Augustin Violet

Vor 150 Jahren: Der Taubstummenlehrer Augustin Violet stirbt in Frankenthal

Vor 150 Jahren, am 10. April 1859, starb Augustin Violet in Frankenthal, wo die Schule des Pfalzinstituts für Hörsprachbehinderte nach ihm benannt ist. Er hatte im Alter von 25 Jahren zunächst die Stelle als Taubstummenlehrer an der allgemeinen Armenanstalt angetreten, dann die Taubstummenschule gegründet und sie während seiner über 30-jährigen Tätigkeit weiter ausgebaut. Er war damit der erste Lehrer einer öffentlichen Gehörlosenschule in der Pfalz; sie ist zugleich die älteste Einrichtung des Bezirksverbands Pfalz.

Die Schulgebäude der Taubstummen und Gehörlosen im Wandel der Zeit (von links nach rechts): das erste Schulgebäude des Armenhauses (1825-1873), das Gebäude auf dem Gelände der Kreis-Heil- und Pflegeanstalt (1873-1895), die Schule als Neubau an der Mahlastraße (1895-1943), das heutige Gebäude der Augustin-Violet-Schule in der Holzhofstraße 21, ehemals Krankenhaus der Heil- und Pflegeanstalt (seit 1948)

Violets Leben fiel in eine Zeit großer politischer Umwälzungen. Die südpfälzische Gemeinde Oberlustadt, in der Violet am 14. Juli 1799 geboren wurde, gehörte damals zu Frankreich. Seine Eltern verstarben früh, so dass seine jüngere Schwester Anna Maria und er bei Verwandten des Vaters aufwuchsen. Von 1806 bis 1812 besuchte Violet die École primaire in Oberlustadt. Um 1814 verließen Violet und seine Schwester ihren Heimatort und zogen zu Verwandten mütterlicherseits nach Geinsheim bei Neustadt. Als Folge des Wiener Kongresses gelangte die Pfalz zur selben Zeit als „bairische Lande am Rhein“ in Besitz von König Maximilian I.

1821 absolvierte Violet erfolgreich die Aufnahmeprüfung des Schullehrer-Seminariums in Kaiserslautern. Es stand seit 1818 unter Leitung von Friedrich Wilhelm Balbier, einem Anhänger der Aufklärung und Philanthropie. Violet wurde zu einem seiner besten Schüler und schließlich von Balbier im September 1823 der Regierung des Rheinkreises in Speyer als Kandidat für die Ausbildung zum Taubstummenlehrer vorgeschlagen. Neben Violet war bereits seit Herbst 1821 Daniel Durst aus Selchenbach, einem kleinen Ort westlich von Kusel, als weiterer Kandidat im Gespräch.

Die Regierung in München wollte einen geeigneten Lehrer für die taubstummen Kinder im Rheinkreis finden, um flächendeckende Bildungsmöglichkeiten für Taubstumme zu schaffen. In Freising bei München war ein Institut zur Ausbildung von Taubstummenlehrern entstanden, von dem aus Lehrer im ganzen Königreich Bayern eingesetzt wurden. Sie sollten die Kinder „in Schreiben, Lesen, Rechnen und Reden“ unterrichten, so dass sie „moralisch gut und bürgerlich brauchbar“ wurden. Daniel Durst hatte schon erste Erfahrungen im Unterricht mit Taubstummen gesammelt, auf den Antritt einer Lehrerstelle verzichtet und Talent und Kenntnisse mehrmals unter Beweis gestellt. Im Vergleich dazu besaß jedoch Violet laut Balbier auch „ein sanftes liebevolles Wesen“ und „ein mehr natürliches und weniger gespanntes“ Benehmen. Man entschied sich für Violet. Er begann am 15. Januar 1824 seine Ausbildung in Freising.

Der Leiter des Institutes, Bernhard von Ernsdorfer, schrieb in einem Zwischenzeugnis vom Juli 1824, dass Violet mit Sorgfalt und Eifer gelernt habe, die Ausbildung aber bis April 1825 verlängern möchte. Im August 1824 hatte Violet eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Ansichten und Lehrsätze, den Unterricht für Taubstumme betreffend“ vorgelegt, stark beeinflusst von den Ideen des Philanthropen, Pädagogen, Schul- und Sozialreformers Johann Heinrich Pestalozzis, mit denen Violet bereits in Kaiserslautern in Berührung gekommen war. Als Violet 1825 Freising verließ, bestätigte ihm Ernsdorfer in einem Zeugnis vom 10. April, dass der Pfälzer sich „mit ausgezeichnetem Fleiße“ und „durch fleißige Benützung der einschlägigen Litteratur und der besonderen Lehrvorträge, als auch durch thätige Theilnahme an dem wirklichen Unterrichte sich eine solche Kenntniß und Fertigkeit in dieser Unterrichtsweise erworben“ habe, dass er sofort mit dem Unterricht taubstummer Kinder beginnen könne und „sicher zur vollkommenen Zufriedenheit fortsezen wird“. Auch würden sein Charakter sowie „die Eigenschaften seines Gemüthes, und seiner untadelhaften Sitten diesem Geschäft ganz entsprechen, und ihn einer vorzüglichen Empfehlung würdig machen“.

