Unter den Franken- und römisch-deutschen Kaisern bis zum Ende des Interregnums

Vom Beginn einer neuen Ära: die merowingischen Franken

Auch wenn Historiker endlos und mit guten Argumenten über die Willkür streiten können, die letzten Endes jeder Art von Periodisierung zugrunde liegt, markieren das Ende Westroms und die Völkerwanderung doch nach überwiegender Einschätzung der Forschung den Übergang von der Spätantike ins Frühmittelalter. Um die Wende zum 6. Jahrhundert breiteten sich die Franken als neue Herrscher der Pfalz rasch aus und gaben sich nicht nur mit einzelnen Flecken wie dem passend benannten „Frankenthal“ („Tal der Franken“) zufrieden. Die Folge waren harte Kämpfe mit den Alemannen als hartnäckigstem Gegner in der Region, welche die Franken im Zuge ihrer Reichsgründung durch den Merowinger Chlodwig I. allerdings für sich entscheiden konnten.

Abb. 1: Chlodwig I., Stahlstich Lexoy 1855 (nach F.L. Dejuinne)
Abb. 1: Chlodwig I., Stahlstich Lexoy 1855 (nach F. L. Dejuinne)

Dessen neues Reich, das er auch noch dem Römer Syagrius und den Westgoten abtrotzen musste, erstreckte sich mit seiner Hauptstadt Paris (noch unter den Römern: Lutetia) bald über weite Teile Galliens und reichte im germanischen Südwesten über den Rhein hinaus bis ins heutige Baden-Württemberg hinein. An der Besiedelung des linken Rheinufers durch alemannische Bauern hat sich allerdings auch unter den Franken wohl nichts Grundlegendes geändert. Eine entscheidende staats- und gesellschaftspolitische Weichenstellung für West- und Mitteleuropa bedeutete der Übertritt König Chlodwigs zum katholischen Christentum nach siegreicher Schlacht gegen die Alemannen. Nach Chlodwigs Tod kam es 511 zur ersten fränkischen Reichsteilung unter seinen Söhnen, das saarpfälzische Gebiet fiel jetzt an das östliche Teilreich Austrasien mit der anfänglichen Haupstadt Reims, regiert von Theuderich I. Reims besaß schon früh eine territoriale Verbindung mit der Nordwestpfalz, denn dessen Bischof Remigius überließen entweder sein Täufling Chlodwig selbst oder einer seiner Nachfolger Ländereien bei Kusel, Altenglan, Konken und Ulmet. Dem Bischof und Heiligen später gewidmet wurde die im frühen 12. Jahrhundert errichtete Propstei respektive Kirche St. Remigius auf dem Remigiusberg bei Haschbach im heutigen Landkreis Kusel.[1]

Bei der für den Aufbau eines stabilen Reichs unabdingbaren weltlichen und kirchlichen Administration verfuhren die mittlerweile christianisierten Franken nach dem Motto „Warum ein funktionierendes System ändern?“ und übernahmen mehr oder weniger nahtlos die bekannten Strukturen der Römer.

Abb. 2: Die fränkischen Gaue vom 8. bis zum 11. Jahrhundert, nach: Wilhelm Winkler (Hg.): Pfälzischer Geschichtsatlas, Neustadt 1935 (Karte 6, Elke Schmidt)
Abb. 2: Die fränkischen Gaue vom 8. bis zum 11. Jahrhundert, nach: Wilhelm Winkler (Hg.): Pfälzischer Geschichtsatlas, Neustadt 1935 (Karte 6, Elke Schmidt)

 

Abb. 3: Die Bistümer der Pfalz im Mittelalter, in: Wilhelm Winkler (Hg.): Pfälzischer Geschichtsatlas, Neustadt 1935 (Karte 19)
Abb. 3: Die Bistümer der Pfalz im Mittelalter, in: Wilhelm Winkler (Hg.): Pfälzischer Geschichtsatlas, Neustadt 1935 (Karte 19)

Die Verwaltungseinheit der Gaue erfuhr insofern eine geographische Ausdehnung als sie nun weitgehend den ehemaligen civitates entsprach:  auf die heutigen Regionsgrenzen der Pfalz übertragen lag im Nordwesten der Nahegau, ihm südöstlich benachbart der Wormsgau, welcher sich vom Rhein ausgehend in einem schmaleren Streifen Landes bis in die Gegend von Kaiserslautern schlängelte, dann der Speyergau  den Großteil der Süd- bzw. Vorderpfalz, aber auch einen kleinen Teil des Elsass abdeckend und schließlich der westlich gelegene Bliesgau, der vom Raum Zweibrücken bis ins Saargebiet reichte. Auch die kirchlichen Diözesen führten die römische Tradition der Kirchenverwaltung fort. Territorial waren sie teilweise deckungsgleich mit den Gaugrenzen, mit dem Unterschied, dass sich die Bistümer Speyer und Worms noch bis auf rechtsrheinisches Areal, erstreckten. Das Nordpfälzer Bergland gehörte bis in die Kaiserslauterer Senke zum Erzbistum Mainz, der Bliesgau zur Diözese Metz. An dieser geistlichen Grenzziehung sollte sich bis Anfang des 19. Jahrhunderts nichts Grundsätzliches mehr ändern.

Es lässt sich davon ausgehen, dass das Verhältnis der Franken zur neuen christlichen Religion noch lange von dem pragmatischen Nützlichkeitsdenken germanischer Denkweise geprägt war (à la: Was bringt mir ein/mein Gott und wie stark ist er?). Nach der endgültigen Verinnerlichung des neuen Glaubens kam es aber zu zahlreichen Klostergründungen im 7. und 8. Jahrhundert. Zu den prominentesten gehören sicherlich Weißenburg im heutigen Elsass, gestiftet vom Speyerer Bischof Dragobod, mit links- wie rechtsrheinischen Besitzungen, Klingenmünster (um 700) auf Initiative des Mainzer Bischofs und Kloster Hornbach, vor 742 finanziert vom Widonengrafen Werner (Warnharius) und geprägt vom Heiligen Pirminius, von dem sich der Stadtname Pirmasens ableitet.

