Die Minensprengung von Wytschaete im Ersten Weltkrieg – Vor 100 Jahren: Der schwarze Tag der Pfälzer Division

Postkarte: Posierende Soldaten des Landsturmbataillons Landau im Ersten Weltkrieg (Archiv des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde).

Postkarte: Posierende Soldaten des Landsturmbataillons Landau im Ersten Weltkrieg (Archiv des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde).

Vor genau 100 Jahren, in den frühen Morgenstunden des 7. Juni 1917, erschütterte eine gewaltige Explosion einen zwischen Messines und Wytschaete gelegenen Höhenkamm und löschte den hier nach Westen hervorspringenden deutschen Frontabschnitt mit einem Schlag aus. Aufgrund seiner Nähe zu Ypern war dieser strategisch wichtige Wytschaete-Bogen Mittelpunkt zahlreicher Kämpfe zwischen Deutschen und Briten gewesen. Letztere waren es nun, die unter ungeheurem Materialaufwand einen entscheidenden Schlag auszuführen versuchten. In langwierig angelegten und von den Deutschen unbemerkt gebliebenen Stollen hatten sie Minen mit einer Ladung von insgesamt etwa 500 Tonnen Sprengstoff bereitgemacht, deren simultane Zündung um Punkt 4:10 Uhr bis heute eine der größten nichtatomaren Explosionen darstellt und die Berichten zufolge noch in London wahrgenommen werden konnte. Dieser Angriff forderte in kürzester Zeit Tausende Leben und ist aufgrund der verhältnismäßig hohen pfälzischen Verluste auch als „Schwarzer Tag der Pfälzer Division“ bekannt.

Die 3. Königlich Bayerische Infanterie-Division, aufgrund ihrer u.a. in Landau und Zweibrücken gelegenen Kommandostützpunkte auch „Pfälzer Division“ genannt, wurde gleich zu Beginn des Krieges an die Westfront beordert und war mit den zuerst eintreffenden Einheiten sofort an erbitterten Kämpfen beteiligt. Bald schon geriet jedoch der Vorstoß in Frankreich ins Stocken, woraufhin die Division ins strategisch erfolgversprechendere Flandern verlegt wurde. Dort konnten im Herbst 1914 noch einige Eroberungen verzeichnet werden (u.a. Wytschaete), schließlich bestimmte aber auch an jener Front der Stellungskrieg den Alltag. Geprägt wurde dieser ebenso durch häufige Einsätze einzelner Einheiten im südlichen Umkreis, die sich oft als sehr verlustreich herausstellten und diesbezüglich einen Höhepunkt in der Somme-Schlacht 1916 erreichten. Im April 1917 musste sich die Division in der Schlacht bei Arras gegen ein überlegenes britisches und kanadisches Aufgebot behaupten, bevor sie am 26. April bei Lille Ruhequartiere beziehen und sich als Reserve erholen konnte.
Während dieser Zeit waren die Kämpfe um den Wytschaete-Bogen unvermindert weitergeführt worden. Beide Seiten hatten ein nicht unwesentliches strategisches Interesse an dem Höhenkamm. Auf deutscher Seite, wo man angesichts der schlechten Versorgungslage der Landstreitkräfte seine Hoffnungen zunehmend auf den Unterseebootkrieg gesetzt hatte, fürchtete man vor allem, dass die Briten gezielt die deutschen Flottenstützpunkte in Flandern attackieren würden. Ein solcher Vorstoß könnte jedoch durch Artilleriefeuer vom Wytschaete-Bogen aus effektiv unterbunden werden, weshalb man trotz einiger strategischer Nachteile an der Stellung festhielt. Sehr nachteilig gestaltete sich diesbezüglich vor allem die Verteilung der Sichtverhältnisse, da die Deutschen selbst nur in beschränktem Maße das feindliche Gebiet einsehen konnten, während es den Briten, auch aufgrund ihrer unbestrittenen Lufthoheit, relativ leicht fiel, stets einen Überblick über die gegnerischen Artilleriestellungen und restliche Infrastruktur zu behalten. Gepaart mit der klaren Überlegenheit der britischen Artillerie und ihrer weitaus besseren Versorgungslage, ergab sich eine für die Deutschen recht ungünstige Konstellation, wodurch ihre unbedingte Bereitschaft, den Wytschaete-Bogen zu halten, zu einer gefährlichen und zermürbenden Angelegenheit wurde. Aus dieser strikten Fortführung des Stellungskrieges resultierte mit dem Minenkrieg ein vermeintlich notwendiges Übel.

