Das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Pfalz

Vor 70 Jahren: Pfälzer erleben Kriegsende und Neubeginn

23er-Denkmal, Kaiserslautern (Repro: Archiv IpfGVK)

23er-Denkmal, Kaiserslautern (Repro: Archiv IpfGVK)

Eine kollektive Erfahrung der letzten Kriegstage und Wochen gibt es keineswegs, dazu waren die Gefühle, Ansichten und Lebenssituationen jedes Einzelnen viel zu unterschiedlich. Was alle vereinte, war die Angst: die Angst vor der Vergeltung des Feindes und der ungewissen Zukunft. Was würde nach einem zwölf Jahre andauernden Leben in einer Ideologie folgen?

Das Kriegsende und die Beseitigung des nationalsozialistischen Regimes bedeutete für die meisten Deutschen nicht nur eine Niederlage, mit einher gingen auch der Zusammenbruch von Staat und Gesellschaft und vor allem der Verfall der bisher geltenden Wertvorstellungen, Ideale und Normen. Nicht wenige Deutsche wurden aufgrund der drohenden Niederlage von einer Atmosphäre des Weltuntergangs erfasst. Einer der letzten geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, der sich in den Akten der Geschäftsführenden Reichsregierung Dönitz fand und der auf Ende 1945 datiert ist, beschreibt diese Einzelstimmung:

„Aus der allgemeinen Hoffnungslosigkeit werden persönlich die verschiedensten Folgerungen gezogen. Ein Großteil des Volkes hat sich daran gewöhnt, nur noch für den Tag zu leben. Es wird alles an Annehmlichkeiten ausgenützt, was sich darbietet. Irgendein sonst belangloser Anlaß führt dazu, daß die letzte Flasche ausgetrunken wird, die ursprünglich für die Feier des Sieges, für das Ende der Verdunklung, für die Heimkehr von Mann und Sohn aufgespart war. Viele gewöhnen sich an den Gedanken Schluss zu machen.“

Besonders das Jahr 1944, geprägt von entsetzlichen Menschenverlusten und andauernden Bombenangriffen und die darauf folgenden Monate, sind als Schreckensmonate für große Teile der pfälzischen Bevölkerung in Erinnerung geblieben.

Kriegsende in Frankenstein (Repro: Archiv IpfGVK)

Noch im Januar befand sich das damalige Reichsgebiet weitgehend in deutscher Hand. Bereits gegen Ende 1944 nagte die Deutsche Wehrmacht aufgrund der gescheiterten Ardennenoffensive jedoch schon an ihren letzten Reserven. An der Ostfront gingen die sowjetischen Truppen im selben Monat bereits zum Großangriff über und erreichten bald die Oder. Durch die nun entstandene Bedrohung kam es zur Verlegung starker Verbände von der Westfront in den Osten. Dieser Abzug jedoch führte zu einem mehr als verschlechterten Kräfteverhältnis an der Westfront, dadurch wurden die deutschen Schwächen umso offensichtlicher.

Zwangsweise bedeutete dies für die in Lothringen, der Saarpfalz und dem Nordelsass stationierten deutschen Truppen den endgültigen Übergang zur Defensive. Gerade die geringe Mannschaftsstärke und der niedrige Ausbildungsstand großer Teile dieser Truppen führten dazu, dass die militärische Leistungs- und Durchsetzungsfähigkeit sehr schwach und damit angreifbar war (fast jeder der eingesetzten Soldaten war seit Dezember 1944 ununterbrochen im Einsatz, worunter natürlich auch die körperliche und seelische Verfassung litt).

Trotz ihrer Defizite wurde die bei allen Verbänden der Westfront bedenkliche Personallage in der Folgezeit weder quantitativ noch qualitativ ausgeglichen. Am offensichtlichsten jedoch wurden die erheblichen Mängel in der materiellen Ausstattung, die gerade im Kampf gegen die starke Überlegenheit der US-amerikanischen Luftwaffe und ihrer soliden Ausstattung mehr als lächerlich wirkte.