Abb. 4: Klosterbezirk Hornbach von Nordwesten (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Foto: Manfred Czerwinski)
Abb. 4: Klosterbezirk Hornbach von Nordwesten (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Foto: Manfred Czerwinski)

Doch bei weitem nicht nur Heilige fungierten als Namenspatrone. Ein Echo der merowingischen Besiedelungspolitik in der Pfalz, die zwar fränkisch überwacht wurde, aber auch unzählige Siedler anderer germanischer Stämme anzog, sind die auf –heim oder –stadt endenen Ortsnamen. Sie geben in der Übersetzung „Heim/Stätte des …“ in der Regel den Namen eines ursprünglichen Ortsgründers, Land- und Hofbesitzers wieder. Beispiele sind Asselheim (Asso), Sausenheim (Suso), Bockenheim (Buco), Grünstadt (Grimdeo – Urform: Grimdeo-stat) – der Name Dürkheims (Turincheim im 8., Thuringeheim im 10. Jh.) deutet auf einen Angehörigen des Thüringer-Stammes hin. Greifbare und seltene Überreste des damaligen Lebens stellen Waffen, Schmuck und Tongeschirr dar, die man als Beigaben in fränkischen Gräbern gefunden hat – so z.B. 1903 in der Grünstadter Gewanne „Schleit“.[2]

Während der fränkischen Zeit entwickelten sich die weltlichen wie geistlichen Grundstrukturen und Konfliktlinien mittelalterlicher Herrschaft, wie sie auch, unbenommen von Detailveränderungen, für das spätere Deutsche Reich charakteristisch sein sollten. Das Königtum war anfangs prinzipiell noch erblich legitimiert. Allerdings existierten bei der Thronbesteigung eines neuen Herrschers parallel dazu bereits Elemente der Wahl wie die feierliche Akklamation durch die Fürsten und das versammelte Volk. Während das Volk allerdings schnell an Einfluss verlor, wuchs in der Zukunft die Rolle der fürstlichen Wähler. Zur Festigung seiner Macht musste sich der König einerseits die Unterstützung von Aristokratie und Kirche zu sichern, diese andererseits aber auch kontrollieren. Er begriff sich nicht nur als Schirmherr der Kirche (später als das sogen. „Reichskirchensystem“ charakterisiert), er besaß als „Königsgut“ zunächst auch die größten Ländereien, mit allen Privilegien der Rechtsprechung, Verwaltung und wirtschaftlichen Nutzung. Diese Privilegien übertrug er, in abgestufter Form und unter Wahrung der formellen Oberhoheit, durch die Verleihung von Land (Lehen, lat. feudum, beneficium) an seine Vasallen, sprich den waffentragenden Adel, jener schwor ihm im Gegenzug Loyalität, Waffenhilfe und Gehorsam, und den Klerus. Ab einem gewissen Zeitpunkt wurden Lehen dann erblich und konnten durch den ursprünglichen Lehenshalter (bspw. vom Hoch- zum Niederadel) weiterverliehen werden. Einfache Untertanen, vornehmlich Bauern, gingen des Rechts auf Besitz oder wenigstens autonome Nutzung von Land schnell verlustig, die Erteilung von Jagd- und Fischerei- oder Holzrechten in Wald und Flur hing letztlich alleine von der Erlaubnis des Königs oder  Grundherren ab. Ein Beispiel für dieses System gaben die sich vom Elsass in die Pfalz ziehenden, ausgedehnten Waldungen der Haingeraiden ab, welche den Menschen von royaler Seite zur genossenschaftlichen Nutzung freigegeben wurden. Politisch geriet die einfache Landbevölkerung im Prozess der Ständebildung und Feudalisierung gegenüber Adel und Kirche immer mehr ins Hintertreffen. Hörige oder Unfreie mussten ihren Grundherren Abgaben entrichten und Frondienste leisten, sie durften nicht ohne Erlaubnis heiraten oder von der Scholle, welche sie bewirtschafteten, wegziehen. Im Gegenzug verpflichtete sich der Grundherr dazu, seine Untergebenen zu verteidigen, sie unter seinen „Schutz und Schirm“ zu nehmen. Unter den Frankenkönigen konnte „Unfreiheit“, die häufig aus Schuldknechtschaft resultierte, sogar bedeuten, dass der Herr jederzeit das Recht besaß, seine Leibeigenen zu verkaufen womit die Schwelle zur Sklaverei, wie sie das Alte Rom kannte, endgültig überschritten war.[3] Das besonders für das mittelalterliche Deutschland charakteristische Konzept des Reisekönigtums nahm seinen Ursprung bereits im fränkischen Reich: Der Monarch hielt sich nicht permanent in einer festgelegten Hauptstadt auf, sondern reiste mit seinem Hofstaat von Residenz zu Residenz, um im Land nach dem Rechten zu sehen, politische Präsenz zu zeigen und sich einen Überblick zu verschaffen. Diese befestigten Herrschersitze, um die herum auch Städte wachsen konnten, wurden Pfalzen genannt (zum Begriff „Pfalz“ vgl. den entsprechenden Artikel).

 

Von der karolingischen Epoche und dem Chaos der Reichsteilungen

Ab dem späten 7. Jahrhundert setzte sich das aufsteigende Geschlecht der Karolinger auf Kosten der alten merowingischen Dynastie immer besser diplomatisch und militärisch in Szene. Hatte Karl Martell trotz seiner Regierungstätigkeit formal lediglich das Hofamt eines Hausmeiers inne, erlangte Pippin schließlich 751 als erster seiner Sippe die Krone aller Franken. Seinen Höhepunkt erreichte die Macht der Karolinger aber mit dem Imperium, das Pippins Sohn Karl der Große errichtete. Rheinhessen und die Saarpfalz lagen nun im Herzen eines Reiches, das mit Karls Kaiserkrönung 800 endgültig die geistige und kulturelle Nachfolge Roms für sich beanspruchte und sich ausgehend von den Pyrenäen über ganz Frankreich, die Benelux-Staaten, ganz Deutschland bis hin nach Böhmen und Ungarn sowie die obere Hälfte Italiens erstreckte. Unter Karls Pfalzen nahm das prächtig ausgebaute Aachen den ersten Rang ein, er machte aber auch in Mainz, häufiger noch in Worms und Ingelheim Station, wo er diverse Hoftage abhielt. Zu den kaiserlichen Vasallen zählte in der Südpfalz auch der Clan der Etichonen[4] Doch die unter Karl dem Großen noch herrschende Stabilität begann bereits während der Regentschaft seines Sohns und Nachfolgers Ludwigs des Frommen zu bröckeln. Dessen Söhne aus erster Ehe Lothar I. und Ludwig der Deutsche – stritten mit dem in zweiter Ehe geborenen Karl dem Kahlen und ihrem kaiserlichen Vater um das territoriale Erbe. Die Folge: jahrzehntelanger Bürgerkrieg und nach dessen weitgehendem Abflauen gleich drei Teilungen des Riesenreiches von 843 bis 880. Am Ende hatten sich mit dem West- und Ostfrankenreich sowie dem Königreich Italien die Ururahnen der heutigen Nationalstaaten Frankreich, Deutschland und Italien etabliert. Der Pfälzer Raum mit seinen linksrheinischen Städten unter den Römern noch ein nach Osten weisendes Grenzland, wurde nun geostrategisch nach Westen „umgepolt“. Zunächst gehörten Nahe-, Worms- und Speyergau zum Ostreich Ludwigs des Deutschen während der Bliesgau dem Mittelreich Lothars I. zugeschlagen worden war. Mit dessen erneuter Aufteilung lag unsere Region dann allerdings Ende des 9. Jahrhunderts vollständig im ostfränkischen Reich. Bis dahin mussten ihre Bewohner ob der Truppendurchzüge, Kampfhandlungen, wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit zweifellos so manches Martyrium durchstehen. Dazu kamen die „üblichen“ internen Zwistigkeiten der Adelsfamilien untereinander oder mit der Kirche, wie bei den Widonen der Fall. Wenn auch nicht hundertprozentig sicher, spricht doch einiges, u. a. eine spätere Aussage Kaisers Heinrichs IV. über seine Vorfahren, dafür, in dieser Dynastie, die Vorläufer der Salier zu sehen. Die Widonen suchten sich auf Kosten des Erzbistums Reims im Remigiusland Güter und somit Erträge, Abgaben, Operationsgebiete kurz, Macht zu verschaffen. Ebenso stritten sie sich mit dem Speyerer Bischof Einhard über Zollrechte. Dabei wurde Einhard von Graf Werner geblendet für jene Zeit umso drastischeres Vergehen gegen einen christlichen Würdenträger, für das der König als Strafe auch eine Kompensation zugunsten des Bistums verhängte.