 

Der Minenkrieg und der Vorabend des „Schwarzen Tages“:

Charakteristisch für die auf beiden Seiten zunehmende Frustration im festgefahrenen  Stellungskrieg war der Umstand, dass letztendlich auch auf unterirdischem Wege versucht wurde, die eingefahrenen Fronten zum eigenen Vorteil aufzubrechen. Zu diesem Zweck wurden in einem auf das Leben der Pioniere und Arbeiter wenig Rücksicht nehmenden Unterfangen lange Stollen unter die feindlichen Stellungen gegraben, um diese mit unterirdisch platzierten Minen zu zerstören. Gleichzeitig konnte ein wachsamer Gegner über die seinerseits gegrabenen Stollen die feindliche Miniertätigkeit registrieren und in einem morbiden Wettlauf versuchen, jene mit Hilfe von Abwehrminen zu unterbinden und somit Hunderte gegnerische Leben dem Erdreich zu überlassen.
Tatsächlich war den Deutschen bereits vor 1917 die rege unterirdische Aktivität der Briten am Wytschaete-Bogen aufgefallen, woraufhin folgerichtig Verstärkungen an Bergbauspezialisten und Pionieren angefordert wurden. Sogleich ging man defensiv gegen die britischen Stollen vor, der für das Minieren zuständige Offizier konnte auch einige Erfolge vermelden. Trotz der offenbar effektiven Abwehrmaßnahmen warnte er die Heeresleitung jedoch vor der fortbestehenden Möglichkeit eines britischen Minenangriffes zum Auftakt einer Offensive gegen den Wytschaete-Bogen. Diese wiederholten Warnungen, insbesondere im Zusammenhang mit einer stetigen Aufrüstung der Briten im Frühjahr des Jahres 1917, wurden zwar zur Kenntnis genommen – man diskutierte kurzzeitig auch die Option eines vorsorglichen Rückzuges auf eine der hinteren oder seitlichen Stellungen – zu einer solchen Maßnahme kam es jedoch am Ende nicht. Einerseits lag dies an der gefühlten strategischen Wichtigkeit des Wytschaete-Bogens und einigen taktischen Defiziten der Rückzugsstellungen, andererseits führte der seit dem Frühjahr verzeichnete Rückgang der britischen Miniertätigkeit dazu, der Gefahr einer Sprengung keine besondere Priorität zuzuweisen. Hinzu kam, dass man bei dem erwarteten britischen Angriff eher davon ausging, dass dieser sich hauptsächlich gegen die nördliche Front bei Ypern richten und eine Offensive gegen den Wytschaete-Bogen nur ein Manöver zur Ablenkung der deutschen Truppen sein würde. So richtete man sich unter starkem britischem Dauerfeuer, das in der zweiten Maihälfte eingesetzt hatte, auf die Verteidigung ein.

 

Die Sprengung am 7. Juni und die Pfälzer Verluste:

Anfang Juni 1917 bat die schon länger an der Wytschaete-Front stehende 40. sächsische Infanteriedivision angesichts ihrer starken Beanspruchung um Austausch durch eine andere Einheit zwecks Regeneration. Ihrer Anfrage wurde stattgegeben, und so wurde die noch in den Ruhequartieren bei Lille befindliche Pfälzer Division am 28. Mai an die Front beordert, wo sie ab dem 5. Juni die ausgelaugte 40. Infanteriedivision ablöste. Ein Überlebender des 18. Regiments, das  der bevorstehenden Sprengung nicht vollständig ausgeliefert sein sollte, schildert die bei der Ablösung herrschende ambivalente Stimmung: „Wir sprechen mit Leuten der vorn eingesetzten 40. ID. Die einen können nicht grausig genug die Hölle da vorne schildern. […] Andere wieder bekunden, daß es sich da hinten schlimmer anhöre, als es in Wirklichkeit sei. Man munkelt von Minieren, von Pulverfaß, von In-die-Luft-fliegen! In der Beziehung sind wir vom Hohenzollernwerk ja allerhand gewöhnt, sind ziemlich hart gesotten und nehmen das Ganze nicht allzu tragisch.“ (Karch, Philipp: Die große Wytschaete-Sprengung vom 7. Juni 1917, in: Kripp 1938, S. 150.) Tatsächlich hatte die Pfälzer Division in anderen Schlachten schon Minensprengungen erlebt, und so spricht der gleiche  Hochmut aus demselben Soldaten, wenn er an anderer Stelle von „Bergarbeitern aus Wales und Nordfrankreich, eine Menge arbeitsscheuen Gesindels“ (Karch 1918, S. 97.) im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die Wytschaete-Sprengung spricht.

Karte: „Die Schlacht im Wytschaete-Bogen. Die englischen Sprengungen bei Spanbroekmolen am 7. Juni 1917“, Beilage 12 aus: Der Weltkrieg 1914 bis 1918, bearb. u. hrsg. von d. Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres. Bd. 12: Die Kriegführung im Frühjahr 1917, Berlin 1939.
Karte: „Die Schlacht im Wytschaete-Bogen. Die englischen Sprengungen bei Spanbroekmolen am 7. Juni 1917“, Beilage 21 aus: Der Weltkrieg 1914 bis 1918, bearb. u. hrsg. von d. Kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres. Bd. 12: Die Kriegführung im Frühjahr 1917, Berlin 1939.

 

Diese Bergleute hatten jedoch ganze Arbeit geleistet und durch Fachwissen gepaart mit überlegener Technik Stollen in jene Erdschichten treiben können, die den schlecht ausgerüsteten deutschen Mineuren verwehrt blieben. Abgesehen von den (oben geschilderten) anderweitigen strategischen Erwägungen der Deutschen konnte die unterirdische Tätigkeit der Briten auch deshalb nicht adäquat eingeschätzt werden. Die Sprengung, deren Vorbereitungen, wie die Deutschen später herausfanden, bereits auf den Beginn des Jahres 1916 zurückgingen, konnte von britischer Seite also nach Plan ausgeführt werden. So wurden, während die Ablösung der 40. durch die Pfälzer Division noch nicht abgeschlossen war, in der Nacht vom 6. auf den 7. Juni um 4:10 Uhr 19 Minen zeitgleich gezündet.

 

Der auf einer hinteren Stellung stationierte Soldat Karch schildert lebhaft den schrecklichen Eindruck dieser nie dagewesenen Detonation: „Da plötzlich um vier Uhr morgens ließ ein gewaltiger Schlag Erde und Luft Erklingen und das Schüttern des Bodens sagte uns, daß vorn gewaltige Sprengungen die Stellungen zerrissen haben müssen. Wie die Hölle erbrauste das Trommelfeuer hüben und drüben und das kampferprobte Bataillon wußte aus all dem Graus weltlicher Schlachten, daß das Untier sich wieder zum neuen Sprunge geduckt habe. Weit ins Land hinein hatte die neue Schlacht sich angekündigt durch das Beben der Erde, ganz wie in einer alttestamentlichen Fabel, wo der Gott sich nur im Grauen seinem Volke offenbart. […] Ungeheure Trichter gähnten auf dem Wege und Baumstämme standen zerschossen und melancholisch trüb wie Weiden.“ (Karch 1918, S. 98f.) Mit einem Mal verloren etwa 10000 deutschen Soldaten ihr Leben, und während auch andere Einheiten wie die 2., 4. oder Teile der 40. Infanteriedivision zu den Opfern dieser ersten simultanen Sprengungen zählen müssen, so war es die kurz zuvor eingetroffene Pfälzer Division, die am Epizentrum der Detonation stationiert war und vermutlich einen erheblichen Teil der Todesopfer verzeichnete. Am schlimmsten traf es das an vorderster Front eingesetzte 23. Regiment, das von fünf Sprengungen mit einer Gesamtladung von 130 Tonnen praktisch gänzlich ausgelöscht wurde. Aber auch die weiter hinten stationierten Pfälzer Regimenter (17. und 18.) hatten am Ende des Tages erhebliche Verluste zu beklagen, da sie über die furchtbare Wirkung der Minen hinaus noch an den Kämpfen gegen die vorrückenden Briten beteiligt waren, deren Vorstoß schließlich mit kleinen Gebietsgewinnen abebbte und in einer erneuten Rückkehr zum Stellungskrieg resultierte.

