Auswanderung, fürstliche Pracht und Ausklang des Ancien Régime: die Pfalz vom frühen 18. Jahrhundert bis 1789

Von den Pfälzern in der Fremde

Die nach 1700 anlaufenden Auswanderungswellen der Pfälzer resultierten unmittelbar aus den flächendeckenden Zerstörungen und sozialen Verwerfungen des späten 17. Jahrhunderts. War die Pfalz nach dem Dreißigjährigen Krieg noch ein kurzzeitiges Einwanderungsland gewesen, hatte sich dieser Trend infolge der Reunionskriege, der durch sie wieder aufgeflammten Konfessionskonflikte und einsetzenden Rezession bald wieder umgekehrt. Viele Menschen stimmten über die Lebensbedingungen in ihrer Herrschaft nun mit den Füßen ab. 1708/09 schifften sich häufig über die Station London bereits Tausende in Richtung der damals noch britischen Kolonien Nordamerikas ein, z. B. nach New York, Maryland, Philadelphia und Pennsylvania. Dort traf man die Immigranten bald in solchen Zahlen an, dass ihre Bezeichnung palatines bald zum Synonym für sämtliche deutsche Einwanderer geriet. Benjamin Franklin, alles andere als ein Freund der „Pfälzer Bauernlümmel“, fürchtete gar um die sprachlich-kulturelle Vorherrschaft der englischen Kolonisten.

 

Abb. 1: Migratio Palatinorum, Pfältzsche Exulanten (17./18. Jahrhundert)
Abb. 1: Migratio Palatinorum, Pfälzsche Exulanten (17./18. Jahrhundert)

 

Eine derart gefühlt-dramatische Lage dürfte sich in Irland, Französisch-Louisiana oder Cayenne (Französisch-Guyana), wohin es auch einige, aber längst nicht so viele Pfälzer wie in die späteren Vereinigten Staaten zog, ausgeblieben sein. Nicht alle Auswanderer überquerten indes den Ozean, eine bedeutende Zahl siedelte sich auch innerhalb des deutschsprachigen Raums oder des übrigen Europa an. Dass sich viele Pfälzer zusammen mit Hugenotten und Wallonen vor der französischen Bedrohung Ende des 17. Jahrhunderts nach Preußen flüchteten, fand bereits Erwähnung. Unter der 1740 anbrechenden Herrschaft Friedrichs II., der besonders für die Trockenlegung des Oderbruchs und der Warthe-Netze-Gegend Arbeitskräfte und Kolonisten anwarb, erlebte diese Zuwanderung ihre Neuauflage. Zahlreiche Kurpfälzer oder Pfalz-Zweibrücker siedelten sich im Großraum Berlin (z. B. in Müggelheim im Amt Köpenick), der Kur- und Neumark sowie Pommern an. Doch nicht nur die östlichen preußischen Besitzungen bildeten Wanderungsziele, sondern auch das dem Haus Hohenzollern unterstellte Herzogtum Kleve am Niederrhein, wo die programmatisch benannte Kolonie Pfalzdorf aus dem Boden gestampft wurde. Im Einflussbereich der K-und-K-Monarchie lebten und arbeiteten Pfälzer in Ungarn, Siebenbürgen, Slowenien und Kroatien, ab 1763 startete Kaiserin Maria Theresia die zusätzliche Kolonisierung des Banats und der Batschka (die Landstriche sind auf die heutigen Staaten Rumänien, Serbien und Ungarn verteilt), ihr Sohn und Nachfolger Joseph II. initiierte 1785 dann identische Projekte für Galizien und die Bukowina (auf dem Gebiet der heutigen Westukraine bzw. Nordrumäniens). All das sollte auf Resonanz in pfälzischen Breiten stoßen.

Als letzte bedeutende Auswanderungswelle ist noch die nach Russland zu umreißen. Zarin Katharina II., aus dem deutschen Adelsgeschlecht Anhalt-Zerbst gebürtig, hatte vielleicht noch mehr als die vergleichbaren Herrscher West- und Mitteleuropas ein vitales Interesse daran, die Weiten ihres riesigen Reiches urbar zu machen. Wie bereits die Habsburger in ihrer Einflusssphäre, lockte auch Katharina Kolonisten mittels der üblichen Privilegien (freie Religionsausübung, Siedlungsland und Steuerfreiheit) u. a. in Gegenden, die ihre Truppen erst kurz zuvor von den in die Defensive geratenen Osmanen erobert hatten – darunter die Krim und der Raum Otschakow. Noch bis ins 19. Jahrhundert sollte ihr Nachfolger Zar Alexander II. den von ihr eingeschlagenen Kurs fortsetzen. Man kann sich vorstellen, dass die pfälzischen Regenten nicht gerade erbaut über die Abwanderungstendenzen innerhalb ihrer Untertanenschaft waren, welche durch das gesamte 18. Jahrhundert hindurch anhielten. Sämtliche erlassenen Auswanderungsverbote wie etwa das von Kurfürst Karl Theodor 1752 änderten in der Summe allerdings nichts an den Zuständen.[1] Die Aus- und auch die Binnenwanderung sollte für die Pfalz bis ins frühe 20. Jahrhundert das ab jetzt vorherrschende Migrationsmuster bleiben, welches die Mentalität und Gesellschaft der Region in einem bedeutenden Maße beeinflusste.