Kaum dass im späten 9. Jahrhundert die inneren Streitigkeiten der Frankenkönige beigelegt waren, hatten sich ihre Reiche mit bekannten und unbekannten Feinden herumzuschlagen, die ihre Grenzen bedrohten: den Normannen, den Sarazenen und, besonders das Ostfränkische Reich bedrohend, den Ungarn. Keiner dieser Invasoren schaffte es zwar bis in die Pfalz, aber die von ihnen ausgelöste strategische und ökonomische Bedrohung führte zu einem Sterben auch hiesiger Unterabteien, wie es wahrscheinlich dem Kloster Prüm unterstehenden Altrip widerfuhr. Und da solche Abteien mit ihrer kulturellen Ausstrahlung, ihren Kapitalanlagen und Ländereien eine gewichtige Wirtschaftskraft besaßen, kam es, modern ausgedrückt,  zu negativen lokalen Markteffekten.[5]

 

Vom Aufstieg der Salier und der Frühphase des Heiligen Römischen Reiches

Ursprünglich an der Mosel beheimatet, profitierte das Aristokratengeschlecht der Salier von der merowingischen Landvergabepolitik an Nahe und Rhein und fasste dort immer besser Fuß. In der ab 936 währenden Herrschaft König, später Kaiser Ottos des Großen in der sich der kulturelle und gesellschaftspolitische Transformationsprozess vom fränkischen zum Heiligen Römischen Reich (ab dem 11. Jh. auch Regnum Teutonicum = Deutsches Reich, ab dem 15. Jh. mit dem Zusatz „deutscher Nation“) fortsetzte – brachte sich besonders ein Salier staatspolitisch in Stellung: Graf Konrad der Rote, über Güter im Nahe-, Worms- und Speyergau verfügend, Rivale des Mainzer Erzbischofs und Herzog von Lothringen, der nach seiner Heirat mit der Königstochter Liutgard rasch in den Kreis der Großen des Reiches aufgestiegen war. Seine Entscheidung, sich an der niedergeschlagenen Rebellion von Ottos Sohn Liudolf zu beteiligen brachte ihm allerdings, trotz einer späteren Versöhnung mit dem König, den Verlust Lothringens ein. Konrad starb im Kampf gegen die Ungarn bei der letztlich siegreichen Schlacht auf dem Lechfeld, die für das Fortbestehen des Reiches entscheidend war und heute als ein möglicher Anfangspunkt der deutschen Geschichte diskutiert wird.

Konrads Sohn, Otto von Kärnten, Jugendfreund des gleichnamigen Thronfolgers schlug den riskanten Pfad des Vaters nicht ein, sondern blieb dem liudolfingischen Königshaus stets treu verbunden. Er kommandierte die kaiserlichen Truppen im Kampf gegen die aufständischen Stammesherzogtümer Bayern und Böhmen und erbte die oberrheinischen Besitzungen. Als Entschädigung für seine vorübergehende, diplomatisch bedingte Aufgabe des Herzogtums Kärnten sprach ihm Kaiser Otto II. noch den Wasgenwald bei Lautern und vormalige Ländereien des Klosters Weißenburg zu. Auch diese Entscheidung erinnert einmal mehr an das Spannungsverhältnis des Adels zur Kirche und ihren Abteien: Er war politischer Konkurrent, doch gleichzeitig auch Verbündeter und Förderer; so machte sich Otto von Kärnten auch als Mäzen Kloster Hornbachs und 987 als Gründer des Benediktinerklosters St. Lambrecht einen Namen. Dazu gilt es zu bedenken, dass auch (Erz-)Bischöfe selbst den Rang eines Fürsten bekleideten, in ihren Hochstiften die Regierungsgewalt innehatten, im späteren Kurfürstenkolleg saßen  in Konsequenz harte weltliche Politik betrieben.

Abb. 5: Limburg, Klosterkirche und spätgotische Klausur von Norden (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Foto: Manfred Czerwinski)
Abb. 5: Limburg, Klosterkirche und spätgotische Klausur von Norden (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Foto: Manfred Czerwinski)

