, wo die anfänglich noch kleine sozialdemokratische Fraktion eine beachtliche Aktivität entwickelte und recht wirkungsvoll agierte. Ehrhart brachte in der Abgeordnetenkammer mit Vorliebe spezifisch pfälzische Themen zur Sprache und überraschte so manchen durch sein auffallendes polemisches Talent, seinen Mutterwitz und seine Sachkenntnis. In seinem Kampf um dringend notwendige politische und soziale Reformen scheute sich der Pfälzer auch nicht, vorübergehend mit der Zentrumspartei zusammenzugehen, so zum Beispiel bei der Demokratisierung des längst obsolet gewordenen indirekten bayerischen Landtagswahlrechts. Dabei kam es zu einem Aufsehen erregenden Wahlbündnis, dessen Einzelheiten unter anderem auch in einem geheimen Treffen im Speyerer Dom besprochen wurden. Dieser „bayerische Kuhhandel“ war in der Sozialdemokratie heftig umstritten, und Ehrhart sah sich mit scharfen Angriffen vor allem seitens der Parteilinken konfrontiert. Die ebenso spektakuläre wie erfolgreiche Wahlabsprache trug letzten Endes wesentlich zur Beseitigung der nationalliberalen Vorherrschaft in der Pfalz und im rechtsrheinischen Bayern bei.

Dieser gelungene politische Coup belegt, wie sehr sich Ehrhart inzwischen von früheren radikalen Positionen entfernt und gewandelt hatte. Tatsächlich war aus ihm ein „Reformist“, ein „Realpolitiker“ geworden, der es im Übrigen ablehnte, in den Richtungskämpfen seiner Partei einem ganz bestimmten Flügel zugeordnet zu werden. Die Krönung fand Ehrharts politisches Werk wohl in der Gründung einer eigenen Parteizeitung, der „Pfälzischen Post“. Sie erschien in Ludwigshafen und konnte sich in der damals breit gestreuten sozialdemokratischen Provinzpresse von Anfang an gut behaupten. Zweifellos hat sie die zeitgenössische Zeitungslandschaft hierzulande spürbar belebt und bereichert. Das Blatt, das heute eine wichtige Geschichtsquelle darstellt, wurde sicher nicht ganz zu Unrecht oft als „Ehrharts Organ“ bezeichnet. Dies nicht allein deshalb, weil Ehrhart, der außerdem ein gesuchter Mitarbeiter zahlreicher anderer Parteiorgane war, sich selbstredend immer wieder einmal zu aktuellen Fragen darin äußerte.

Dank seinem Platz in der Parteiprominenz, seiner engen Kontakte zur Parteispitze und zu alten „führenden Genossen“, dank seines Einflusses in der süddeutschen SPD und nicht zuletzt wegen seiner unangefochtenen Machtstellung in der pfälzischen Partei nannte man ihn mit der Zeit humor- und respektvoll den „Pfalzgrafen“. Dieser Name war auch im gegnerischen bürgerlichen Lager geläufig, wiewohl man dort lieber vom „roten Pfalzgrafen“ oder – mit Blick auf seine dominierende Persönlichkeit – vom pfälzischen „Parteipapst“ sprach. Bei all dem sollte heute nicht vergessen werden, dass dieser so exemplarische Multifunktionär, der sich bis zur physischen Erschöpfung in den Dienst der Arbeiterbewegung stellte, nie eine „bezahlte Parteistellung“ innehatte, ein Umstand, der seiner oft gerühmten Unabhängigkeit sicher zugute kam.

Im Bild des „Pfalzgrafen“ kommt freilich noch etwas anderes zum Ausdruck, nämlich das spezifisch Pfälzische in Ehrharts Wesen. In der Tat hat dieses „Pfälzer Kind durch und durch“ seine Herkunft, Eigenart und Sprache nie verleugnet, sondern sich offen dazu bekannt, auch immer wieder treffliche „Proben seines pfälzischen Temperaments“ gegeben. Dabei machte es ihm sichtlich Freude, etwa den Pfälzer Wein und die Landschaft, aus der er stammt, zu preisen oder seine Parteifreunde dazu zu ermuntern, doch einmal die Pfalz zu besuchen. Gerade diese Verwurzelung in der Heimat, diese Identifikation mit der Pfalz hat fraglos mit dazu beigetragen, aus ihm einen so farbigen, ja volkstümlichen Politiker zu machen.

Dr. Erich Schneider