 

Von neugestifteter Familieneinheit und den Zweibrücker Herzögen im Spätabsolutismus

Im Bereich der Staatspolitik, der Kultur und des Geisteslebens lauteten die Maximen zu Beginn des 18. Jahrhunderts Ausgleich und Neubeginn. Angesichts der Erfahrung der für alle Seiten nachteiligen Konflikte der jüngsten Vergangenheit hörten die beiden Kurlinien der Wittelsbacher im Zeitalter der Aufklärung auf die Stimme der Vernunft und bemühten sich um die finale Beilegung ihrer uralten, immer wieder hochkochenden Streitpunkte. Im 1724 geschlossenen Friedens- und Bündnisvertrag der Wittelsbachischen Hausunion einigten sich der pfälzische und bayerische Kurfürst nebst den ebenfalls zur Familie gehörenden Erzbischöfen von Trier und Köln darauf, künftig auf Reichsebene, respektive im Kurfürstenkolleg zu kooperieren. Das Reichsvikariat sollte gemeinsam ausgeübt, die Bistümer paritätisch verteilt werden. Kurzfristig verhinderte diese Union indes noch nicht die im gleichen Jahr diplomatisch hochkochende „Regionalkrise“ zwischen Kurpfalz und Pfalz-Zweibrücken. Da Herzog Gustav Samuel Leopold kinderlos geblieben war, ging es wieder einmal um die Frage der Erbfolge: Kurpfalz oder Pfalz-Birkenfeld? Unter dem Vorwand, den Herzog vor Attentätern und illoyalen Truppen zu schätzen, waren Kurpfälzer Einheiten kurzzeitig sogar auf zweibrückisches Gebiet vorgerückt, mussten aber den Rückzug antreten, als Frankreich gegen ihre Präsenz mobil machte. Langfristig bot das mehrfach verlängerte Vertragswerk der Hausunion nicht nur einen Rahmen für eine gedeihliche Regelung der Erbfolgen so gelangte Zweibrücken endgültig 1733 an Christian III. von Pfalz-Birkenfeld – es schuf durch die Vereinigung von vier Kurfürsten im südlichen Reich auch ein bedeutendes Gegenwicht zum Habsburger Kaiserhaus. Einen definitiven Stabilitätsbeitrag leistete schließlich das 1756, zu Beginn des Siebenjährigen Krieges, geschlossene Bündnis zwischen den jahrhundertelangen Feinden Frankreich und Österreich (renversement des alliances), welches die pfälzischen Territorien aus der mehr als undankbaren Mittellage zwischen zwei rivalisierenden Großmächten befreite. Jene Konstellation garantierte der Region eine längere Friedensphase, die erst 1792 ihr Ende finden sollte.[2]

 

Abb. 2: Schloss Zweibrücken 2007 (Wikipedia Commons)
Abb. 2: Schloss Zweibrücken 2007 (Wikipedia Commons)

 

Angesichts der skizzierten Stabilitätsfaktoren bot sich im 18. Jahrhundert so manche Möglichkeit, Zerstörtes teils schöner wiederaufzubauen als zuvor, den Musen, der Kunst und den sich langsam herausschälenden modernen Wissenschaft im Spätabsolutismus ihre wohlverdiente Entfaltung zu gewähren. Solches blieb wohlgemerkt dem Adel und gehobenen Bürgertum vorbehalten, nicht dem dritten Stand der Bauern, Handwerker und Tagelöhner. In Pfalz-Zweibrücken hatte früh eine gewisse Aufbruchsstimmung eingesetzt. Bereits unter Gustav Samuel Leopold begann der systematische Ausbau Zweibrückens zur prachtvollen Spätbarock- bzw. Rokokoresidenz. Der schwedische Baumeister Jonas Erikson Sundahl baute das im Krieg zerstörte Schloss, umgeben von herrlichen Gärten und Parks, die Goethe in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ erwähnen sollte, ebenso wieder auf wie Schloss Louisenthal am Gutenbrunnen. Der ab 1735 regierende Christian IV. war als mannigfaltiger Förderer der schönen Künste bekannt – u. a. als Verehrer und Mäzen des Komponisten Christoph Willibald Gluck sowie des Malers Johann Christian Mannlich. Er richtete, wie alle deutschen Fürsten der Zeit, seine Hofkultur ganz nach dem großen Vorbild Versailles aus. Erklärt frankophil, besaß Christian IV. in Paris ein eigenes Palais. Schloss Bergzabern, bereits im 16. Jahrhundert unter Herzog Wolfgang ausgebaut, diente in den 1740er Jahren Christians Mutter, der Herzoginwitwe Karoline und ihrer Tochter, Prinzessin Henriette Karoline als Sitz. Jener Umstand sorgte für ein kulturelles Aufblühen des Ortes. In Herzog Christians Regentschaft fiel ebenso die Hochphase der Bibliotheca Bipontina, deren ältere Bestände zusammengetragen und u. a. aus dem elsässischen Bischweiler nach Zweibrücken transportiert wurden. Die ständig zu aktualisierende Bibliothek sollte mit ihren jeweiligen Abteilungen nicht zuletzt den herzoglichen Beamten dienen, denn die Entwicklung einer qualifizierten und effizienten Verwaltung galt als fundamentaler Teil moderner Staatsräson.

Frankreich war nicht nur als gesellschaftliches Vorbild für Zweibrücken wichtig, sondern auch als außenpolitischer Fixpunkt und Bündnispartner. Entsprechend stellte der Herzog 1757 dem französischen König das neu gegründete Regiment Royal Deux-Ponts zur Verfügung. Unter ihrem neuen Herrn wurden die Zweibrücker Soldaten im späteren Unabhängigkeitskrieg der mit Paris verbündeten Vereinigten Staaten eingesetzt und spielten 1781 bei der kriegsentscheidenden Schlacht von Yorktown, welche den endgültigen US-Sieg über die Kolonialmacht Großbritannien besiegelte, eine wesentliche, in der Tat weltgeschichtliche Rolle.

