Johannes Eckhard

Vor 200 Jahren geboren: Johannes Eckhard (1813-1870). Pfarrer, Revolutionär, Weinwirt, Arzt und Lehrer

Johannes Eckhard

Johannes Eckhard

„Johann Eckhardt, entlassener Pfarrer von Gönnheim, 36 Jahre alt, 6 Schuhe groß, von braunen Haaren, hoher Stirne, braunen Augenbrauen, braunen Augen, proportionirter Nase, ebensolchem Munde, braunem Bart, rundem Kinn, runder Gesichtsform, gesunder Gesichtsfarbe, starkem Körperbau.“ So lautet der Steckbrief zur Anklageakte des pfälzischen Appellationsgerichtes in Zweibrücken. Gesucht wurde einer der „Urheber, Theilnehmer, Mitschuldigen und Gehilfen des [1848/49] stattgefundenen bewaffneten Aufstandes und der damit verbundenen hoch- und staatsverrätherischen Unternehmungen“.

Die Inhaftierung gelang nicht. Eckhard und einige andere Angeklagte wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Oder vielleicht gerade deshalb, weil man ihrer nicht habhaft werden konnte? Eckhard flüchtete über Frankreich in die USA mit Hilfe des Gönnheimer Bürgermeisters, der bei einer Hausdurchsuchung durch preußische Soldaten der Überlieferung nach ihn „in ein leeres Weinfaß steckte, sodass die Häscher ihn nicht fanden“.

Der am 20. Oktober 1813 im nordpfälzischen Callbach geborene Bauernsohn studierte Theologie in Erlangen und Utrecht, war von 1839 bis 1845 Lehrer in Annweiler und Bergzabern und kam 1845 als protestantischer Pfarrer nach Gönnheim. Seine Frau starb bereits 1848 im Alter von 26 Jahren. Die beiden Töchter wurden beim Onkel, einem Schullehrer in Waldfischbach, untergebracht.

In Gönnheim ist die Erinnerung wach geblieben an den Gründer eines Sing- und Lesevereins, der als „Gesangverein 1845 Gönnheim e.V.“ besteht. Im Protokollbuch des Vereins von 1919 wird ein Foto aufbewahrt, das die Genauigkeit der steckbrieflichen Beschreibung bestätigt.

Im Gönnheimer Pfarrbuch hat Eckhards Nachfolger festgehalten: „Hier ist auch zu erwähnen das Verhalten der beiden Gemeinden in den Revolutionsjahren 1848 u. 1849, namentlich im dem für die Pfalz durch die Errichtung einer provisorischen Regierung zu Kaiserslautern u. durch die tausende herbeigezogenen Freischaaren so verhängnisvollen Jahre 1849… Die Betheiligung der beiden Gemeinden an jenen politischen Ereignissen war im Ganzen eine sehr geringe, namentlich gilt dieß von Friedelsheim. Von Dürkheim aus kamen wohl auch Volksredner, die die beiden Gemeinden im Gemeindehause versammelten u. sie aufzuregen u. für die provisorische Regierung der Pfalz zu begeistern suchten. Der eigene Ortspfarrer Joh. Eckhard selbst sprach nach seiner Rückkehr von München in diesem Sinne zu den beiden Gemeinden, u. hatte auch schon früher namentlich durch Errichtung eines Lesevereins zu Gönheim, der mit einem Singverein verbunden war, in den Jahren 1846 u. 1847 die Leute in seinem Sinne aufzuklären gesucht, was aber doch nur theilweise gelingen konnte. Bei allem Ansehen, das Eckhard in der Pfarrei genoß, bei aller Zuneigung u. Anhänglichkeit, die er sich besonders durch den Singverein, der sehr zahlreich war, u. aus Jünglingen u. jungen Männern bestand u. wirklich auch Tüchtiges leistete, in beiden Gemeinden zu erwerben wusste, so konnte er sie doch nie so recht für die Sache der provisorischen Regierung, am allerwenigsten aber für die Revolution begeistern. Dazu sind beide Gemeinden zu gottesfürchtig u. christlich u. im Politischen zu conservativ gesinnt. Beide Gemeinden waren in der Ausübung der Maßregeln der neuen Regierung so unthätig, namentlich bei der Recrutirung der jungen Leute, daß sie Einquartierung von Freischaaren als Executive bekamen. Wie für ihre Söhne, so fürchteten die Väter auch für ihre schönen Pferde, daß sie ihnen abgeholt werden sollten, weßhalb sie auch zur Zeit mit denselben flüchteten u. sie in Sicherheit zu bringen u. zu retten suchten…“. Eckhard war einer von insgesamt 17 pfälzischen Abgeordneten, die im Münchner Landtag die sechs Wahlbezirke des linksrheinischen bayerischen Regierungsbezirks vertraten. Er gehörte zum Flügel der Liberalen. Kirchenpolitisch engagierte er sich bei den Rationalisten zusammen mit den Pfarrkollegen Hieronymus Hofer, Weisenheim am Berg, Karl Theodor Germann, Erpolzheim, auf der Seite des zeitweise suspendierten Ingenheimer Pfarrers Friedrich Theodor Frantz, Herausgeber einer Zeitschrift, deren Titel Programm war: „Die Morgenröthe… Das Panier ist Licht, Freiheit, Liebe und Einigung im Glauben“. Sein Nachfolger im Pfarramt wurde bald abgelöst, wie in der Pfarrbeschreibung zu lesen ist: „wegen des der Gemeinde zu ‚Kraß-orthodoxen’ Gehalts seiner Predigten… überhaupt war der Contrast zwischen ihm u. dem frühern Pfarrer Eckhard, der den ungetheilten Beifall der beiden Gemeinden für sich hatte, zu groß…“.

