Vor 20 Jahren: Endgültiger Abzug der französischen Truppen aus Landau

Auflösung des 2. französischen Artillerie-Regiments Landau, Landau, 30. April 1999 (Stadtarchiv Landau)

Ein letztes Mal machte der „Paradeplatz“ in Landau am 20. April 1999 seinem Namen alle Ehre. An diesem Tag verabschiedete sich das 2. französische Artillerieregiment als letzte Einheit vom Standort Landau. Fast 1000 Landauer wohnten der feierlichen Parade von Traditionstruppen und einer bewegenden Abschiedszeremonie bei. Am 18. Mai wurde das letzte Regiment in einer internen Zeremonie in der Kaserne aufgelöst und am 1. Juni verließ der letzte Soldat die Stadt. Damit gingen gleich zwei lange Traditionen zu Ende. Zum ersten Mal in der Geschichte waren in Landau keine mehr Soldaten stationiert. Und diese Geschichte war sehr lange!

Festung Landau seit dem Mittelalter

Sehen wir einmal davon ab, dass jede mittelalterliche Stadt immer zugleich eine mehr oder minder starke Festung war, die von Soldaten bewacht, aber auch belagert und gestürmt wurde, so beginnt die eigentliche Festungszeit Landaus schon 1688. In den folgenden drei Jahren baute der französische Festungsbaumeister Vauban eine damals moderne Bastion. Es war allerdings nicht die „stärkste Festung der Christenheit“, wie die Tourismusleute immer wieder behaupteten. Vauban hatte nur geschrieben, sie werde es, wenn sie nach seinen Plänen fertig gebaut würde. Und das wurde sie eben nie. So kam es, dass die Stadt zu Beginn des 18. Jahrhunderts viermal belagert und auch erobert wurde. Bis 1816 dauerte die französische Präsenz in der Festung. Die Soldaten waren nicht abgekapselt, nein, es gab vielerlei Beziehungen zwischen der Bevölkerung und den Militärs. Nur eine Zahl sei genannt: Im 18. Jahrhundert stammten fast zwei Drittel der Geborenen von französischen Soldaten ab. Das war die eine Prägung der Stadt. Die andere war die Festung selbst. Bei ihrem Bau wurde der rechteckige Grundriss der Stadt bewahrt, aber nun schlossen mächtige Mauern die ganze Stadt ein. Nur zwei Zugänge gab es, das Deutsche und das Französische Tor. Die Stadt konnte sich fast 200 Jahre nicht ausdehnen. Nach dem Sturz Napoleons  wurde Landau bayerisch. Auch die Bayern bauten an der Festung weiter. Allerdings nur bis kurz vor Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Weitere Bauten wären sinnlos geworden, denn die Festung war nun veraltet, und vor allem gab es keine Grenze zum Elsass mehr. Erst in den Jahren nach 1880 konnte sich die Stadt vom Festungskorsett befreien. Sie tat es so gründlich, dass nur noch das Fort und die beiden Tore an die französische Vergangenheit erinnerten.

Die neue Rolle als Garnisonsstadt

Aber die Franzosen kehrten wieder zurück: erst 1918 und dann noch einmal  am 13. April 1945. Bis zu 10 000 Soldaten lebten in den nächsten Jahrzehnten zeitweise in der Stadt. Bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1992 hatte die 5. Panzerdivision hier ihren Sitz. Landau war den Franzosen offiziell wichtig – hier saß immerhin der oberste Gerichtshof für alle in Deutschland stationierten Militärangehörigen, aber es entstand im Laufe der Zeit auch eine emotionale Beziehung. Dass der Kinderwagen im Französischen „le landau“ heißt“, trug dazu sicher nicht bei, weil die allermeisten Franzosen diese Verbindung (sie stammt aus dem 18. Jahrhundert) gar nicht kannten. Aber bei den vielen Stadtführungen für Rekruten und Angehörige der Garnison war Gelegenheit, darauf hinzuweisen und von den zehntausenden, die in Landau im Laufe der Zeit stationiert waren, werden sich sicher noch einige bei dem französischen Wort an die deutsche Stadt erinnern. Landau galt den Franzosen als eine der schönsten Garnisonen, wenn nicht die schönste. „Nirgends in Deutschland seien  französische Militärs von der Bevölkerung mit so offenen Armen, mit so viel Freundschaftsbezeugungen empfangen worden wie in Landau. Das sei vor allem das Verdienst der Deutsch-Französischen Gesellschaft“, gab der letzte Kommandant der Presse damals zu Protokoll. Die guten Beziehungen waren aber auch Privatpersonen zu verdanken, die die oft ausgehungerten Rekruten zu Weihnachten einluden, den Winzern, die Soldaten zur Weinlese einluden, den Schulen, die Partnerschaften mit den vor Ort bestehenden französischen Schulen eingingen. Einen Überblick über das Kapitel „Franzosen in Landau“ gab damals das Stadtarchiv mit einer Ausstellung im Französischen Tor, einer Publikation und einem Film. Dem nostalgischen Abschied im April 1999 waren städtische Bemühungen vorausgegangen, die Franzosen zum Bleiben zu bewegen. Dass sie abziehen würden, war schon lange klar. Der Fall der Berliner Mauer und die Wandlung der französischen Wehrpflichtigen- zu einer Berufsarmee hatten schon ab 1996 zu einer einschneidenden Reduzierung der Truppenpräsenz in Deutschland geführt. Übrig blieb von den Garnisonen u. a. Landau. Sowohl der „Neuen Zürcher Zeitung“ als auch der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ war diese Tatsache einen Artikel wert. Sie würdigten damals die Bemühungen der Stadtspitze, die Garnison, eventuell auch als Teil des Eurokorps, in Landau zu erhalten. Vergebens. Die letzte Garnison in Deutschland hieß nicht Landau, sondern Saarburg. Die „Zürcher Zeitung“ interpretierte den Fakt folgendermaßen: „Das mute wie ein persönliches Entgegenkommen gegenüber dem aus der Pfalz stammenden Bundeskanzler Kohl an, meinen die über die Motive dieser Ausnahmeregelung rätselnden Offiziere in Landau.“? Abgesehen von der geographischen Unkenntnis – seit wann liegt Saarburg in der Pfalz? – lag der Journalist völlig falsch. Der Hintergrund war ein zutiefst menschlicher und banaler: Der damalige Oberbürgermeister Dr. Wolff war vorher Referent von Heiner Geißler gewesen, dem nachmaligen Intimfeind von Kohl. Seit dem Zerwürfnis hatte Kohl die Stadt Landau nie mehr offiziell besucht und alles in Paris an Einfluss geltend gemacht, um ein Verbleiben der Franzosen dort zu verhindern. So die eher einleuchtende Erklärung des Oberkommandierenden Generals der französischen Truppen in Deutschland. All dies ist Geschichte. Was sich nach dem Abzug der Truppen unter dem Stichwort „Konversion“ abspielte, ist die nähere Gegenwart und ein eigenes Kapitel wert.