 

Abb. 3: Eine der Fahnen des Regiments Royal Deux-Ponts (Wikipedia, bearb. nach: Les uniformes et les drapeaux de l’armée du roi, Marseille 1899)
Abb. 3: Eine der Fahnen des Regiments Royal Deux-Ponts (Wikipedia, bearb. nach: Les uniformes et les drapeaux de l’armée du roi, Marseille 1899)

 

Wirtschaftspolitisch folgte Christian IV. der klassischen merkantilistischen Linie, suchte nach Innovationen beim Feldbau, förderte die Viehzucht und hatte großen Erfolg mit seiner Trakehner-Zucht. Ebenso subventionierte er Protoindustrie und Gewerbe, wobei sich seine zunächst in Schloss Louisenthal angesiedelte Porzellanmanufaktur, wie damals so viele fürstliche Monopolisten für Luxusgüter im Reich, langfristig nicht als wettbewerbsfähig erwies.[3] 

Abb. 4: John Trumbull , Surrender of Lord Cornwallis at Yorktown, Öl, 1797 (US-Kapitol, Kunstslg. Yale University)
Abb. 4: John Trumbull , Surrender of Lord Cornwallis at Yorktown, Öl, 1797 (US-Kapitol, Kunstslg. Yale University)

 

Unter Karl II. August  dem letzten Zweibrücker Herzog zog man in den 1770ern auf dem Karlsberg nahe Homburg eines der deutschlandweit beeindruckendsten Schlösser dieser Epoche in die Höhe. Entworfen von Hofmaler Mannlich, dem eigentlich die Qualifikation als Architekt fehlte, beherbergte das Schloss ein Hoftheater, die herzogliche Kunstsammlung, das Naturalienkabinett, einen Marsstall und war nicht zuletzt Garnisonsstandort.[4] Eine bekannte Biermarke ist heute nach ihm benannt, der Schattenriss von Herzog Karl II. August ziert noch immer das Etikett ihrer Flaschen.

 

Abb. 5: „Vue de Château de Carlsberg“, unbekannter Künstler, Homburg 1790 (Wikipedia)
Abb. 5: unbekannter Künstler, „Vue de Château de Carlsberg“, Homburg 1790 (Wikipedia)

 

 

Von einer neuen kurpfälzischen Residenz, den frühmodernen Wissenschaften und schönen Künsten

Auch die Kurpfalz als größtes Territorium der Region erlebte seit dem frühen 18. Jahrhundert eine Zeit der kulturellen und wissenschaftlichen Blüte. Diese wurde  interessanterweise noch durch einen Regierungsumzug befördert, der sich aus den bereits dargelegten langwierigen konfessionellen Auseinandersetzungen im Land ergab. Seit 1716 saß Kurfürst Karl III. Philipp, der letzte Regent der katholischen Neuburger Linie auf dem Thron. Er hatte das schwierige Verhältnis seines Vorgängers zum reformierten Heidelberger Kirchenrat bruchlos übernommen und versuchte im Sinne einer zentralistischen Verwaltung, die bis dato relativ unabhängige Institutionen zu einer landesherrlichen Behörde zu degradieren. Ein heftiger Religionsstreit entbrannte letztlich aus zwei Gründen: Zum einen war dem Kurfürsten die Passage des Heidelberger Katechismus, welche die katholische Messe als „Teufelswerk und vermaledyte Abgötterey“ verwarf, ein Dorn im Auge, zum anderen beanspruchte er die zuvor simultan genutzte Heidelberger Heiliggeistkirche als sein alleiniges Hofgotteshaus. Karl Philipp ließ, in beiden Fällen rechtswidrig, zunächst alle Exemplare des Katechismus solange einziehen bis die inkriminierte Passage entfernt würde und darüber hinaus die Heiliggeistkirche von seinen Truppen besetzen. Der Kirchenrat rief daraufhin die protestantischen Reichsstände an, Preußen und Hannover drohten der Kurpfalz mit Konsequenzen, selbst Krieg lag in der Luft. Nachdem sich auch Kaiser und Reichstag eingeschaltet hatten, sah sich der herrische Kurfürst gezwungen, in allen Punkten nachzugeben. Er zeigte sich über den hartnäckigen Widerstand der Heidelberger jedoch so erzürnt, dass er beschloss, den jahrhundertealten kurpfälzischen Hof nach Mannheim zu verlegen bei seinem Abzug soll er laut Legende mit grimmiger Sicherheit geknurrt haben, künftig würde nur noch Grass in den Straßen und Gassen Heidelbergs wachsen.[5]

 

Abb. 6: Mannheimer Schloss, Fassade und Ehrenhof (Foto: Hubert Berberich 2013)
Abb. 6: Mannheimer Schloss, Fassade und Ehrenhof (Foto: Hubert Berberich 2013)

 

In seinem neuen Zuhause angekommen, säumte Karl Philipp nicht lange, um mit dem Baubeginn des Mannheimer Schlosses gleichzeitig den Grundstein für die massive kulturelle Aufwertung der Stadt in den kommenden Jahrzehnten zu legen. Damit das immense Bauvorhaben von seinem von den Kriegsnachwirkungen immer noch gezeichneten Staat finanziell überhaupt geschultert werden konnte, zwang der Kurfürst alle Oberämter mit Ausnahme des eben erst düpierten Heidelberg zu einer Erhöhung der Schatzung (direkte Steuer) um 16% von 1720 bis 1733. Das im Entstehen begriffene Barockschloss, dessen Bau u.a. der Franzose Guillaume d’Hauberat leitete, dessen Deckengemälde Egid Quirin Asam und dessen Bildhauereien Karl Egell schuf, sollte mit seinen späteren Ausmaßen (450 Meter lang, mit 600 Räumen) einer der größten Komplexe seiner Art in Europa werden. Wie alle fürstlichen Prachtbauten des Absolutismus muss es als in Stein gehauene politische Repräsentation wittelsbachischen Machtanspruchs und Prestiges gesehen werden. Die für die Arbeiten am Schloss verpflichtete Künstlerschar arbeitete bald auch an einem zweiten großen Bauprojekt, der 1733 begonnenen Mannheimer Jesuitenkirche, welche direkt an die Schlossanlage anschloss. In der kurfürstlichen Sommerresidenz von Schloss Schwetzingen, deren früheste Anfänge bereits im 15. Jahrhundert liegen, die im Pfälzischen Erbfolgekrieg niedergebrannt und von Johann Wilhelm wieder aufgebaut worden war, ließ Karl Philipp eine Orangerie einrichten. Nicht unerwähnt bleiben darf auch das Oggersheimer Lustschloss, 1720 in Auftrag gegeben von Carl Philipps Schwiegersohn, Pfalzgraf Joseph Karl Emanuel von Pfalz-Sulzbach, später im Besitz der Linie Pfalz-Birkenfeld und ab 1767 dann die Sommerresidenz von Kurfürstin Elisabeth Auguste, die als Tochter des ursprünglichen Auftraggebers das Schloss quasi wieder zurück in die Familie holte.