Unter den Ottonen, deren Herrschaftsschwerpunkt in Sachsen lag die Pfalz besuchten sie nur spärlich gelang es den Saliern also, ihre Herrschaften im Linksrheinischen auszubauen.[6] Anfang des 11. Jahrhunderts schlug dann ihre Stunde. Nach dem Tod des letzten Liudolfingerkaisers Heinrichs II., der ohne Erben geblieben war, wählten 1024 die versammelten Fürsten bei Oppenheim als dessen Nachfolger den Salier Konrad II. zum König. Ein solches Vorgehen angesichts des Erlöschens der Erblinie war „verfassungsrechtlich“ geboten und sicherlich kein Präzedenzfall. Unabhängig davon bedeutete es aber sowohl in der politischen Praxis als auch Theorie eine weitere Aufwertung der Königswahl, die im Bewusstsein der deutschen Fürsten dem dynastischen Prinzip immer stärker den Rang ablief. Der neue Regent Konrad machte sich umgehend daran, dem pfälzischen Raum seinen Stempel aufzudrücken. So siedelte er in der ehemaligen Salierburg Limburg bei Dürkheim ein Benediktinerkloster an und ließ die Anlage in großem Stil ausbauen.  Allen voran aber, gab er den Neubau des Speyerer Doms in Auftrag, der erst bei Regierungsantritt des letzten Saliers Heinrichs V. 1111 vollendet wurde. In diesem Jahr erhielt die Stadt Speyer dazu noch die Reichsunmittelbarkeit verliehen, was bedeutete, dass sie einzig der Jurisdiktion des Kaisers unterstand. Der Dom schon seinerzeit eine der größten romanischen Kirchen Europas, heute die größte der Welt wurde zur Grablege der salischen Kaiser, aber auch Staufer und Rudolf von Habsburg fanden in seiner Krypta ihre letzte Ruhe.

Abb. 6: Grabkrone Konrads II. (Domschatzkammer des Historischen Museums der Pfalz Speyer, Foto: Kurt Diehl, Peter Haag-Kirchner)
Abb. 6: Grabkrone Konrads II. (Domschatzkammer des Historischen Museums der Pfalz Speyer, Foto: Kurt Diehl, Peter Haag-Kirchner)

Die alte Römer- und Bistumsstadt Speyer, bislang vor allem für ihre Domschule bekannt, wertete das Mammutprojekt selbstredend kulturell und wirtschaftlich enorm auf. Von Konrad II. über Heinrich III. und Heinrich IV. erwiesen die Salier ihren Bischöfen so manche Gunst, sowohl was Schenkungen (z.B. Kloster Limburg durch Konrad II., St. Lambrecht durch Heinrich IV.) als auch die Einrichtung von urbanen Stiften anging. Außerdem machten die drei Heinriche (III. bis V.) Speyer zu einem ihre bevorzugten Hoftags- und Residenzorte. Die von zeitgenössischen Chronisten als „Metropolis Germaniae“ gefeierte Stadt, steht dabei symbolisch für den Aufschwung, welche der rheinhessisch-pfälzische Raum im 11. Jahrhundert erlebte. Er entwickelte sich jetzt mit seinen Burgen und Klöstern unweigerlich zu einer politischen Kernlandschaft des alten Reiches – ein Trend, der auch unter der Nachfolgedynastie der Staufer anhalten sollte. In der Pfalz sollten sich z. B. zwei zentrale Episoden des Investiturstreits abspielen. Jener fundamentale Konflikt zwischen römisch-deutschem Kaisertum (regnum) und (Reform-)Papsttum (sacerdotium), kreiste keineswegs nur um das vordergründig Recht Bischöfe einsetzen,  tatsächlich stand dahinter die fundamentale Frage, wer in der christlichen Gesellschaft am Ende die höchste geistlich-politische Instanz verkörperte. Der Streit löste eine jahrzehntelange Reichskrise mit verheerenden Bürgerkriegsepisoden aus, in denen Gegenkönige den jeweiligen Thronhalter herausfordern sollten. 1076 stellten in Oppenheim die mit ihm noch verbündeten Fürsten dem exkommunizierten König Heinrich IV. ein Ultimatum. Entweder schaffe er es innerhalb eines Jahres die Aufhebung des Kirchenbannes zu erreichen oder sie würden ihm die Gefolgschaft verweigern. 1122 setzte das in Worms geschlossene Konkordat dann einen vorläufigen Schlusspunkt unter den Streit der Reichskrone mit Rom.[7]

Abb. 7: Luftbild Speyerer Dom (Foto: Kai Scherrer 2010; https://de.wikipedia.org/wiki/Speyerer_Dom – Stand: 13. 2. 2017)
Abb. 7: Luftbild Speyerer Dom (Foto: Kai Scherrer 2010; https://de.wikipedia.org/wiki/Speyerer_Dom – Stand: 13. 2. 2017)

 

Von den Pfalzgrafen bei Rhein und den Staufern

Heinrich IV. verlieh dem ab 1085 regierenden Heinrich von Laach den Pfalzgrafentitel. Das ist insofern erwähnenswert, als dass von Laach zwar keineswegs der erste seiner Art war, ganz im Gegenteil, aber doch der erste, der sich in den mittelalterlichen Quellen comes palatinus Rheni, „Pfalzgraf bei Rhein“ nennen sollte. Die Pfalzgrafen fungierten unter den Frankenherrschern zunächst als Vorsteher der Königspfalz, Hofrichter und Stellvertreter des Monarchen, und waren dann im ostfränkischen und Deutschen Reich in einzelnen Stammesherzogtümern eingesetzt (z. B. Bayern oder Schwaben). Die Vorläufer der später rheinischen Pfalzgrafschaft stammten nicht aus der heutigen Pfalz, sondern aus dem Raum Aachen und Köln, welcher damals noch zum fränkischen Herzogtum Lothringen gehörte (das geographisch weit ausgedehnter war als die moderne französische Region und sich u.a. noch bis in den Trierer Raum erstreckte). Von dort aus wanderte ihr Herrschaftsbereich seit dem 10. Jahrhundert immer weiter nach Süden bis in den Moselraum, unter dem Pfalzgrafen Hermann von Stahleck verlagerte er sich im 12. Jahrhundert schließlich nach Bacharach, ins Remigiusland und die Nahegegend.

Für Hermann bedeutete viel Feind, viel Ehr er kämpfte um teils verlorengegangene Territorien mit dem Erzbischof von Trier, wenig später mit den Grafen von Katzenelnbogen, Leiningen und Sponheim, nicht zu vergessen dem Erzbischof von Mainz. Für letztere Fehde verurteilte ihn der aus Italien zurückgekehrte Kaiser Friedrich I. Barbarossa zusammen mit anderen Beteiligten als Friedensbrecher, was eine öffentliche Demütigung in Form des „Hundetragens“ (Anlegen eines Schandkragens) zur Konsequenz hatte. Alles andere als zufrieden mit der Politik Hermanns, übertrug Barbarossa nach dessen Ableben 1156 die Pfalzgrafenwürde seinem Halbruder Konrad von Staufen und erhob gleichzeitig die „rheinische Pfalzgrafschaft“ in den Rang eines Reichsfürstentums. Jetzt war ein vormals Territorien übergreifender Hofrang erstmals mit einer geographisch klar zugeordneten Herrschaft verknüpft worden. Konrad schaffte es,  seine Besitzungen und Rechte auch rechts des Rheins nach Süden zu erweitern, zu ihnen gehörten neben Bacharach Alzey samt Burg, die Vogtei über das Hochstift Worms und das Kloster Lorsch sowie Neustadt an der Weinstraße. Außerdem gründete die spätere kurfürstliche Residenzstadt Heidelberg. Um 1200 gehörte der Pfalzgraf bei Rhein bereits zum mächtigsten Zirkel der Reichsfürsten: dem siebenköpfigen Kurfürstenkolleg, welches den römisch-deutschen König wählte. Nach den drei geistlichen Kurfürsten bezeichnet ihn der Sachsenspiegel sogar als ersten unter den weltlichen Fürsten. Er übte das Erztruchsessenamt aus und vertrat als Reichsverweser den König in dessen Abwesenheit oder während einer Thronvakanz.[8]