Bis vor wenigen Jahren war nur bekannt, dass Eckhard zeitweise als „Weinwirt, Hauslehrer, Arzt in New York, Musiklehrer in Philadelphia“ sein Brot verdiente. Roland Paul hat in den USA bei seinen Forschungen über pfälzische Auswanderer Details ausfindig machen können. Nach einem Asthma-Anfall starb Eckhard am 9. Juni 1870 in Torresdale. Zeitungen berichten: „Wieder hat der Tod einen der wackeren Veteranen weggerafft, die ihre treue Liebe zum deutschen Vaterlande mit dem Exil im fernen Amerika büßen mussten…Sein freier selbständiger Geist hatte schon manche Kämpfe durchzumachen gehabt mit dem starren Formenwesen der christlichen Orthodoxie und hatte oft schwer die Fesseln politischer Unfreiheit gefühlt, die auf dem deutschen Volk lastete, als das Jahr 1848 erschien, mit seinen herrlichen Träumen von einem freien, einigen, nicht mehr von Pfaffen und Fürsten unterdrückten Deutschland. Ein neues Feld tat sich jetzt auf …Er studierte mit großem Eifer Medizin, erlangte den Doktortitel und begann als Arzt zu praktiziren, wendete sich jedoch, da seine Praxis nicht einträglich genug war, wieder dem Lehrfache zu und wirkte als ‚Professor of Music and of German Language’ für acht Jahre an einem angesehenen katholischen Mädchenlyzeum in Torresdale“. Die neue Schulleiterin wollte darauf bestehen, dass Eckhard zum Katholizismus konvertiere, um seine Stelle weiter behalten zu können. Die „Philadelphia Freie Presse“ zitierte ihn jedoch mit den Worten: „Ich könnte mein Angesicht nicht im Spiegel sehen, ohne mich zu schämen…“. In einem weiteren Nachruf  der deutschsprachigen amerikanischen Presse wird „die Biederkeit, die Charakterfestigkeit und Überzeugungstreue Dr. Eckhards“ hervorgehoben „in einer Zeit, in der überzeugungstreue Männer so selten sind, hat er ein nachahmenswerthes Beispiel gegeben“.

Kein Todesurteil des Zweibrücker Gerichts musste vollstreckt werden. Allen „Revolutionären“ wurde zur Flucht verholfen. Nach München durfte man melden, dass nur wenige verantwortlich waren für den Aufstand, denn „die ganze Pfalz steht treu zum angestammten Königshause“.

Helmut Meinhardt

Der Verfasser ist prot. Pfarrer in Weisenheim am Berg und 1. Vorsitzender des Vereins für pfälzische Kirchengeschichte.