 

Abb. 7: Kurfürst Karl Theodor, Ölgemälde von Anna Dorothea Therbusch, 1763 (Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Foto: Jean Christen)
Abb. 7: Kurfürst Karl Theodor, Ölgemälde von Anna Dorothea Therbusch, 1763 (Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Foto: Jean Christen)

 

Elisabeth Augustes Ehemann, Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach (Reg. 1742-1789) war nicht nur der kulturell einflussreichste pfälzische Kurfürst des 18. Jahrhunderts, sondern zugleich auch der letzte. Wie schon seine beiden Vorgänger in Personalunion ebenfalls Herzog von Jülich und Berg trat er wegen des Erlöschens der Neuburger Linie die Nachfolge Karl III. Philipps an. Besonders das von ihm geliebte Mannheim profitierte von dem musisch veranlagten, gebildeten und künstlerisch äußerst interessierten Fürsten, der auch einen passablen Flötisten abgab. Der Bau des Mannheimer Schloss und der Jesuitenkirche wurden von ihm vollendet und wie es sich für einen aufgeklärten Herrscher Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte, gründete er 1758 zunächst eine Kunstakademie und schließlich 1763 die Mannheimer Akademie der Wissenschaften. Erst die fünfte Akademie in ganz Deutschland, war sie ausgestattet mit einer Sternwarte, einem botanischen Garten und einer Klasse für Meteorologie, samt eigener Publikationsreihe. Neben prominenten auswärtigen Mitgliedern wie Klopstock, Lessing oder Schiller fanden sich unter den ordentlichen Mitglieder z.B. der Historiker Johann Daniel Schöpflin, der Blitzableiter konstruierende Meteorologe Johann Jakob Hemmer und im Bereich Naturwissenschaften Cosimo Alessandro Collini, der ehemalige Sekretär Voltaires. Frankreichs wohl berühmtester Philosoph hatte den Hof Karl Theodors schon 1753 und 1758 besucht und blieb ein langjähriger Korrespondent des Fürsten. Die Arbeit der Akademie beförderte die Ausweitung der im neuen Schlossflügel befindlichen Bibliothek noch zusätzlich (bis zu 100 000 Bände).

Doch nicht nur Mannheim und die alte Residenz Heidelberg waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kurpfälzische Hochschulstandorte dies traf, wenn auch nur vorübergehend, ebenso auf Kaiserslautern zu. Dem Frankenthaler Apotheker Riem, der dort 1769 eine „Bienengesellschaft“ gegründet hatte, die sich zunächst mit der Verbesserung der Bienenzucht beschäftigte, gelang es bereits ein Jahr später, den Kurfürsten dazu zu bewegen, sein privates Projekt in eine staatlich geförderte „Kurfürstlich physikalische und ökonomische Gesellschaft“ umzuwandeln. Diese nun aufgestockte Hochschule widmete sich den experimentellen Natur-, ganz dezidiert aber auch den praxisorientierten Wirtschaftswissenschaften (Verbesserung des Feldbaus, Hebung von Handel und Gewerbe etc.). Die dritte Stufe des Ausbaus bildete schließlich die 1774 in Angriff genommene Gründung einer „Kameral Hohen Schule“, welche eine zeitgemäße Ausbildung des staatlichen Beamtennachwuchses gewährleisten sollte. Aus Finanz- und Standortgründen wurde dieses Experiment aber bereits 1784, mit dem landesherrlich verfügten Umzug der Institution nach Heidelberg, wieder eingestellt.

Neben der Wissenschaft avancierte der Standort Mannheim bald zu einer der ersten deutschen Adressen für Musik und Theater. Die „Mannheimer Schule“ verkörperte die kurfürstliche Hofkapelle mit ihren Direktoren Johann Stamitz und seinem Schüler Christian Cannabich, von deren Fähigkeiten der junge Mozart in höchsten Tönen schwärmte. Letzterer hätte nichts lieber getan als seine Vorbilder am Mannheimer Hof zu beerben, doch aus nicht näher bekannten Gründen, kam diese musikalische Liaison zwischen Karl Theodor und dem Salzburger Genie nicht zustande, obwohl Mozart einige Konzerte bei Hof spielte. Sowohl in Mannheim als auch Schwetzingen wurden Opern europaweit bekannter Komponisten aufgeführt wie z.B. Tommaso Traetta oder Johann Christian Bach; künstlerische Weiterentwicklung im Sinne der Reformoper stand auf dem Programm, in den Mannheimer Inszenierungen verschmolzen italienische und französische Stilelemente.

Ab 1778 trat am Mannheimer Theater Wolfgang Heribert Freiherr von Dalberg seine Intendanz an. Bald geriet seine Bühne, auf deren Brettern Iffland spielte und für die Schiller schrieb – 1782 wurden „Die Räuber“, 1784 „Kabale und Liebe“ uraufgeführt in den Debatten der Münchner Akademie und des Feuilletons zu einem der Kandidaten für ein vieldiskutiertes deutsches Nationaltheater.[6] Hierbei handelt es sich auch um ein Paradebeispiel für das schrittweise Sich-Herausschälen der Idee einer deutschen Kulturnation in den Köpfen der bürgerlichen Intelligenz im späten 18. Jahrhundert, zu einem Zeitpunkt als von einer staatlichen Einheit noch lange keine Rede sein konnte. Mannheim profitierte keineswegs alleine von Karl Theodors großzügiger Stadtplanungs- und Kulturpolitik: Ein italienischstämmiger Architekt, Franz Wilhelm Rabaliatti, stellte die Heidelberger Jesuitenkirche fertig,  in Schwetzingen erhielt Nicolas de Pigage den Auftrag für das das Rokokotheater und die Anlage des zentralen Parks. Die nördliche Residenz Düsseldorf erlebte den (Aus-)Bau u. a. von Schloss Jägerhof, der nach dem Fürsten benannten Karlstadt und von Schloss Benrath (ab 1755) und München – hier greifen wir etwas vor – ab 1789 die Anlage des Englischen Gartens, die Einrichtung der Hofbibliothek und des Karlsplatzes.[7]