Mittlerweile bewegen wir uns längst in der Ära der Staufer. Nachdem diese sich mit dem einzigen König seines Geschlechts, Lothar III. von Supplinburg, hartnäckige Kämpfe geliefert hatten, in denen es maßgeblich um die Kontrolle über Speyer und seinen Bischofsstuhl ging, ergriff das Geschlecht 1138 mit der Königswahl Konrads III. die Gelegenheit, das Land, ähnlich wie die Salier, nach seinen Wünschen zu formen. Die Staufer verdichteten das ohnehin schon bestehende Sicherheitsnetz aus Burgen und weiteten es bis in die Westpfalz aus. Barbarossa errichtete in Haguenau und dem zu seinen Ehren umbenannten „Kaiserslautern“ Königspfalzen mit allem, was dazu gehörte: einer Prämonstratenserabtei, einem Spital und einer Burg, an deren freigelegten und sanierten Überresten unterhalb des Kaiserslauterer Rathauses heute täglich hunderte Menschen vorbeiflanieren. Gemessen an dem baulichen Aufwand, den er in der Lauterstadt betrieb, nehmen sich die sechs Besuche Rotbarts jedoch bescheiden aus, vergleicht man sie mit Speyers zweistelligen Besuchszahlen der salischen Heinriche ein Jahrhundert zuvor.

Abb. 8: Burg Trifels bei Annweiler (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde)
Abb. 8: Burg Trifels bei Annweiler (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde)

Zum von der Nachwelt auch politisch instrumentalisierten Sagenobjekt wie Symbol für die Stauferherrschaft schlechthin avancierte die Burg Trifels oberhalb Annweilers, die in ihrer Hochphase als Verwahrungsort der Reichsinsignien und Staatsgefängnis in der Tat reichsweite Bedeutung erlangte. Allerdings sind lediglich zwei Aufenthalte Barbarossas dort belegt. Der prominenteste Inhaftierte der Reichsburg war zweifellos der von Heinrich VI. festgesetzte englische König Richard Löwenherz, der in ihrer Zelle von 1191 bis 1197 auf seine Auslösung wartete. In direkter Verbindung mit dem Trifels stand das unter Barbarossas Schutz genommene Kloster Eußerthal, dessen Zisterziensermönche die seelsorgerische Betreuung der Burg und auch Annweilers übernahmen, das ab 1219 Stadtrechte führte. Außerdem warfen sie stets ein wachsames Auge auf die Reichsinsignien. Abstieg und Ende der Stauferdynastie und der 1298 erfolgte endgültige Abtransport der Kleinodien markierten auch das Ende der Hochzeit der Burg, die in den folgenden Jahrhunderten stetig verfiel und am Ende gar als Steinbruch herhalten musste.[9]

Abb. 9: Klosterareal Eußerthal von Nordosten (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Foto: Manfred Czwerwinski)
Abb. 9: Klosterareal Eußerthal von Nordosten (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde, Foto: Manfred Czwerwinski)

 

Von der „Ankunft“ des Hauses Wittelsbach und anderen Pfälzer Geschlechtern

Ein Ereignis, das für die pfälzische Geschichte in seiner Tragweite gar nicht überschätzt werden kann, war die 1214 erfolgte Belehnung des bayerischen Hauses Wittelsbach mit der Pfalzgrafschaft bei Rhein per Dekret des Stauferkaiser Friedrichs II. Durch die Heirat von Agnes, Tochter Pfalzgraf Heinrichs V., mit Herzog Otto II. von Wittelsbach wurde der Grundstein für eine territoriale Verbindung zwischen der Pfalz und Bayern gelegt, die mit all ihren Höhen, Tiefen und zwei zeitlichen Unterbrechungen letztlich bis 1945 andauern würde. Auch die Wappen kombinierte man: Die Bayern übernahmen den pfälzisch-staufischen Löwen der Pfalz, die Kurpfälzer die weißblauen Rauten oder Wecken der Wittelsbacher, welche auf die Grafen von Bogen, ein ausgestorbenes Geschlecht aus Ostbayern, zurückgehen.[10]

Abb. 10: Wappen der Kurpfalz in der Neustadter Stiftskirche 1420 (Foto: Joachim Specht, https://de.wikipedia.org/wiki/Kurpfalz#/media/File:Wappen_Kurpfalz_Ludwig_III..jpg)
Abb. 10: Wappen der Kurpfalz in der Neustadter Stiftskirche 1420 (Foto: Joachim Specht; https://de.wikipedia.org/wiki/Kurpfalz – Stand: 13.2.2017)