Am 29. April ernannte die Stadt Frankenthal Augustin Violet zum Taubstummenlehrer in der Armenanstalt. Wie dessen Leiter Frank bezeugte, widmete Violet sich „sogleich mit besonderem Fleiße der ihm übertragenen Pflichten“. In einem Brief an die Regierung des Rheinkreises vom 15. Juli 1825 gab Frank wieder, was Violet für die Eröffnung einer Taubstummenschule benötigte: ein geräumiges Lehrzimmer, „ein für männliche und weibliche Taubstumme in zwei Abteilungen geteiltes Arbeitszimmer in dem vorderen Hofe der Armenanstalt, damit die lehrfähigen Taubstummen durchaus mit den übrigen Pfleglingen des Instituts nicht in Berührung kommen“. Das war nur durch den Umbau eines Pförtnerhäuschens, der Herstellung von Möbeln und Tafeln in der zur Armenanstalt gehörenden Schreinerei und dem Kauf sonstiger Unterrichtsmaterialien möglich, finanziert aus den laufenden Dotationen des Armeninstitutes. Auch über Violets Gehalt berichtete der Brief. Normalerweise erhielt ein Taubstummenlehrer 600 Gulden Jahresgehalt und freie Logis. Da aber Violet zusätzlich zur Unterkunft noch Holz und Licht erhalten sollte, war sein Gehalt auf 300 Gulden festgesetzt. In den langen Jahren seiner Tätigkeit wurde die Gehaltsfrage immer wieder thematisiert: 1827 bei seiner Eheschließung, 1840 und 1857.

Im Oktober 1825, knapp drei Monate nach seiner Ankunft in Frankenthal, konnte Violet mit dem Unterricht beginnen. Nicht nur Taubstumme, auch verwahrloste Kinder nahmen daran teil. Violet förderte die Entwicklung der kindlichen Sprachorgane, vermittelte Kenntnisse im Sach- und Religionsunterricht und suchte Ausbildungsstellen für seine ausscheidenden Schüler. In Freising war er von Ernsdorfer nach der Methode des französischen Abtes Charles Michel de l´Epée ausgebildet worden und arbeitete anfangs nach ihr. In den 1830er Jahren wandte er sich immer mehr der lautsprachlich-grammatikalischen Richtung des bayrischen Professors für Philosophie und Pädagogik, Johann Baptist Graser, zu. In deren Mittelpunkt stand das Wecken und Mobilisieren der individuellen geistigen und seelischen Kräfte des taubstummen Kindes mit dem Ziel der Selbstständigkeit. Viele Ideen konnte Violet nicht umsetzen, da der Armenanstalt die finanziellen Mittel fehlten. In den Abendstunden half er am Mädchenbildungsinstitut aus, nicht nur aus beruflicher Leidenschaft, sondern auch, um einen kleinen Nebenverdienst zu erhalten.

1827, nur zwei Jahre nach Beginn seiner Lehrertätigkeit, heiratete er die jüngere Elisabeth Heller, Tochter eines Bachinspektors. Mit ihr zusammen zog er von seiner Wohnung auf dem Gelände der Armenanstalt in die Stadtmitte von Frankenthal. In der fast 20 Jahre dauernden Ehe, bis zum Tod seiner Frau 1848, bekamen sie vier Kinder: zwei Söhne und zwei Töchter. Für die Eheschließung spielten auch ökonomische Gründe eine Rolle. So sprach Violet davon, dass er sich „genöthigt“ fühle, die Ehe einzugehen, um seine Lebensverhältnisse zu verbessern. 1858 erkrankte Augustin Violet an einem Brustleiden, so dass ihm Friedrich Bollenbach als Schulgehilfe zur Seite gestellt werden musste. Ein Jahr später, nicht einmal 60 Jahre alt, erlag Violet seinem Leiden. Er hatte nicht nur seine Frau überlebt, sondern musste auch bereits 1856 seinen ältesten Sohn zu Grabe tragen. Sein zweiter Sohn verstarb kurz nach dem Vater.

Im Laufe seiner langen Berufsarbeit hat Violet 110 taubstumme Kinder und Jugendliche unterrichtet. Von Zeitgenossen sehr geschätzt, galt er als fleißig und pflichtbewusst. So beschreibt ihn Georg Friedrich Blaul 1836 in seinem Buch „Träume und Schäume vom Rhein“ als „einen trefflichen, äußerst Tätigen Lehrer“, dessen „lebenvolle, erweckliche Art des Unterrichts“ zutiefst beeindrucke. Am 4. Mai 1966 benannte der Bezirkstag Pfalz die vom Bezirksverband Pfalz getragene Taubstummenschule in Frankenthal in „Augustin-Violet-Schule für hörgeschädigte Kinder“ um.

Sarah Brötz M.A. und Markus Vogt M.A.