 

Vom politischen Kurs des letzten pfälzischen Kurfürsten und seinem Umzug nach München

Im Bereich der Jurisprudenz, Verwaltungs- und Wirtschaftspolitik folgte Karl Theodor ganz klar von den Grundsätzen des Reformabsolutismus und der gemäßigten Aufklärung. Rechtsprechung und Verwaltung wurden getrennt, die Folter und übermäßig harte Strafen abgeschafft, auch bei den Delikten des Wild- und Forstfrevels. Gewerbliche Maßnahmen waren die obligatorische Subventionierung von Tabak- (Raum Mannheim) und Krappmanufakturen (Neustadt-Mußbach, Heidelberg) und Papiermühlen (Mosbach). Ein höfischer Vorzeigebetrieb wurde die 1755 in Frankenthal gegründete Porzellanmanufaktur, für die der Kurfürst dem Straßburger Paul Anton Hanong die Lizenz erteilt hatte. Hannong hatte durch einen „Whistleblower“ die streng gehütete Meißener Hartporzellanrezeptur in Erfahrung gebracht, was seinen Erzeugnissen einen Qualitätsschub bescherte. 1762 ging die Manufaktur dann in landesherrlichen Besitz über. Auf lange Sicht scheiterte das Unternehmen, welches stets nur durch die „Blutzufuhr“ des Hofes finanziell lebensfähig war, jedoch wegen mehrerer Ursachen: die Lieferkosten der aus Oberzell bei Passau importierten Porzellanerde waren zu hoch, die bei einem derartigen Luxusprodukt ohnehin geringe Anzahl der Abnehmer schwand, auch weil man Modetrends falsch eingeschätzt hatte, und mit dem Umzug des Hofes nach München fiel das finanzielle Fundament des Betriebs weg.

 

Abb. 8: Frankenthaler Porzellan – Karl Gottlieb Lück: Chinesenfamilie, Marke CT mit Kurhut, um 1765 (Historisches Museum der Pfalz Speyer)
Abb. 8: Frankenthaler Porzellan – Karl Gottlieb Lück: Chinesenfamilie, Marke CT mit Kurhut, um 1765 (Historisches Museum der Pfalz Speyer)

 

Was seine Außenpolitik betraf, versuchte Karl Theodor insgesamt darum, die politische Kontinuität der Leitlinien seines Vorgängers Karl Philipps zu gewährleisten. Er bemühte sich um gute Beziehungen zu Bayern, Frankreich und Hessen, versuchte aber auch mit dem Preußen Friedrichs II. auszukommen. Habsburg sah er als Gegner. Im Siebenjährigen Krieg, zeigte sich der Kurfürst lange krampfhaft bestrebt, eine Neutralität zwischen Versailles und Potsdam aufrechtzuerhalten. Jener Kurs scheiterte jedoch letztlich am diplomatischen Druck Frankreichs, zu dessen Alliiertem er sich offiziell erklären musste. Dies wiederum brachte den Regenten in die Schusslinie Preußens, dessen Truppen jetzt Teile der jülich-bergischen Lande besetzten.

Einen tiefen gesellschaftlichen Einschnitt für die Kurpfalz bedeutete der bereits angedeutete Umzug des Hofes von Mannheim nach München 1777, der durch den Tod Kurfürst Maximilians III. von Bayern bzw. das Erlöschen der bayerisch-wittelsbachischen Linie erzwungen worden war. In einem solchen Fall hatte gemäß den geschlossenen Hausverträgen die Erbfolge auf die pfälzische Linie und damit auf Karl Theodor überzugehen, beide Kuren würden zu einer verschmelzen und München Hauptresidenz werden. Es verwundert nicht, dass Karl Theodor sich, vorsichtig gesagt, wenig begeistert zeigte, Mannheim, in das er so viel investiert hatte, zu verlassen. Entsprechend kam ihm das Angebot Kaiser Josephs II., einen Ländertausch vorzunehmen, gerade recht: Bayern gegen einen großen Teil der spanisch-habsburgischen Niederlande! Da dieser Plan aber eine erhebliche Verschiebung des Kräftegleichgewichts im westlichen und südlichen Reich zugunsten Wittelsbachs und Österreichs bedeutet hätte, fühlte sich Preußen bedroht und marschierte 1778 im Zuge des Bayerischen Erbfolgekriegs ins habsburgische Böhmen ein. Dieser auch „Kartoffelkrieg“ genannte Waffengang dauerte allerdings nicht einmal ein Jahr und brachte keine schweren Kämpfe und Verluste, er endete mit dem im Mai 1779 besiegelten Frieden von Teschen.

Zwar gaben der Kaiser und Karl Theodor das Tauschprojekt nicht sofort auf, zerstritten sich dann aber über den geographischen Umfang der Ländereien: Der Kurfürst wollte die gesamten Spanischen Niederlande für Bayern, was Joseph II. als entschieden überzogen zurückwies. Kam hier bereits keine Einigung zustande, stand außerdem Friedrich der Große einem solchen Deal eindeutig feindlich gegenüber und hatte sich mit der Gründung des Deutschen Fürstenbundes auch Unterstützung für seine Position gesichert.[8] Eine nicht zu unterschätzende Folge des beschriebenen „Länderschachers“ war die große Erbitterung in weiten Teilen der bayerischen Bevölkerung und der Patriotenpartei am Münchner Hof über Karl Theodors längst öffentlich gewordenes Vorgehen. Hatte doch ihr Landesvater unmissverständlich demonstriert, auf seine Neuerwerbung keinen wirklichen Wert zu legen und sie als reine Verhandlungsmasse zu begreifen. So war sein Ruf eigentlich schon ruiniert, bevor er überhaupt nach München kam. Entsprechend frostig fiel dann beim fürstlichen Einzug auch der öffentliche Empfang aus; dass der Herrscher sich bald ausschließlich mit pfälzischen Beratern und Vertrauten umgab, die ihn von Land und Leuten isolierten, machte die Sache nicht besser. Der wohl schwerwiegendste Grund für den schweren Stand Karl Theodors bei den Altbayern und ihren Landständen muss allerdings in seiner aus ihrer Perspektive allzu radikalen Modernisierungspolitik gesehen werden, mit der er, etwa durch die Abschaffung kirchlicher Feiertage und traditioneller Wallfahrten, die Bevölkerungsmehrheit gegen sich aufbrachte.[9]