Am 23. Februar 1945 kam es im Saar-Mosel-Raum zu schweren Abwehrkämpfen. Nachdem die US-Amerikaner am 8. März bei Köln und bei Remagen den Rhein überschritten hatten, war nach der Besetzung des ganzen westlichen Rheinlandes nur noch das Reichsgebiet südlich der Mosel in deutscher Hand. Der letzte linksrheinische Brückenkopf, das Gebiet der Pfalz und des heutigen Saarlandes, sollte unbedingt von den deutschen Truppen gehalten werden. Nachdem am 14. März die ersten US-amerikanischen Einheiten über die Mosel gelangt waren, begann am folgenden Tag der Großangriff „Operation Undertone“, der durch schwere Angriffe der amerikanischen Luftwaffe eingeleitet worden war. Durch diese Angriffe wurden Städte wie Homburg, Zweibrücken und Pirmasens zerstört und es kam zu erheblichen Verlusten auf Seiten der Deutschen. Durch das erfolgreiche Vordringen amerikanischer Panzerverbände nach Süden im weiteren Verlauf dieser Offensive geriet die deutsche Heeresgruppe G in Gefahr, am Rhein abgeschnitten zu werden. Während im Nordelsass und im südlichen Saargebiet die Kämpfe andauerten, zogen sich die nördlich der Pfalz stehenden deutschen Truppen weiter nach Südosten zurück. Sowohl am 16. März als auch am darauf folgenden Tag fanden im Raum Kirn, Sobernheim und Bad Kreuznach noch deutsche Gegenangriffe statt, die jedoch ohne Erfolg blieben. Generalfeldmarschall Kesselring, der damalige Oberbefehlshaber West, gab daraufhin den Befehl, dass alle Stellungen zu halten, ein Einkesseln und die Vernichtung wesentlicher Kräfte jedoch zu verhindern seien. Diese „quasi-Ansage“ eines Rückzuges führte dazu, dass deutsche Verteidiger bis zum Abend des 18. März über Kirn, Idar-Oberstein und Bad Kreuznach durch amerikanische Panzerverbände und motorisierte Infanterie hinter den Verlauf der Nahe zurückgedrängt wurden.

Jeglicher planvolle Widerstand hatte damit ein Ende: In den meisten Ortschaften der Pfalz blieben Panzersperren geöffnet und weiße Fahnen hingen an Häusern und Kirchen. Gerade dieser 18 März bleibt als „schwarzer Tag“ für die in der Pfalz stehende Heeresgruppe G in Erinnerung, da durch den Einbruch der Amerikaner im Raum von Westrich und der Nordpfalz auch die stationierten Wehrmachtstruppen im Süden der Pfalz in Bedrängnis gerieten, worauf die Räumung des Saarraums eingeleitet wurde.

Am Morgen des 19. März überschritten die US-Amerikaner den Glan, erreichten Meisenheim und Lauterecken und zwangen die deutschen Truppen auf der Linie Alzey – Kirchheimbolanden – Kaiserslautern zurück. In den nächsten Tagen folgten Kämpfe im Pfälzer Wald (von dem amerikanischen Chronisten McDonald als „Schlachthaus“ beschrieben). Überall türmten sich zahlreiche Tote, Verletzte, die nicht geborgen werden konnten, und zerstörtes Heeresgut, das ein Durchqueren zusätzlich schwierig machte.

Nach Tagen und Wochen der Ungewissheit und ständig am Himmel auftauchender Jagdbomber stand die Kapitulation fest. In fast allen Gemeinden der Pfalz hingen weiße Bettlaken an den Häusern.

Kaiserslautern, zum „Eckpfeiler des Widerstands“ ernannt, fiel schon am 20. März 1945 in die Hände der US-Army. Gertrud Kremser, die seit einigen Tagen immer wieder in gewissen Zeitintervallen mit ihrer Familie Schutz im Bunker der Firma Pfaff suchte, beschreibt ihre Eindrücke und Erfahrungen sehr akribisch und realitätsnah. Die ganze Stadt war gespannt und besorgt vor dem was mit der nahenden Invasion kommen würde. Nachdem klar war, dass die Amerikaner – wider aller Befürchtung – ruhig und gesittet in die Stadt einmarschierten, trauten sich die Menschen nach und nach aus dem Schutz der Bunkeranlagen und versammelten sich entlang der Königstraße, um die Geschehnisse zu beobachten.