Aus der dynastischen Liaison erwuchsen aber auch Konkurrenzdenken und mancherlei Kompetenzfragen die drängendste davon lautete, ob die bayerische Linie der Wittelsbacher ab jetzt das Kurrecht der rheinischen teilen, sprich im Kolleg eine eigene Kurstimme bekommen sollte. Bereits aus dem vorangegangenen Kontext ersichtlich, muss an dieser Stelle abseits der Königshäuser noch einmal explizit auf die früh- und hochmittelalterliche Herrschaftstopographie im Alten Reich generell und dem pfälzischen Landstrich speziell eingegangen werden. Bei dieser Topographie handelte es sich nicht um die eines zentralisierten, räumlich geschlossenen Herrschaftsverbands. Im Gegenteil vereinte das mit einer vergleichsweise schwachen Zentralgewalt ausgestattete Reich unter seinem Schirm eine Vielzahl weltlicher und geistlicher Herrschaften sowie freier Städte. Deren Landesherren hatten gegenüber dem König seit den Tagen der Franken stetig an Einfluss gewonnen und behaupteten spätestens im 13. Jahrhundert den Status souveräner Landesherren, ein Prozess, der als Territorialisierung bezeichnet wird. Beim Blick auf die historische Karte bildet die Gesamtheit der Territorien den oft zitierten „Flickenteppich“ des Heiligen Römischen Reiches, der sich entsprechend auch auf der Fläche der Pfalz zeigt. Der bereits in der Salierzeit angelegte und unter den Staufern beschleunigte soziale Aufstieg der Ministerialität gebar neue, tendenziell kleinere Herrschaften und vertiefte den sozialen Gegensatz zwischen Hoch- und Niederadel. Unter Ministerialen verstand man ursprünglich unfreie königliche Amtsträger, welche zu Ritterstand, Land- und Burgenbesitz gekommen waren, wie die von Bolanden, Dirmstein oder Scharfenberg.[11] Die fragmentierte Grundstruktur des Alten Reichs hatte, ungeachtet so mancher deutlicher Flurbereinigung, etwa durch das frühneuzeitliche Eingehen der grundbesitzenden Ritterschaft oder die religionspolitischen Umwälzungen der Reformation, letztlich bis zur Französischen Revolution Bestand. Alle regionalen Adelsfamilien mitsamt ihren Ländereien aufzulisten, würde den hiesigen Rahmen deutlich sprengen, weshalb nur die bis um 1300 wichtigsten angesprochen werden.

Abb. 11: Wappen der älteren Leininger Grafenlinie (Fränkische Wappenrolle; https://de.wikipedia.org/wiki/Leiningen_(Adelsgeschlecht)#/media/File:Leiningen-Wappen2.png – Stand: 13. 12. 2016)
Abb. 11: Wappen der älteren Leininger Grafenlinie (Fränkische Wappenrolle; https://de.wikipedia.org/wiki/Leiningen_(Adelsgeschlecht) – Stand: 13.2.2017)

Die  frühen Stadien der Pfalzgrafschaft bei Rhein bzw. Kurpfalz als politisch wichtigstes pfälzisches Territorium wurden bereits skizziert. Hohes Prestige und einen soliden Stand hatten sich aber gleichfalls die Grafen von Leiningen erworben. Ursprünglich mit einiger Wahrscheinlichkeit von der im Nahegau des 11. Jahrhunderts ansässigen Emichonen-Familie abstammend, versuchten sie sich zunächst im Wormsgau eine Basis zu schaffen, orientierten sich dann, als dieses Vorhaben scheiterte, aber nach Süden. Galt in der Historiographie als erster Leininger Graf lange der berüchtigte Kreuzfahrer Emicho, der 1096 Rädelsführer bei den lokalen Judenverfolgungen (u. a. in Mainz) war, konnte mittlerweile nachgewiesen werden, dass es sich bei jenem Zeitgenosse tatsächlich um einen Grafen aus dem Nahegau gehandelt haben muss. Die Leininger verfügten neben einem einträglichen Geleitrecht für die Straße Richtung Kaiserslautern sowie der Schirmschaft über das Kloster Limburg dem sie auf dessen eigenem Land ungefragt die Hardenburg vor die Nase bauten über Land in Alzey, Oppenheim, Dürkheim und das Amt Landeck. Graf Emich IV. von Leiningen war überdies der Gründer der späteren Stadt Landau. Ab dem 14. Jahrhundert spaltet sich der Stammbaum des Geschlechts auf.[12]

Die im Saarbrücker Raum angesiedelte Grafschaft von Zweibrücken legte den Grundstein für das spätere Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, das zusammen mit der Kurpfalz zum einflussreichsten und prägendsten Territorium im Pfälzischen in Spätmittelalter und früher Neuzeit werden sollte. Ab 1150 in Zweibrücken residierend, hatten die Grafen nicht nur die Vogteirechte über das Hochstift Worms, über Kloster Lambrecht und Hornbach, dazu Güter in der Gegend von Frankenthal, Worms, aber auch Bergzabern erworben. Angehörige des Geschlechts nahmen auch zweimal auf dem Mainzer Erzbischofsstuhl Platz. Im 14. Jahrhundert hatten die Zweibrücker allerdings merklich an politischem Einfluss und Prestige verloren und da der letzte Graf kinderlos blieb, ging sein Territorium 1394 gemäß Kaufvertrag an die Kurpfalz.[13] 

Abb. 12: Wappen der Grafschaft Veldenz bis 1444 (https://de.wikipedia.org/wiki/Veldenzer_L%C3%B6we#/media/File:Wappen_Grafschaft_Veldenz.svg – Stand: 13. 12. 2016)
Abb. 12: Wappen der Grafschaft Veldenz bis 1444 (https://de.wikipedia.org/wiki/Veldenzer_L%C3%B6we – Stand: 14.2.2017)

Die mysteriösen Emichonen aus dem Nahegau waren aber wohl nicht nur für die Leininger die Urahnen, sondern begründeten letztlich nicht weniger als drei Geschlechter: die Wild- und Raugrafen sowie das wesentlich bedeutendere Haus Veldenz. Die Wildgrafen lenkten ihre Geschäfte um 1100 von der Kyrburg bei Kirn aus, ihr Einflussbereich erstreckte sich bis zur Nahe und nach Rheinhessen hinein. Wie später auch die bei Kreuznach aufschlagenden Raugrafen, spalteten sich die Veldenzer 1134 als Familienzweig von den Wildgrafen ab. Ihre Stammburg Schloss Veldenz und der gleichnamige Ort liegen als Lehen des Bistums Verdun zwar an der Mosel, allerdings geboten sie auch über Ländereien an der Nahe und in der Kuseler Gegend hier die Herrschaft Lauterecken, die sie ebenfalls Verdun verdankten, Meisenheim am Glan, ein Lehen des Erzbistums Mainz, und, als Lehen von Reims, die bei Thallichtenberg gelegene Burg Lichtenberg, mutmaßlich um 1200 errichtet die größte Burgruine der Pfalz und eine der längsten Deutschlands. Die anfängliche Baukontroverse um die im Volksmund „Lichtenburg“ genannte Anlage ist mit der der Hardenburg identisch: Wie die Leininger auf dem Land Kloster Limburgs, bauten auch die Veldenzer ihre Burg widerrechtlich auf Grund, welcher dem Benediktinerkloster St. Remigius gehörte. Entsprechend gab Kaiser Friedrich II. persönlich einer Klage des Abts statt und befahl den Abriss der Burg passiert ist, wie heute noch zu besichtigen, nichts. Schließlich band sich das Grafenhaus 1409 durch die Heirat zwischen Anna von Veldenz und Stephan von Zweibrücken an das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, das nach dem Tod Annas die Veldenzer Besitzungen erbte.[14]