 

Von weiteren Fürstenhöfen und verkrusteten Gesellschaftsstrukturen unmittelbar vor 1789

Nach der ausführlicheren Beschreibung der Residenzen von Pfalz-Zweibrücken und Kurpfalz mögen Höfe und Schlösser kleinerer Häuser und Herrschaften auf Pfälzer Gebiet, wenn auch nur kurz angerissen, wenigstens nicht unerwähnt bleiben. Hessen-Darmstadt, dessen Landgraf Ludwig IX. Pirmasens 1736 von den Hanau-Lichtenberger Grafen geerbt hatte, sollte der Region langfristig einen wichtigen wirtschaftspolitischen Impuls geben, der aber eher aus dem Zufall geboren wurde. Der militärbegeisterte Ludwig hatte die Pirminstadt zunächst als Garnisonssitz auserkoren, in dem er sich oft aufhielt, während seine Gemahlin, Landgräfin Karoline, aus dem Geschlecht Pfalz-Birkenfeld, als eigentliche Regierungschefin in Darmstadt waltete. Die Grenadierfamilien dieser Garnison hatten von ihrem Herren die Erlaubnis erhalten, sich mit dem in häuslicher Verlagsarbeit getätigten Nähe billiger Wollschuhe („Schlappen“) einen Nebenverdienst zu sichern, der sie aus der ärgsten Armut befreien sollte – was Bände bezüglich des regulären Soldes spricht, den der Fürst seinen Soldaten zu zahlen bereit war. 1790 schloss man sich zu einer Schuhmacherzunft zusammen. Aus dieser Keimzelle sollte im kommenden Jahrhundert die Pirmasenser Schuhindustrie entstehen, die sich zu einer der umsatzstärksten  Branchen der pfälzischen Industrialisierung entwickeln würde.

Auch die Grafen von Leiningen hatten bis ins 18. Jahrhundert überdauert, wobei der Unterlinie Leiningen-Hardenburg die größte Bedeutung zukam. Diese zog mit ihrem Hof 1725 von der altehrwürdigen Hardenburg nach Dürkheim, wo ein imposantes Schloss nebst Theater erbaut wurde, dessen Herren erfolglos versuchten, sich in Sachen Repräsentation mit den Kurpfälzer Platzhirschen zu messen. Die ursprünglich an der Mosel beheimateten Grafen von der Leyen, bauten ihren aus dem 17. Jahrhundert stammenden Herrensitz im heute saarländischen Blieskastel weiter aus. Ihre Hofhaltung allein häufte einen Schuldenberg von 180 000 Gulden auf, die Staatseinnahmen betrugen dagegen nur 140 000 Gulden. Und damit sind wir bei einer gravierenden Schattenseite der pfälzischen Herrschaft im Ancien Régime angekommen, die bei den vorausgegangenen Schilderungen eindrucksvoller Bautätigkeit, Hofkultur und fürstlicher Pracht aus dem Blick geraten ist: der horrenden und letztlich ruinösen Staatsverschuldung mit all den damit einhergehenden sozialen Härten.[10]

Die immensen Kosten für eine standesgemäße fürstliche Hofhaltung, darüber hinaus das Gros der Steuern und Abgaben hatte die Masse der einfachen Bevölkerung zu tragen. Dabei kamen im absolutistischen System zwei Negativa zusammen: Zum einen unterlag bei der Repräsentation auch ein sparwilliger Regent bis zu einem gewissen Punkt staatspolitischen Sachzwängen und Mindestanforderungen, wollte er im Konzert der übrigen regionalen Herrscherhäuser ernstgenommen werden. Zum anderen dürfte in der Feudalgesellschaft die lebensweltliche Kluft zwischen der von Gottes Gnaden herrschende Aristokratie und dem wohlhabenderen Bürgertum (Beamte, Juristen, Kaufleute) einerseits und den kleinen Handwerker, Tagelöhnern und Bauern andererseits so immens gewesen sein,  dass die Staatsspitze sich zumindest keinen realistischen Begriff von der erschreckenden sozialen Ungleichheit machte, mit der sich 2/3 ihrer Untertanen jeden Tag konfrontiert sahen. Insbesondere auf dem Land lebten die Menschen immer noch in weitgehender Leibeigenschaft, verrichteten Frondienste und besaßen gegenüber der fürstlichen Obrigkeit keine verbrieften politischen Rechte, in einer statischen Gesellschaftsordnung de facto gar keine oder kaum Chancen sozialen Aufstiegs. Das Forst- und Jagdwesen befand sich fest in landesherrlicher Hand, die Bauern durften nicht einmal Wild erlegen, das ihre Saat und Ernte bedrohte. Auch Bürger, welche man vor den Stadttoren bewaffnet erwischte, unterlagen harter Strafe, Verwaltungsposten wurden bis auf Gemeindeebene hinab mittels Ämterkauf und Korruption vergeben. Zölle behinderten Verkehr und Handel zwischen den einzelnen Territorien massiv.