Verabschiedung des 2. französischen Artillerie-Regiments, Rathausplatz Landau, 18. April 1999 (Stadtarchiv Landau)

Die „Konversion“ – ein Mammutprojekt

Es war nicht unbedingt die große Furcht vor einem Kaufkraftverlust durch den Truppenabzug. Dazu hatten die Rekruten zu wenig Geld auszugeben und die Offiziere deckten ihren Bedarf eher in den garnisonseigenen Geschäften oder im nahen Weißenburg. Eher überwog die Unsicherheit, wie mit den riesigen freiwerdenden Flächen und Gebäuden umgegangen werden musste. Keine der französischen Garnisonsstandorte in der Pfalz hatte eine solche Aufgabe zu bewältigen. Die bebauten Flächen (Kasernen, Lager usw.) umfassten rund 100 ha, dazu kamen noch etwa 230 ha unbebautes Gelände (Truppenübungsplatz). In der Dimension und der Auswirkung war dieses Projekt durchaus mit der Entfestigung am Ende des 19. Jahrhunderts zu vergleichen. Damals wuchs die Stadt innerhalb von 20 Jahren um das Doppelte! Ein Jahrhundert später bot sich die zweite und sicher auch letzte Gelegenheit, die Stadt weiterzuentwickeln. Im Gegensatz zu anderen Garnisonsstädten, aus denen alliierte Truppen abzogen, wurde in Landau frühzeitig an einer Gesamtkonzeption gearbeitet. Was ist aus den Plänen geworden? Heute zählt Landau zu den wenigen „Boomstädten“ mit allen Vor- und Nachteilen. Die Innenstadt wurde revitalisiert, die umfassenden Fußgängerzonen haben nicht zu einer Verödung geführt. Die Offiziers- und Unteroffiziersbauten haben sich entgegen vieler Befürchtungen nicht zu sozialen Brennpunkten entwickelt und im Zuge der Landesgartenschau 2015 wurde praktisch ein neuer Stadtteil geschaffen. Freilich hat diese wirtschaftliche Blüte auch zu einer Preisexplosion auf dem Immobilienmarkt geführt – aber dieses Problem hat Landau ja nicht alleine.

Was ist von der französischen Vergangenheit geblieben? Einer, der einen französischen Charakter Landaus zu erkennen glaubte, war der Stadtkommandant nach 1945, Oberst de Gouvello. Als die Landauer Architekten vorschlugen, die Altstadt abzureißen und stattdessen Hochhäuser zu bauen, kommentierte der damalige Oberbürgermeister Forthuber „Schöner Salat!“ und wurde glücklicherweise von de Gouvello unterstützt, der ja letztendlich damals das Sagen hatte. Wie weit Landau diesen Charakter heute noch inne hat, können nur die Besucher der Stadt beurteilen. Es wäre zu wünschen, sie würden auch noch in späterer Zeit gerade deswegen die Stadt gerne besuchen.

Michael Martin

Literatur und Quellen:

  • Michael Martin: Kleine Geschichte der Stadt Landau, Karlsruhe 2006.
  • Michael Martin (Hrsg.): Franzosen in Landau – Landauer in Frankreich, Edenkoben 1999.
  • Fred Raithel/Rolf Übel: 300 Jahre Festung Landau. Landau 1989.