August Becker

Vor 175 Jahren: Bekannter Schriftsteller und "Vater der pfälzischen Volkskunde" wird in Klingenmünster geboren

August Becker

München, in der Weihnachtswoche 1857: „Der Verfasser ist ein Pfälzer; er kennt seine Heimat und Landsleute und hat darum vielleicht das Recht, zu verlangen, daß man seinem Buche vertraue. […] und dabei schmeichelt sich der Verfasser, daß es nicht nur dem Touristen ein Wegweiser, sondern dem Kulturhistoriker auch eine willkommene Quelle sein wird.“ Der hier so selbstbewusst auftretende Autor ist August Becker im Vorwort der ersten Auflage seines Landschaftsporträts „Die Pfalz und die Pfälzer“.

Becker war im 19. Jahrhundert einer der bekanntesten und produktivsten Schriftsteller aus der Pfalz. Auch wenn die Pfalz für ihn einen ganz besonderen Rang einnahm, war sie nicht das einzige Thema seines literarischen Schaffens. Aus Beckers Zeilen spricht aber die Liebe und die detailreiche Kenntnis der Pfalz und ihrer Landschaft, ihrer Leute und Bräuche. Seine Romane sind Fundgruben mit historisch dokumentierten und wirklichkeitsgetreuen Landschaftsbeschreibungen und Ereignissen. Seine kulturgeschichtlich fundierten Unterhaltungsromane und Erzählungen wurden anfangs oft als Fortsetzungen in Zeitschriften abgedruckt, wo sie großen Publikumserfolg hatten. Nach seinen ersten Gedichten ab 1843 und durch sein romantisches Spielmannepos „Jung Friedel der Spielmann“ (1854) wurde August Becker seinen Lesern zunächst als Lyriker ein Begriff.

Am 27. April 1828 in Klingenmünster geboren, besuchte August Becker von 1838 bis 1842 die Lateinschule in Bergzabern. 1847 verließ er Klingenmünster, um zum Studium nach München zu gehen. Dort lebte er bis 1868. Während der politisch unruhigen Periode der 1848er Revolution veröffentlichte er einige politische Gedichte. Wegen der Verwicklung seines Bruders in die pfälzischen Unruhen galt August Becker zunächst als verdächtig und sollte München verlassen. Er bekam aber 1850 sein Visum verlängert. Nach einer Reihe lyrischer Werke und Geschichten veröffentlichte Becker 1858 sein Buch „Die Pfalz und die Pfälzer“, das zunächst nur als dünnes Reisehandbuch gedacht war. Unglücklicherweise erfolgte die Publikation kurz nach dem Erscheinen von Wilhelm Heinrich Riehls „Die Pfälzer“ (1857). Aus Rezensionen, die Becker in den 1850er Jahren als Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung verfasste, liest man eine weitgehende Wertschätzung Riehls heraus. Becker erkannte den nur fünf Jahre älteren Riehl als wichtigen Vertreter der zeitgenössischen Kulturgeschichtsschreibung an. In seinem Vorwort zu „Die Pfalz und die Pfälzer“ möchte er sich nicht als Konkurrenz zu Riehls geographisch-wirtschaftlich orientierter Forschung verstanden wissen. Dennoch begründet sich in dem fast zeitgleichen Erscheinen der schleppende Verkauf von Beckers Werk, das in vielen Punkten größere Detailkenntnis und Recherchearbeit erkennen lässt.

Ab 1859 leitete August Becker die großdeutsch-liberale „Isar-Zeitung“ als Redakteur, im selben Jahr heiratete er Frida Scheurlin. Bei der Isar-Zeitung blieb Becker bis 1864. Danach erschienen in rascher Folge drei literarische Werke: 1867 wurde „Des Rabbi Vermächtnis“ und 1868 die beiden Bücher „Vervehmt. Ein Roman aus der Gegenwart“ und „Hedwig. Ein Roman aus dem Wasgau“ veröffentlicht. „Des Rabbi Vermächtnis“ ist ein geheimnisvoller Unterhaltungsroman. Becker schafft es auf nahezu 1.400 Seiten, die etwas undurchsichtige Handlung mit Landschaftsbeschreibungen und kulturgeschichtlich fundierten Forschungen, Beschreibungen der einfachen Bevölkerung und Schlaglichtern auf deren Bildung und Religion immer wieder sehr lebendig zu gestalten. Der Roman „Vervehmt“ wird von einer klaren These dominiert: Nicht nur Anstand und Moral, sondern auch – und das ist das Bemerkenswerte – die traditionellen Widerstände und Korrektive sind korrumpiert. In einer Seitenbemerkung lässt Becker wissen, dass seine Charaktere in diesem Buch nur in wenigen Zügen der Wirklichkeit entlehnt seien. Aber gerade die zeitkritischen und autobiographischen Details des Romans – die Person von Dr. Herbert identifiziert der Leser als August Becker – machen die interessantesten Passagen des Buches aus. Die Liebesgeschichte von Hedwig, einem Mädchen aus Erlenbach, und Heinrich von Waldenburg, einem bayerischen Leutnant aus der Garnison Landau, läuft nicht ohne Probleme ab. Der klassische Heimatroman „aus dem Wasgau“ ist durch die außergewöhnlich detailreichen Landschafts- und Menschenbeschreibungen, der ausführlichen Beschreibung einer Böhämmerjagd und der Thomasnacht ein lebendiges Zeitdokument von Beckers Heimat, der Pfalz.

Im Jahr 1869 zog August Becker mit seiner Familie nach Eisenach. Vielleicht war es das freundschaftliche Verhältnis, das ihn mit dem Großherzog Karl Alexander von Sachsen Weimar und dem Dichter Fritz Reuter in Eisenach verband, was ihn zum Umzug bewog. In den nächsten Jahren schrieb Becker eine Reihe von Erzählungen und Romanen, von denen er aber kaum seine Familie ernähren konnte. Einmal beschloss er noch, in die Pfalz zurückzukehren, seine Wohnungssuche in Landau gab er 1874 jedoch bald wieder auf. Nach seinem Tod am 13. März 1891 wurde Becker in Eisenach begraben.

Sein Verhältnis zur Pfalz war das einer enttäuschten Liebe. Nach seiner letzten Reise in die Pfalz 1874 kam er bis zu seinem Tod nicht mehr hierher zurück. Zu groß war Beckers Enttäuschung, in seiner Heimat so wenig Resonanz erfahren zu haben. In Eisenach wurde er wohl nie richtig heimisch. In seinen letzten Lebensjahren büßte er dort auch die Weitläufigkeit des Münchner Hauptstädters ein. Erst 1930, fast 40 Jahre nach seinem Tod, holten die Pfälzer „ihren“ August Becker in seine Heimat zurück. Damals fand er seine letzte Ruhestätte auf dem Bergfriedhof in Klingenmünster. Seine Bücher sind noch heute vielseitige Quellen für kulturgeschichtlich interessierte Leser und historische wie volkskundliche Untersuchungen.

Jens Stöcker, M.A.