Sicherlich gestaltete sich in Zeiten der Aufklärung und des Reformabsolutismus nicht alles schwarzweiß, erkannten Regenten den staatlichen Handlungsbedarf, bemühten sich um Volksbildung,  erzielte man in der Kurpfalz Erfolge bei der ländlichen Alphabetisierung und dämmte Vetternwirtschaft durch den zunehmenden Einsatz qualifizierter Beamter ein.  Der Glaube an Vernunft und objektive Wissenschaft ließ in urbanen bürgerlichen Zirkeln zahlreiche Lesegesellschaften und private Diskussionsforen entstehen, dort waren der Bildungshunger und die Aufbruchsstimmung der Zeitgenossen deutlich zu spüren. Gegenüber allzu radikale Gedanken, wie sie schon seit vielen Jahren in englischen und französischen Salons kursierten oder in philosophischen Traktaten eines Locke, Montesquieu und Rousseau gedruckt standen – Ideen der Verantwortlichkeit einer Regierung gegenüber ihren Bürgern, der Gleichheit vor dem Gesetz, der Gewaltenteilung, des Volkswillens, gar der Volkssouveränität – ging man jedoch auf praktische Distanz. Im Bürgertum, das einiges zu verlieren hatte, herrschte der Konsens, dass das System sicherlich durch eine friedliche Reform, keinesfalls aber durch einen gewaltsamen Umsturz geändert werden müsse. Die Regierungsform Monarchie stand nur bei fanatischen Republikanern zur Debatte und diese lebten gefährlich.[11]

1776 benötigte die kurfürstliche Staatskasse 800 000 Gulden zur Finanzierung des Mannheimer Hoflebens, dies waren immerhin 20 % des Staatshaushalts. Man muss zugestehen, dass gerade Handel und Gewerbe der Residenzstädte in erheblichem Umfang von den Aufträgen des Hofes profitierten und die öffentlichen Einrichtungen dort vielen zu Gute kamen. Eine derart residenzbedingte Wirtschaftsstimulation kam aber nicht überall in gleichem Maß zum Tragen: Im Falle von Zweibrücken und Schloss Karlsberg hatten nicht alle  Behörden den Umzug aus der Hauptstadt vollzogen. Zudem präsentierten sich die herzoglichen Finanzen mittlerweile derart desolat, dass Zulieferer, Arbeiter und Handwerker nicht mehr bezahlt werden konnten. Außerdem bedeutete eine noch akzeptable Lage in den städtischen Zentren nicht automatisch dieselben Zuständen auf dem platten Land, aus dem die materiellen Ressourcen abflossen.[12]

Trotz aller erreichten Fortschritte zeigte sich das Grunddilemma des Reformabsolutismus auch in der Pfalz: Wenn die Fürsten die Forderungen der Aufklärung, die in ihrer letzten Konsequenz, mit einem monarchischen Gottesgnadentum unvereinbar waren, zu Ende dachten, mussten sie zu der unvermeidlichen Schlussfolgerung kommen, ihre Gesellschaftsordnung abzuschaffen. Und dazu waren sie, psychologisch wenig überraschend, nicht bereit. Was die südwestdeutschen Staaten des Reichs angeht, sollte der historische Impuls, der ihre alte Welt letztlich zertrümmern würde, allerdings nicht aus ihren eigenen Gesellschaften, sondern von außen kommen.

Christian Decker

 

Anmerkungen

[1] Zur pfälzischen Emigrationsgeschichte: Paul: Auswanderung, S. 221-228, Zitat auf S. 223 (im Original: Daniel Häberle: Auswanderungen und Koloniegründungen der Pfälzer im 18. Jahrhundert, Kaiserslautern, 1909); vgl. weiter Heinz: „Bleibe im Lande“, S. 1-4.

[2] Erbe: Frühe Neuzeit, S. 313; Holzfurtner: Wittelsbacher, S. 266f.; zum Erbfolgestreit: Ammerich: Landesherr und Landesverwaltung,  S. 135-148.

[3] Erbe: Frühe Neuzeit, S. 315; Ammerich: Herzogtum Zweibrücken, S. 378f.; Ziegler: Pfälzer Geschichte, 86f.; Übel: Bergzabern, S. 382-384; Glück-Christmann: Pfalz-Zweibrücken, S. 17f.; Svensson: Bibliotheca Bipontina, S. 135ff.

[4] Schwan: Schlösser Carl II. Augusts, S. 236-238; Kell: Karlsberg, S. 380f.

[5] Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 2, S. 173f.; Schmidt: Karl (III.) Philipp, S. 250-252.

[6] Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 2, S. 175f. u. 204-210; Mörz: Mannheim, S. 371; Ellrich: Kurfürstliche Residenzen, S. 260-263; Fuchs: Karl Theodor, S. 252-258, Kremb: Wissenstransfer im 18. Jahrhundert, S. 234-251; Leopold: Mannheimer Hofmusik, S. 297-301; Martin: Mannheimer Theater, S. 651f.

[7] Fuchs: Karl Theodor, S. 252-258.

[8] Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 2, S. 193-199 u. 229; Christmann: Frankenthal im 18. Jahrhundert, S. 394f.; Erbe: Frühe Neuzeit, S. 318f.

[9] Heigel: Karl Theodor, S. 252-258; Fuchs: Karl Theodor, S. 254f.

[10] Erbe: Frühe Neuzeit, S. 315f.; Kermann: Industrialisierung der Pfalz, S. 294.

[11] Vgl. Ziegler: Pfälzer Geschichte, S. 88-91; Schaab: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 2, S. 216 u. 218.

[12] Zahlen bei Mörz: Mannheim, S. 373; Kell: Karlsberg, S. 381.