„Nun der erste Eindruck war gar kein schlechter. Den Kindern haben sie gleich Bonbon, Schokolade und Zigaretten rausgeworfen. Wie halt Kinder sind, sie freuen sich, so was Seltenes zu bekommen.“ (zit. aus dem Tagebuch von Gertrud Kremser)

In der Stadt wurden vom amerikanischen Stadtkommandant Ausgangszeiten festgelegt (morgens: 7-9, mittags: 15-18 Uhr), nach und nach wurden Wohnungen durchsucht, Waffen und Relikte des Nationalsozialismus gesammelt und anschließend verbrannt – der Anfang der Entnazifizierungswelle. Der erste positive Eindruck verblasste jedoch schnell, nicht nur Amerikaner befanden sich zu diesem Zeitpunkt in vielen Gemeinden der Pfalz, sondern auch französische Truppen. Dazu kamen umherirrende russische, französische und marokkanische Kriegsgefangene. Diese Mischung barg Gefahren. Die nächsten Tage waren geprägt von Plünderungen, Überfällen, grausamen Vergewaltigungen und damit einhergehenden Demütigungen. Die wenigsten fühlten sich sicher. Dieses Gefühl der Fremdheit und der Bedrohung in der eigenen Heimat schildern viele Zeitzeugen. Gertrud Kremser stellt in ihrem Tagebucheintrag vom 25. März 1945 fest:

„Die Menschheit ist ganz verwildert (…) Was haben wir nicht alles mitgemacht bei den Bomben, die fielen, aber das wird auch noch ausgekostet, bis es nicht mehr geht. Es ist schön, die ganze Menschheit zu erleben, alle Grausamkeiten, immer gefährlich leben. So lernt man die Menschen erst richtig kennen, was sie einander antun können. Das Sprichwort sagt: Der ist schlimmer als ein Stück Vieh. Nein ein Stück Vieh kann gar nicht so schlimm sein wie ein Mensch, man soll die Menschen meiden und nur die Tiere lieben. Deshalb der Krieg unter den Männern, die Männer müssen abgeschlachtet werden, nur trifft es meistens die guten, und die schlechten bleiben.“

Die US-Besatzungszeit in Kaiserslautern dauerte vom 20. März bis zum 11. Mai 1945 an, dann folgten die Franzosen. Die letzte geschlossene deutsche Einheit ging am 25. März über den Rhein, nachdem in den Tagen zuvor die Rheinbrücken gesprengt wurden. Nachdem am folgenden Tag bei Jockgrim eine abgeschnittene Kampfgruppe der Wehrmacht kapituliert hatte, war der Zweite Weltkrieg zumindest in der Pfalz zu Ende.

Mit dem mehr als überraschend schnellen Einbruch der US-Armee in das linksrheinische Reichsgebiet war der Krieg in der Pfalz bereits Ende März entschieden. Bis zur bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 vergingen jedoch noch sieben weitere Wochen. Die durch Kampfhandlungen entstandenen Schäden konzentrierten sich vor allem auf die Grenzregionen des heutigen Rheinland-Pfalz, die Eifel und den südpfälzischen Raum. Entsprechend der militärischen Entwicklung ab Mitte März bestand ein „deutliches Schadensgefälle von West nach Ost“. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten circa 170.000 der im späteren Rheinland-Pfalz lebenden Menschen, darunter 20.000 Zivilisten, durch Kriegseinwirkungen ihr Leben verloren.

Julia Misamer

Literaturnachweis:

Michael Garthe/Anette Weber (Hg.), Das Kriegsende in der Pfalz. Rheinpfalz-Leser erinnern sich, Landau 2005.

Gerhard Hirschfeld/Irina Renz, Vormittags die ersten Amerikaner. Stimmen und Bilder vom Kriegsende 1945, Stuttgart 2005.

Gerhard Herzog/Jürgen Keddigkeit/Gerd Rauland/Lothar Schwartz, Frühjahr ´45. Die Stunde Null in einer pfälzischen Region. Dokumente Bilder und Erinnerungen, Kaiserslautern 1995.

Jürgen Keddigkeit, „Gott sei Dank, es ist vorbei“. Kriegsende in der Pfalz vor 50 Jahren, in: Die Pfalz 9,1 (1995), S. 4-6.

Gerhard Nestler/Hannes Ziegler (Hg.), Der Krieg war vorbei, aus, zu Ende. Pfälzer erinnern sich an das Frühjahr 1945, Landau 1995.

Timo Scherne, Das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Nordpfalz, Rockenhausen 2006.

Tagebuch von Gertrud Kremser: Original im Besitz der Verfasserin, Kopie im Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde Kaiserslautern.