Abb. 13: Burg Lichtenberg von Osten (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde; Foto: Manfred Czwerwinski)
Abb. 13: Burg Lichtenberg von Osten (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde; Foto: Manfred Czwerwinski)

 

Abb. 14: Hardenburg von Nordosten (Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde; Foto: Manfred Czwerwinski)

 

Von den politischen Umbrüchen bis zum Ende des Interregnums

Das 13. Jahrhundert markierte eine turbulente Zeit für den Pfälzer Raum. Zunächst versetzte in den 1230ern die Inquisition die Bürger der rheinischen Städte (u.a. in Worms) in Angst und Schrecken. Zwei ihrer berüchtigtsten Vertreter waren Konrad von Marburg und der Prämonstratensermönch Konrad Corbo, die ihr Blatt allerdings derart überreizten, dass sie später beide von einem wütenden Mob gelyncht wurden. Corbo war laut eigener Aussage bereit, hundert Unschuldige brennen zu sehen, wenn man auf diese Weise nur einen einzigen Ketzer erwischen würde. Auch an der staatspolitischen Front rumorte es: Auf die Exkommunikation und den Tod Kaiser Friedrichs II. folgte 1250 der rapide Niedergang der Stauferdynastie, den auch Friedrichs Nachfolger König Konrad IV. nicht mehr aufzuhalten vermochte. Im Reich brach nun das sogenannte Interregnum an (die „Zwischenherrschaft“, auch „kaiserlose Zeit“ genannt), eine Phase, welche von gewaltsamen Machtkämpfen, Anarchie und Thronstreitigkeiten geprägt war. Im Konflikt der Staufer mit dem Papst ergriffen die Erzbischöfe von Köln, Mainz, Speyer und Worms, auch zur Festigung ihrer eigenen Machtposition gegenüber dem Herrscherhaus, die Partei Roms. Als maßgebliche politische Akteure gehörten sie, wie auch Oppenheim, dem 1254 zusammengetretenen Rheinischen Städtebund an. In der Folgezeit kämpfte dieser für eine größere politische und wirtschaftliche Autonomie der Städte und führte Krieg gegen so manchen kaiserliche Ministerialen wie z. B. Werner IV. von Bolanden.

Während jener Jahre sah das Reich die Wahl von vier Königen bzw. Gegenkönigen durch das zerstrittene Kurfürstenkolleg: Heinrich Raspe, Wilhelm von Holland und in einer Doppelwahl 1257 Alfons von Kastilien und Richard von Cornwall. Die erstgenannten drei spielten keine größere politische Rolle. Allenfalls Richard von Cornwall, jüngerer Sohn König Heinrichs III. von England und Neffe von Richard Löwenherz, vermochte in den 15 Jahren seiner Herrschaft immerhin einige politische Duftmarken im Reich zu setzen. 1269 feierte er seine dritte Hochzeit mit Beatrix von Falkenburg standesgemäß in Kaiserslautern. Mit der Wahl Rudolfs I. von Habsburg endete 1272 das Interregnum. Als Stammvater des österreichischen Kaiserhauses (der ironischerweise selbst nie die Kaiserskrone empfing) ließ sich Rudolf des Öfteren in der Pfalz sehen, neben dem obligatorischen Speyer etwa in Landau oder Kaiserslautern, beides Orte, die ihr Stadtrecht wie auch Wolfstein, Neustadt, Germersheim oder Bergzabern erst aus seiner Hand erhalten hatten. An der staufischen Politik der Reichslandmehrung durch den Thron änderte auch der Habsburger nichts Wesentliches. 1291 wurde Landau, dessen Stadtherr Graf Emich V. von Leiningen verstorben war, wieder der Status einer freien Reichsstadt zugebilligt. Rudolf sollte allerdings noch im selben Jahr das Schicksal des Leiningers teilen: Er starb in Speyer und fand im Dom seine letzte Ruhe.[15]

Christian Decker

 

[1] Vgl. Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 127-144; Keddigkeit/Untermann: Remigiusberg, S. 641f.; Pohl: Die Völkerwanderung, S. 177-179.

[2] Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 131f. u. 138f.; Lampert: Geschichte von Grünstadt, S. 18, 21f. u. 37; Dolch/Greule: Siedlungsnamenbuch der Pfalz, S. 49f.; Sperber: Frühes Mittelalter, S. 18; Hlawitschka: Widonen, Sp. 72-74.

[3] Vgl. Felten: Grundlagen, S. 263-267; Hehl: Königtum, Kirche und Adel, S. 273; Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 135, Thomas: Wahl, Sp. 1909f.; Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 1, S. 66.

[4] Felten: Grundlagen, S. 249.

[5] Vgl. Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 143-146.

[6] Ebd., 147f. u. 151-154; Rothenberger: Territoriale Entwicklung, S. 11; Hlawitschka: Widonen, Sp. 72-74; Gerlich: Konrad der Rote, Sp. 1344; Moraw: Heiliges Reich, Sp. 2026-2028.

[7] Hehl: Königtum, Kirche und Adel, S. 273 u. 283; Rothenberger: Territoriale Entwicklung, S. 12f.; Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 154-156; Thomas; Wahl, Sp. 1909f.; Anton: Königtum, Sp. 1303-1305.

[8] Schaab/Moraw: Entwicklung der Kurpfalz, S. 396; Hehl: Königtum, Kirche und Adel, S. 294f.; Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 171-175; Rothenberger: Territoriale Entwicklung, S. 18f.; Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 1, S. 64-67. Werle: Stauferzeit, S. 113.

[9] Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 161 u. 155; Rothenberger: Territoriale Entwicklung, S. 13f.; Seebach: Geschichte des Trifels, S. 19-25, 28-42 u. 51-54 .

[10] Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 176; Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 1, S. 62f., 69-71.

[11] vgl. Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 161f.; Hehl: Königtum, Kirche und Adel, S. 299.

[12] Rothenberger: Territoriale Entwicklung, S. 14-18; Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 186; Toussaint: Grafen von Leiningen, S. 25-28; Keddigkeit/Thon u.a.: Hardenburg, S. 281.

[13] Rothenberger: Territoriale Entwicklung, S. 14-16.

[14] Ebd.; Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 186; Kühn/Bernhard: Lichtenberg, S. 395.

[15] Staab: Pfalz im Mittelalter, S. 165-171; Schneider: Regionale Ordnungen, S. 308f.; Neugebauer: Richard von Cornwall, S. 11-24.