 

Literatur

Ammerich, Hans: Das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, in: Rothenberger, Karl-Heinz/Scherer, Karl u.a. (Hg.): Pfälzische Geschichte. Bd. 1, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 18,1), 3. erw. Aufl., Kaiserslautern 2011, S. 378-380. – (Ammerich: Herzogtum Zweibrücken)

Ders.: Landesherr und Landesverwaltung – Beiträge zur Regierung von Pfalz-Zweibrücken am Ende des Alten Reiches, (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung; 11), Saarbrücken 1981. – (Ammerich: Landesherr und Landesverwaltung)

Christmann, Volker: Aufstieg – Blüte – Niedergang: Frankenthal im 18. Jahrhundert, in: Derselbe/Nestler, Gerhard u.a. (Hg.): Frankenthal – Die Geschichte einer Stadt, Frankenthal (Pfalz) 2013, S. 373-493. – (Christmann: Frankenthal im 18. Jahrhundert)

Ellrich, Hartmut : Die kurfürstlichen Residenzen in der Epoche der Neuzeit, in: Wieczorek, Alfred/Schneidmüller, Bernd u. a. (Hg.): Die Wittelsbacher am Rhein – Die Kurpfalz und Europa. Bd. 2: Neuzeit, Begleitband zur 2. Ausstellung der Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen, hg. von den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und der Stiftung Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, (Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, 60), Regensburg 2013, S. 256-265. – (Ellrich: Kurfürstliche Residenzen)

Erbe, Michael: Frühe Neuzeit Die Pfalz vom Zeitalter der Reformation bis zum Jahrhundert der Aufklärung, in: Rothenberger/Scherer u.a. (Hg.): Pfälzische Geschichte. Bd. 1, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 18,1), Kaiserslautern 2011, S. 296-321. (Erbe: Frühe Neuzeit)

Fuchs, Peter: Karl Theodor, in: Neuere Deutsche Biographie. Bd. 11, Berlin 1977, S. 252-258. – (Fuchs: Karl Theodor)

Glück-Christmann, Charlotte: Das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken (1410-1801), in: dies. (Hg.): Die Wiege der Könige 600 Jahre Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, Landesausstellung im Stadtmuseum Zweibrücken 29.8.-14.11.2010, Zweibrücken 2010, S. 17-20. – (Glück-Christmann: Pfalz-Zweibrücken)

Heinz, Joachim: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ – Zur Geschichte der pfälzischen Auswanderung vom Ende des 17. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 1), Kaiserslautern 1989. – (Heinz: „Bleibe im Lande“)

Heigel, Karl Theodor von: Karl Theodor, in: Allgemeine Deutsche Biographie. Bd. 15, Leipzig 1882, S. 250-258. – (Heigel: Karl Theodor)

Holzfurtner, Ludwig: Die Wittelsbacher Staat und Dynastie in acht Jahrhunderten, Stuttgart 2005. – (Holzfurtner: Wittelsbacher)

Kell, Eva: Karlsberg, in: Rothenberger/Scherer u.a. (Hg.): Pfälzische Geschichte. Bd. 1, Kaiserslautern 2011, S. 380f. (Kell: Karlsberg)

Kermann, Joachim: Die Industrialisierung der Pfalz im 19. Jahrhundert, in: Geiger, Michael/ Preuß, Günter u. a. (Hg.): Pfälzische Landeskunde – Beiträge zur Geographie, Biologie, Volkskunde und Geschichte. Bd. 3, Landau 1981, S. 280-304. (Kermann: Industrialisierung der Pfalz)

Kremb, Klaus: „Die aechte Quelle des Reichstums“ – Wissenstransfer im 18. Jahrhundert, in: Kaiserslauterer Jahrbuch für pfälzische Geschichte und Volkskunde (12) 2012, S. 233-252. (Kremb: Wissenstransfer im 18. Jahrhundert)

Leopold, Silke: Die „Schule des wahrhaft guten Geschmacks in der Tonkunst“ – Carl Theodor und die Mannheimer Hofmusik, in: Wieczorek/Schneidmüller, u. a. (Hg.): Die Wittelsbacher am Rhein – Die Kurpfalz und Europa. Bd. 2, Regensburg 2013, S. 297-303. (Leopold: Mannheimer Hofmusik)

Martin, Dieter: Das Mannheimer Theater im Spiegel zeitgenössischer Periodika, in: Kreutz, Wilhelm/Kühlmann, Wilhelm u. a. (Hg.): Die Wittelsbacher und die Kurpfalz in der Neuzeit – Zwischen Reformation und Revolution, 1. Aufl., Regensburg 2013, S. 639-668. (Martin: Mannheimer Theater)

Mörz, Stefan: Mannheim, in: Rothenberger/Scherer u. a. (Hg.): Pfälzische Geschichte. Bd. 1, Kaiserslautern 2011, S. 371-373.

Paul, Roland: Auswanderung aus der Pfalz vom 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in: Geiger/Preuß u. a. (Hg.): Pfälzische Landeskunde. Bd. 3, Landau 1981, S. 221-243. – (Paul: Auswanderung)

Schaab, Meinrad: Geschichte der Kurpfalz. Bd. 1: Mittelalter; Bd. 2: Neuzeit, Stuttgart/Berlin u.a. 1988/1992. (Schaab: Geschichte der Kurpfalz, hier Bd. 2)

Schmidt, Hans: Karl (III.) Philipp, in: Neuere Deutsche Biographie. Bd. 11, Berlin 1977, S. 250-252 – URL: http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016328/images/index.html?seite=264 (Stand: 12.12.2016) – (Schmidt: Karl (III.) Philipp)

Schwan, Jutta: Die Schlösser des Herzogs Carl II. August von Pfalz-Zweibrücken in seiner Regierungszeit, in: Glück-Christmann (Hg.): Die Wiege der Könige – 600 Jahre Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, Zweibrücken 2010, S. 236-242. – (Schwan: Schlösser Carl II. Augusts)

Svensson, Lars G.: Die Geschichte der Bibliotheca Bipontina – Mit einem Katalog der Handschriften, (Beiträge zur pfälzischen Geschichte; 21), Kaiserslautern 2002. – (Svensson: Bibliotheca Bipontina)

Übel, Rolf: Bergzabern, in: Rothenberger/Scherer u. a. (Hg.): Pfälzische Geschichte. Bd. 1, Kaiserslautern 2011, S. 382-384. – (Übel: Bergzabern)

Ziegler, Hannes: Pfälzer Geschichte – Von den Anfängen bis in die Gegenwart, Ludwigshafen am Rhein 2011. (Ziegler: Pfälzer Geschichte)