 

Von diesem wahrhaft schwarzen Tag für die Pfälzer Division berichtet auch die Mutter eines am Wytschaete-Bogen eingesetzten Soldaten, die das Kriegsgeschehen von Germersheim aus verfolgte und deren Tagebucheinträge von ihrem Enkel veröffentlicht wurden: „Aber dann, Herr, Gott im Himmel laß’ es genug sein! Eben hören wir von einem, der vorgestern noch der Wytschaedeschlacht beigewohnt, daß man vom Stab der Siebzehner, zu dem auch Kurt gehört nichts weiß, entweder gefangen oder in die Luft geflogen, denn die Orte Messines & Wytschaede sind durch Sprengung vollständig vom Erdboden verschwunden.“ (Krapp 2004, S. 99.) Gleich darauf liefert sie jedoch einen kleinen Lichtblick im Angesicht der Schrecken des Krieges und der erneuten Eskalation des Minenkampfes: Ihr Sohn Kurt, dessen geplante Beurlaubung von der Front zuvor einige Male verschoben worden war, war noch rechtzeitig nach Hause geschickt worden und der höllischen Schlacht mit Glück entgangen: „Und nun sind sie hier, Lotte und Kurt glückstrahlend! Wir sitzen im durchsonnten Garten, der Springbrunnen plätschert, die Vögel zwitschern, es ist, als wäre tiefster Frieden! […] Und wie aus weiter Ferne klingt die schreckliche Kunde, daß die Siebzehner in dieser letzten Schlacht aufgerieben wurden.“ (Krapp 2004, S. 99.) Vor dem schrecklichen Eindruck dieser monströsen Detonation mag es auch ein Lichtblick sein, dass fortan auf den uneingeschränkten Minenkrieg verzichtet wurde.

 

Felix Henrichs

 

Weiterführende Literatur:

Quellen:

Karch, Philipp: Mit der Pfälzer Division in Flandern. Nebst einem Zwischenspiel, Kaiserslautern 1918.

Krapp, Wolfgang Werner (Hg.): Mein Buch zu Ende und immer noch Krieg. Tagebucheinträge von Elisabeth Kreiter aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, o. O. 2004.

URL: http://studylibde.com/doc/2087479/mein-buch-zu-ende-und-immer-noch-krieg-tagebucheintr%C3%A4ge-von (zuletzt aufgerufen am 30.05.2017)

Die Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres: Der Weltkrieg 1914 bis 1918. Die militärischen Operationen zu Lande, Bd. 12: Die Kriegführung im Frühjahr 1917, Berlin 1939.

Kripp, Wilhelm (Hg.): Die Landauer Regimenter 1900-1918, Landau 1938.

 

Sekundärliteratur:

Thalmann, Heinrich: Die Pfalz im Ersten Weltkrieg. Der ehemalige bayerische Regierungskreis bis zur Besetzung Anfang Dezember 1918 (= Beiträge zur pfälzischen Geschichte 2), Neustadt an der Weinstraße 1990.