 

Literatur

Dolch, Martin/Greule, Albrecht: Historisches Siedlungsnamenbuch der Pfalz, (Veröffentlichungen der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in Speyer; 83), Speyer 1991. (Dolch/Greule: Siedlungsnamenbuch der Pfalz)

Felten, Franz J. (Grewe, Holger): Grundlagen im frühen Mittelalter – Vom Ende des 5. bis zum Ende des 9. Jahrhunderts, in: Clemens, Lukas/Felten, Franz J./Schnettger, Matthias (Hg.): Kreuz – Rad – Löwe: Rheinland-Pfalz – Ein Land und seine Geschichte. Bd. 1: Von den Anfängen der Erdgeschichte bis zum Ende des Alten Reiches, (Kommission des Landtages für die Geschichte von Rheinland-Pfalz), Mainz 2012, S. 235-272. (Felten: Grundlagen)

Gerlich, A.: Konrad der Rote, in: Lexikon des Mittelalters, hg. v. Bautier, Robert-Henri u.a. Bd. 5, München/Zürich 1991, Sp. 1344. (Gerlich: Konrad der Rote)

Hehl, Ernst Dieter: Königtum, Kirche und Adel im hohen Mittelalter (900-1200), in: Clemens, Lukas/Felten, Franz J. u.a. (Hg.): Kreuz Rad Löwe: Rheinland-Pfalz  Ein Land und seine Geschichte. Bd. 1: Von den Anfängen der Erdgeschichte bis zum Ende des Alten Reiches, (Kommission des Landtages für die Geschichte von Rheinland-Pfalz), Mainz 2012, S. 273-304. (Hehl: Königtum, Kirche und Adel)

Hlawitschka, Eduard: Widonen, in: Lexikon des Mittelalters. Bd. 9, München, Sp. 72-74. – (Hlawitschka: Widonen)

Keddigkeit, Jürgen/Thon, Alexander/Losse, Michael: Hardenburg, in: Pfälzisches Burgenlexikon. Bd. 2, hg. v. Jürgen Keddigkeit/Alexander Thon/Rolf Übel, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 12,2), Kaiserslautern 2002, S. 280-294. – (Keddigkeit/Thon u.a.: Hardenburg)

Keddigkeit, Jürgen/Untermann, Matthias: Remigiusberg, St. Remigius, in: Dieselben/Lagemann, Charlotte/Ammerich, Hans/Hebert, Pia (Hg.): Pfälzisches Klosterlexikon – Handbuch der pfälzischen Klöster, Stifte und Kommenden. Bd. 3, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 26,3), Kaiserslautern 2015, S. 640-663. (Keddigkeit/Untermann: Remigiusberg)

Kühn, Hans-Joachim/Bernhard, Christel: Lichtenberg, in: Pfälzisches Burgenlexikon. Bd. 3, hg. v. Jürgen Keddigkeit/Ulrich Burkhart/Rolf Übel, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 12,3), Kaiserslautern 2005, S. 393-410. (Kühn/Bernhard: Lichtenberg)

Lampert, Walter: Geschichte von Grünstadt, Grünstadt 1992. (Lampert: Geschichte von Grünstadt)

Moraw, Peter: Heiliges Reich, in: Lexikon des Mittelalters, hg. v. Bautier, Robert-Henri u.a. Bd. 4, München/Zürich 1989, Sp. 2025-2027. (Moraw: Heiliges Reich)

Neugebauer, Anton: Richard von Cornwall – ein Engländer am Rhein, ein König ohne Bedeutung?, in: Derselbe/Klaus Kremb/Jürgen Keddigkeit (Hg.): Richard von Cornwall – Römisch-deutsches Königtum in nachstaufischer Zeit, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 25), Kaiserslautern 2010, S. 11-24. (Neugebauer: Richard von Cornwall)

Pohl, Walter: Die Völkerwanderung – Eroberung und Integration, 2. erw. Aufl., Stuttgart/Berlin u.a. 2005 (Pohl: Die Völkerwanderung)

Rothenberger, Karl-Heinz: Die politische und territoriale Entwicklung im pfälzischen Raum bis zum Ende des Mittelalters, in: Geiger/Preuß u.a. (Hg.): Pfälzische Landeskunde. Bd. 3, Landau 1983, S. 7-21. (Rothenberger: Territoriale Entwicklung)

Schaab, Meinrad: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 1: Mittelalter; Bd. 2: Neuzeit, Stuttgart/Berlin u.a. 1988/1992. (Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 1 und 2)

Derselbe/Moraw, Peter: Territoriale Entwicklung der Kurpfalz (von 1156 bis 1792), in: Alter, Willi (Hg.): Pfalzatlas. Textbd. 1, Speyer 1964-1971, S. 393-406. – (Schaab/Moraw: Entwicklung der Kurpfalz)

Schneider, Joachim: Entfaltung regionaler Ordnungen im späten Mittelalter, in: Clemens, Lukas/Felten, Franz J./Schnettger, Matthias (Hg.): Kreuz – Rad – Löwe. Bd. 1, Mainz 2012, S. 305-338 (s. Eintr. Felten). – (Schneider: Regionale Ordnungen)

Seebach, Helmut: Kleine Geschichte des Trifels und der Stadt Annweiler, 1. Aufl., Leinenfelden-Echterdingen 2009. (Seebach: Geschichte des Trifels)

Sperber, Lothar: Das Frühe Mittelalter in der Pfalz, in: Derselbe/Portenlänger, Franz Xaver u.a.: Das Mittelalter, hg. von Meinrad Maria Grewenig, Speyer 1994. (Sperber: Frühes Mittelalter)

Staab, Franz: Die Pfalz im Mittelalter, in: Rothenberger, Karl-Heinz/Scherer, Karl u.a. (Hg.): Pfälzische Geschichte. Bd. 1, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 18.1), 3. erw. Aufl., Kaiserslautern 2011, S. 127-201. (Staab: Pfalz im Mittelalter)

Thomas, Heinz: Wahl, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von. Angermann, Norbert u.a. Bd. 9, München 1997, Sp. 1909-1911. (Thomas: Wahl)

Toussaint, Ingo: Die Grafen von Leiningen – Studien zur leiningischen Genealogie und Territorialgeschichte bis zur Teilung von 1317/18, Sigmaringen 1982. – (Toussaint: Grafen von Leiningen)

Werle, Hans: Die pfälzischen Lande in der Stauferzeit, in: Alter, Willi (Hg.): Pfalzatlas. Textbd. 1, Speyer 1964, S. 111-116. (Werle: Stauferzeit)